Zum 3. Oktober schildern Kolleginnen und Kollegen der FUNKE-Redaktion ihre ganz persönliche Sicht auf die Wiedervereinigung.
Der 3. Oktober 1990 vor dem Reichstagsgebäude in Berlin. 45 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die Deutschen wieder in einem souveränen Staat vereint.
Zum 3. Oktober schildern Kolleginnen und Kollegen der FUNKE-Redaktion ihre ganz persönliche Sicht auf die Wiedervereinigung. Der 3. Oktober 1990 vor dem Reichstagsgebäude in Berlin. 45 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die Deutschen wieder in einem souveränen Staat vereint.
Die deutsche Einheit trennt die Deutschen, könnte man meinen, wenn man die politischen Debatten der vergangenen Monate beobachtet hat. Der– kein Grund mehr zum Feiern? Auf diese Frage antworten neun Kolleginnen und Kollegen aus unserer Redaktion – aus Ost und aus West und mit ganz unterschiedlichen Biografien.zu fliehen. Wie verzweifelt muss man sich nach Freiheit sehnen, um so ein Risiko einzugehen?
Viele sind dabei gestorben. Wir haben diese Freiheit und können dankbar dafür sein. Das muss gefeiert werden. Und trotzdem, es kriselt zwischen Ost und West.
Angesichts der jüngsten-Erfolge hat sich der Ton wieder verschärft. Im Osten gibt es viele Akteure, die auf entsetzliche Weise die DDR verherrlichen, und mit Ostdeutschtümelei auffallen. Logisch, dass das im Westen nervt. Aber auch dort gibt es Stimmen, die in bockige Töne verfallen, das Wort „Jammerossi“ taucht wieder häufiger auf.
Tieferes Verständnis für das, was jeweils bewegt, unter all diesen schrillen Tönen – bei einigen mangelhaft. Und das ist keine gute Nachricht an diesem Einheitstag. Alle Jahre wieder kommt und geht der 3. Oktober.
Für mich ist das ein freier Tag, weniger ein Feiertag. Ich bin im Oktober 1987 inkenne ich nur als ein Land. Was also hätte ich zu feiern? Im Gegenteil: Unsere Nachbarn blickten zu Recht mit Argwohn auf die Idee der Einheit.
Zu viel Leid ging von deutschem Boden aus. Ihnen bin ich dankbar, dass sie uns das Vertrauen geschenkt haben. Die Teilung spielt in meinem persönlichen Empfinden eine geringe Rolle, viele Deutsche sind mir fremd. Egal ob aus Ost oder West.
Was ich als verbindend erlebe, ist nicht das Deutsche, sondern dass Deutsche heute im Land der Täter – zu denen auch meine Vorfahren gehörten – unbeugsam für freieFür mich ist der 3. Oktober der schönste Feiertag, und das hat mit meinem Leben zu tun. Als junger Wehrpflichtiger wurde ich im Kalten Krieg an Waffen ausgebildet und fand es unfassbar, dass ich im Ernstfall auf Deutsche schießen sollte. Den 3.
Oktober 1990 erlebte ich als Reporter in der Hauptstadt und stand mit einer Million Ost- und West-Berlinern nachts vor dem Reichstag, als mit dem zwölften Glockenschlag die Einheit wahr wurde. Wildfremde Menschen lagen sich weinend in den Armen und werden diese Nacht – wie ich – nie vergessen. Später heiratete ich eine Magdeburgerin, und unsere drei Kinder wuchsen direkt am alten Todesstreifen auf, der an unseren Garten grenzt.
Manchmal fanden sie beim Spielen Reste der Elektrozäune, und ich erzählte die Geschichte der Berliner Mauer. Sie klang so absurd, dass sie ihrem Vater nicht glauben wollten. Die Mauer kenne ich nur als den Streifen aus Pflastersteinen, der sich durch Berlin zieht. Meine Familie kommt nicht ursprünglich aus Deutschland.
Wirklich begreifen kann ich die deutsche Teilung daher nicht. Ich kenne nur Geschichten. Wie die meiner Lehrerin an der Grundschule, die im Herbst 1989 auf die Straße gegangen ist. Oder einer Freundin, die heimlich in ihrem Kinderzimmer Westradio gehört hat.
Dass das erst 36 Jahre her ist, kann ich kaum glauben. Ich höre diesen Geschichten zu und sehe, wie viel sich verändert hat. Meine Generation darf sagen, was sie denkt, reisen, wohin sie will, und wählen, wen sie will. Ein Leben ohne diese Freiheiten kann ich mir nicht vorstellen.
Was sich so oft selbstverständlich anfühlt, ist es nicht. Deswegen ist der 3. Oktober ein Grund zum Feiern. Ich habe die deutsche Teilung am eigenen Leib erfahren.
Als West-Berliner bin ich mit dem begrenzten Auslauf und den nervigen Fahrten durch „die Zone“ aufgewachsen. Vom Dach des Kreuzberger Hauses direkt an der Mauer, in dem ich als Student wohnte, haben wir den Grenzsoldaten in seinem Wachturm verspottet und ihm westliche Freiheiten auf Augenhöhe vorgeführt. Wie verrückt die Lage war, habe ich mir lange nicht wirklich klargemacht. Aber dass die DDR als spießiges Unrechtsregime daherkam und obendrein schlecht roch, war mir immer klar.
Als die Mauer fiel, haben wir uns bei der ersten Gelegenheit in einem Jugendclub nicht weit von unserem Haus mit Korn-Kola und vielen freundlichen Ossis betrunken. Inzwischen lebe ich seit 25 Jahren im Ostteil meiner Stadt. Ohne die Einheit wäre ich wahrscheinlich längst ausgewandert – oder in Kreuzberg versackt. Meine Mutter kommt aus Magdeburg, mein Vater aus Salzgitter – ohne die Wiedervereinigung gäbe es mich gar nicht.
Der Tag der Einheit ist für mich also ein Grund zum Feiern, aber auch zum Aushandeln. Aufgewachsen in Sachsen-Anhalt, mit Familie in Ost und West und als Datenjournalistin ausgebildet, fallen mir Unterschiede zwischen beiden Teilen Deutschlands besonders auf – etwa bei Vermögen, Altersstruktur und Führungspositionen. Und diese Unterschiede können uns auseinandertreiben. Deshalb müssen wir offen und ohne Schuldzuweisungen darüber sprechen – und auch persönlich ins Gespräch kommen: Wie hat deine Familie die Wendezeit erlebt?
Wie war es, in Sachsen-Anhalt,oder Bayern aufzuwachsen? Aus meiner Familie weiß ich: Wenn wir einander zuhören und neugierig bleiben, entdecken wir in unseren Geschichten neben den Unterschieden auch Gemeinsamkeiten. Und das macht für mich Einheit aus. Irgendwo in meinem Keller liegt noch der abgetippte Aufruf des Neuen Forums und der Verfassungsentwurf des Runden Tischs.
Am 3. Oktober 1990 waren sie nur noch Devotionalien des Umbruchs. Ich hatte gerade 30 Tage des neuen DDR-Zivildiensts in Strausberg östlich von Berlin hinter mir. Ich war nicht in Feierlaune, nicht in Proteststimmung, geheult hatte ich Monate zuvor: Bei der einzigen freien Wahl der DDR am 18.
März hatte das Bündnis 90 nur 2,9 Prozent geholt. Die Ostdeutschen wollten die Blitz-Tour zu Einheit und D-Mark. Die Demokratie kam nun als Fertigprodukt, es gab nichts mehr zu tun, dachte ich. Doch dann begann die freieste Zeit meines Lebens – in Prenzlauer Berg: Hier schien sich 1990 plötzlich die ganze Welt zu vereinen in einem kreativen Rausch.
Und heute? Ich denke noch immer, wir hätten uns mehr Zeit nehmen sollen. Und:Ich bin ein Kind der Einheit – und irgendwie ein Hybrid. Kurz nach der Wende im Osten Berlins geboren, mit ostdeutschen Eltern und ihren Geschichten über Honecker, Mielke, Krenz, Intershop und Mitropa aufgewachsen, bin ich selbst im Westen, in Köln, groß geworden.
Zwei Prägungen, zwei Perspektiven, die für mich ganz selbstverständlich zusammengehören. Dafür bin ich dankbar. Und doch merke ich, dass vielen meiner Freunde aus dem Westen dieses Wissen und diese Geschichten fehlen. Umso wichtiger finde ich es, Erinnerungen weiterzugeben, Eltern und Großeltern zu fragen und zuzuhören.
Und vielleicht zwischendurch auch mal „Weissensee“ oder „Das Leben der Anderen“ zu schauen – damit die Geschichte nicht nur Geschichte bleibt. Die deutsche Einheit begann für mich 1967, als meine Eltern heirateten. Ich war noch gar nicht geboren, aber meine Mutter aus Westfalen und mein Vater aus Berlin beziehungsweiseeine Familie, in der der Ost-West-Vergleich seitdem mit einem Schmunzeln gebraucht wird, wenn einer die Eigenheiten des anderen beschreibt. Mit diesem Hintergrund kam ich 1995 nach.
Es dauerte drei Jahre, bis sich für meine damalige Lebensgefährtin aus den sogenannten neuen Bundesländern und mich die Einheit vollendete und meine erste Tochter geboren wurde. Wir schmunzelten oft in diesen recht wilden 90er-Jahren, waren euphorisch – und auf einmal zu dritt. Denke ich an den 3. Oktober, wird das historische Ereignis zu einer Familienangelegenheit.
Und so muss man wohl auch die Einheit betrachten, damit sie funktioniert. Sie haben vermutlich einen Ad-Blocker aktiviert. Aus diesem Grund können die Funktionen des Podcast-Players eingeschränkt sein. Bitte deaktivieren Sie den Ad-Blocker, um den Podcast hören zu können.
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