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Alfred-Kerr-Darstellerpreis für Paulina Alpen: „Sie hat Kraft, aber sie stellt sie nicht aus“

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Alfred-Kerr-Darstellerpreis für Paulina Alpen: „Sie hat Kraft, aber sie stellt sie nicht aus“
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Für ihre Rolle in „Die Welt im Rücken“ gewinnt Paulina Alpen den Alfred-Kerr-Darstellerpreis. Lesen Sie hier die Laudatio des diesjährigen Jurors Matthias Brandt.

zuerst möchte ich mich bei Peter von Becker, Peter Böhme und Torsten Maß bedanken, dass sie der Meinung waren, ich könne hier heute etwas beurteilen.

Das ist keineswegs selbstverständlich. Bedanken möchte ich mich auch bei Nora Hertlein-Hull und Matthias Pees und bei allen Mitarbeitern der Berliner Festspiele und des Theatertreffens für die Unterstützung und das offene Willkommen. Matthias Brandt, bekannt für seine Rollen in Theater, Film und Fernsehen sowie als Romanautor, ist in diesem Jahr Juror.

Ich will unhöflicher Weise mit einem kleinen Bekenntnis anfangen, weil es erklärt, warum ich heute hier mit großem Vergnügen stehe, aber auch mit einer gewissen Vorsicht: Ich bin am Theater nicht so zu Hause wie andere, die hier sprechen. Ich bin dort zu Gast, so steht es auch in meinen Arbeitspapieren. Ein meistens gern gesehener Gast, das macht man mich zumindest glauben, aber eben doch keiner, der dort wirklich zu Hause ist.

Das Theater ist für mich, bei aller Liebe, mittlerweile ein fremder Kosmos geworden. Mit eigenen Regeln, eigener Sprache, eigenen Gewissheiten, die ich nicht mehr oder nur noch unvollkommen beherrsche. Aber wer weiß, vielleicht ist es ja auch gar nicht so schlecht, wenn jemand mit Distanz auf die Bühne schaut. Und mit besonderem Staunen auf das, was deren ständigen Bewohnern längst selbstverständlich geworden ist.

Einer, der nicht jedes Zeichen sofort richtig einordnet. Einer, der am Ende auf etwas sehr Einfaches zurückgeworfen ist: Was geschieht mit mir, wenn ich den Spielerinnen und Spielern zusehe? Denn darauf kommt es ja an. Nicht, ob man hinterher besonders klug über einen Abend sprechen kann.

Sondern ob jemand einen erreicht. Ob man das Gefühl hat: Da wird nicht nur etwas behauptet, da wird nicht nur etwas demonstriert, da wird nicht nur Können oder eine Botschaft vorgeführt, sondern da legt jemand etwas frei, das ohne ihn oder sie in diesem Moment nicht da wäre. Mit zehn von der Jury ausgewählten Aufführungen hatte ich mich zu beschäftigen.

Und, was lustig war: Kaum war im Januar deren Auswahl bekannt geworden, begann augenblicklich ein lebhaftes Ritual deutscher Hochkultur: die ausführliche Erklärung, warum diese Entscheidungen selbstverständlich falsch waren. Das geht dann mit großer Energie und Detailgenauigkeit vor sich. Manchmal wirkt es ein bisschen wie eine Familienaufstellung mit Feuilletonzugabe. Ich sage das ausdrücklich mit einer gewissen Zärtlichkeit.

Denn es geht offenbar wirklich um etwas. Sonst würde man sich nicht so aufregen. Trotzdem ist es gelegentlich komisch zu sehen, mit welcher Entschiedenheit Menschen einander erklären, warum einem ein Abend nicht gefallen haben kann oder auch nicht gefallen haben darf. Was, wie gesagt, wiederum beruhigend ist.

Denn daran erkennt man vermutlich, dass das Theater lebt. Von zehn Aufführungen habe ich neun gesehen, also die, die beim Theatertreffen auch gezeigt wurden, und mich dabei auf die jüngeren Schauspielerinnen und Schauspieler konzentriert, viele von ihnen waren erstaunlich.

Und so unterschiedlich meine Erlebnisse waren, ein Gefühl ist für mich mit allen verbunden: mein nie enden wollendes Staunen über den unglaublichen Mut meiner Kolleginnen und Kollegen , überhaupt eine Bühne zu betreten. Kerr war ja nicht einfach nur jemand, der Aufführungen kritisiert hat. Theaterkritik war bei ihm etwas Leidenschaftliches. Das klingt banal, ist es aber nicht.

Denn dieser Vorgang ist ja das größte Wunder überhaupt: dass jemand, die oder der eben noch angstschlotternd auf Hinter- oder Seitenbühne stand, es fertigbringt, die Schwelle zu überschreiten und sich mit der Behauptung, man habe etwas Interessantes mitzuteilen, vor ein paar hundert fremde Menschen zu stellen. Eigentlich ist das ja vollkommen verrückt. Aber manche Spielerinnen und Spieler machen daraus reine Energie. Wie unsere heutige Preisträgerin.

Zu der kommen wir gleich, zuvor aber noch dies: Der Preis, den ich heute vergeben darf, trägt den Namen von Alfred Kerr. Das ist alles andere als unwichtig, denn Kerr steht für diese Welt aus Beobachten, Beschreiben, Urteilen, die unbedingt zum Theater dazugehört. Kerr war ja nicht einfach nur jemand, der Aufführungen kritisiert hat. Theaterkritik war bei ihm etwas Leidenschaftliches.

Er schrieb über Schauspieler und Inszenierungen nicht als Konsument, sondern es ging ihm tatsächlich um etwas. Um Wahrhaftigkeit. Um Haltung. Um Präsenz.

Und so hart, ja beißend er in seinem Urteil auch sein konnte, immer hat man in seinen Texten das Gefühl, dass er das Theater nicht nur beurteilte, sondern auch liebte. Und zugleich verbinden wir mit diesem Namen natürlich noch etwas anderes. Den Vertriebenen. Den Emigranten.

Den Autor im Exil. Jemanden, der erleben musste, wie schnell ein Land seine Künstler, Schriftsteller und öffentlichen Stimmen loswerden will. Das berührt mich auch persönlich, denn auch meine Eltern waren im Exil und im Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Ich bin mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass Freiheit, nicht zuletzt die der Kunst, nichts Selbstverständliches ist.

Und auch, dass man sich seiner Heimat nie zu sicher sein sollte. Dass es Zeiten gibt, in denen das öffentliche Sprechen oder Schreiben gefährlich wird. Vielleicht empfinde ich deshalb diesen Preis auch nicht ausschließlich als aufmunternden Theaterpreis. Sondern auch als Aufforderung, uns an seinen Namensgeber und das, wofür er stand, zu erinnern.

All diese Dinge gingen mir durch den Kopf, als ich vor ein paar Tagen mit dem Fahrrad ins Haus der Festspiele fuhr, um mir „Die Welt im Rücken“ aus Stuttgart anzuschauen. Aber nun zum Preis. Ein Gedanke war mir bei dieser Entscheidung besonders wichtig. Der Alfred-Kerr-Darstellerpreis ist ausdrücklich ein Nachwuchs-, also ein Ermunterungspreis.

Das klingt zunächst nach einer formalen Kategorie, ist aber mehr als das. Es verändert den Blick. Es ging mir also nicht allein darum, wer von den jungen Schauspielerinnen und Schauspielern die virtuoseste Leistung zeigt, wer mit der sichtbarsten Souveränität einen Abend trägt. Davon gab es in diesem Jahr mehr als ein beeindruckendes Beispiel.

Aber ein Nachwuchspreis fragt noch etwas anderes. Er fragt: Wo ist etwas im Entstehen, dem man zutraut, noch größer zu werden? Wo sieht man nicht nur Können, sondern eine besondere Energie, eine eigene Handschrift, eine Gefährdung, eine Unruhe? Wo hat man den Eindruck: Da ist jemand noch nicht fertig, zum Glück nicht, und da ist etwas, dem man unbedingt weiter zusehen möchte.

Das war für mich am Ende der entscheidende Punkt, und deswegen geht der diesjährige Alfred-Kerr-Darstellerpreis an Paulina Alpen für ihre Darstellung in Lucia Bihlers Inszenierung von „Die Welt im Rücken“ nach Thomas Melle am Schauspiel Stuttgart. Die leichtere Variante wäre das große Ausstellen. Die pure Verausgabung. Der Hochleistungssport der Erschütterung.

Aber diese Schauspielerin weiß, dass man eine Figur nicht dadurch größer macht, dass man alles zeigt. Da steht eine Schauspielerin im Zentrum eines Abends, der ja auch etwas Behauptetes haben könnte. Um sie herum andere Körper, Spiegelungen, Doppelgänger, Gegenfiguren, Echos ihrer selbst. Man versteht das Prinzip.

Man sieht auch die Gefahr. So ein Abend könnte einen mit seiner Idee so energisch begrüßen, dass man eigentlich nur noch höflich daneben sitzen und denken würde: Ja, ja, hab ich verstanden. Ist aber nicht so, denn dann beginnt sie zu spielen. Und das Prinzip ist nicht mehr das Entscheidende.

Was übrigens sehr für diese Inszenierung spricht. Denn Paulina Alpen spielt hier einen Menschen, der durch eine bipolare Störung in entgrenzende psychische Selbstgefährdung gerät. Das ist wichtig zu wissen, aber es erklärt noch nicht, was man sieht. Denn sie macht daraus keinen Fall, keine Diagnose, kein vorgeführtes Krankheitsbild, vielmehr einen Menschen, der nicht einfach nur in Unordnung gerät, sondern verzweifelt versucht, eine Ordnung zu halten, die ihm entgleitet.

Und genau das fand ich so berührend. Nicht den Ausnahmezustand als solchen. Nicht die Zerrüttung. Nicht das Vorzeigen von Extremzuständen.

Sondern den Versuch, ihnen Form zu geben. Sich gegen sie zu stemmen. Das ist etwas ganz anderes. Die leichtere Variante wäre das große Ausstellen.

Die pure Verausgabung. Der Hochleistungssport der Erschütterung. Aber diese Schauspielerin weiß, dass man eine Figur nicht dadurch größer macht, dass man alles zeigt. Sondern dadurch, dass man dosiert.

Dass man den Dingen auch mal Zeit lässt. Dass man dem Text nachhorcht. Paulina Alpen spielt diese Figur, die denselben Namen trägt wie ihr Autor, mit einer erstaunlichen Genauigkeit im Wechsel von Anspannung und Kontrollverlust und gleichzeitig mit einer Offenheit, dass man sich ihr kaum entziehen kann. Sie hat Kraft, aber sie stellt sie nicht aus.

Sie ist nie ungenau, aber auch nie geschniegelt. Und was sie zeigt, wirkt nicht hergestellt, sondern sie riskiert was. Man hat nicht das Gefühl, hier werde etwas vorgeführt, das eigentlich komplett unter Kontrolle ist. Eher, dass sich da jemand abarbeitet und sehr genau durch eine schwierige innere Landschaft navigiert.

Das ist nicht wenig. Denn gerade bei Stoffen und Figuren, die ans Äußerste gehen, liegt eine Versuchung immer schon bereit: dass man aus Erschütterung einen Effekt macht. Dass man dem Publikum nicht nur etwas zeigt, sondern es ein wenig bedient. Genau das tut sie nicht.

Ihr Spiel macht aus der Fragilität dieser Figur nichts Spekulatives. Man darf zusehen, aber man wird nicht verführt, sich an der Verzweiflung dieser Figur zu weiden. Das ist, finde ich, eine Frage des Takts, des Respekts und letztlich auch der Intelligenz. Ich habe beim Zuschauen mehr als einmal gedacht: Wie klug sie mit Tempo umgeht.

Sie kann beschleunigen, natürlich. Sie kann diese innere Hetze, diese Überreizung, diese Zersplitterung körperlich sehr genau herstellen. Aber sie kann eben auch reduzieren. Sie kann aushalten.

Sie kann die Geschwindigkeit aus dem Spiel herausnehmen. Und genau dort wird es oft am stärksten. Weil man plötzlich die kleineren Dinge sieht. Eine minimale Verschiebung im Blick.

Der Atem, der nicht mehr ganz gehorcht. Eine Haltung, die noch Fassung behauptet, obwohl sie innerlich längst in Gefahr ist. Diese kleinen Unterschiede sind es ja, die einen Menschen sichtbar machen. Nicht das Dauerfeuer.

Begabung allein ist noch kein Kunstbegriff. Begabung ist zunächst nur eine Möglichkeit. Spannend wird es erst, wenn jemand daraus etwas macht. Haltung.

Gegenwart. Und Gegenwart hat Paulina Alpen. Sie spielt diese Figur nicht als Fall, nicht als Diagnose, sondern als Menschen: mit Scham, Komik, Erschöpfung, Selbstbeobachtung, Gegenwehr, Stolz, Verletzbarkeit. Man hat das Gefühl, sie ringe mit der Rolle und mit sich selbst, und das ist natürlich interessant.

Vielleicht ist das überhaupt der Punkt, an dem Schauspielerei für mich groß wird: Wenn man nicht denkt, da beherrscht jemand etwas, sondern wenn man spürt, da setzt sich jemand einer Sache aus und beherrscht dabei zugleich die eigenen Mittel, das Handwerk. Und zugleich wirkt nichts daran abgesichert. Diese Mischung macht das Spiel so stark. Überhaupt finde ich, dass sie etwas sehr Reifes besitzt, das bei jungen Schauspielerinnen und Schauspielern keineswegs selbstverständlich ist: Sie will einem nichts beweisen.

Unsere Preisträgerin kann unheimlich viel, aber das verschwindet hinter der Unbedingtheit ihres Spiels. Man denkt darüber keine Sekunde nach. Das ist selten. Dieses Wissen, meine ich, dass große Bühnenpräsenz nicht daraus entsteht, möglichst viel zu demonstrieren, sondern daraus, dass man bereit ist, sich tatsächlich hinzugeben und auch in Gefahr zu bringen.

Sich auch nicht zu scheuen, sich lächerlich zu machen. Bei Paulina Alpen hatte ich das Gefühl, dass da jemand mit voller Geschwindigkeit in etwas hineinrennt, das größer ist als sie selbst. Dass sie das weiß, nicht anders kann und genau daraus diese eigentümliche Intensität entsteht. Ich habe ihr zugesehen und nicht nur gedacht: Das ist eine sehr überzeugende Leistung.

Das auch. Aber zuerst dachte ich: Die merke ich mir. Weil ihre Art zu spielen nicht beliebig ist. Weil sie nicht austauschbar ist.

Weil sie nicht nach einer Schule, einer Mode, einer Verabredung, einem Zeitgeist aussieht. Sondern nach einer Persönlichkeit. Und das ist – meist sogar unabhängig vom Ge- oder Misslingen einer Aufführung – am Ende doch das Schönste, was man über eine Schauspielerin, einen Schauspieler sagen kann. Dass man auf eine Persönlichkeit getroffen ist, einen Menschen.

All das dachte ich vor drei Tagen, als ich nach der Vorstellung mit dem Fahrrad aus dem Theater wieder nach Hause fuhr. Liebe Paulina, wir sind uns zuvor nie begegnet, und ich weiß auch gar nicht, ob Gäste überhaupt Preise vergeben sollten. Aber ich weiß, dass ich froh bin, Deine Arbeit kennengelernt zu haben und Dich heute auszeichnen zu dürfen.

Ich bin sicher, dass wir von Dir noch viel erwarten dürfen, und werde Deinen Weg von jetzt an mit großem Interesse verfolgen.

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