Andrea Henze und der Neustart von Gelsenkirchen: Abriss und Aufbau der seelischen Gesundheit

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Andrea Henze und der Neustart von Gelsenkirchen: Abriss und Aufbau der seelischen Gesundheit
Gelsenkirchen, Andrea Henze, Stadterneuerung

Die Oberbürgermeisterin von Gelsenkirchen, Andrea Henze, plant den Abriss leer stehender Gebäude, darunter das ehemalige Amtsgericht, um einen neuen seelischen Gesundheitscampus zu errichten. Die Stadt kämpft mit hoher Arbeitslosigkeit, Armut und demografischem Wandel, die an die Strukturschwäche in Ostdeutschland vor der Wende erinnern. Henze verfolgt die Strategie, durch stadtplanerische Neuausrichtung und Abrissprojekte soziale Probleme zu lösen und eine Auferstehung der Stadt zu ermöglichen.

Ihr Büro liegt im fünften Stock des Rathauses. Von hier aus blickt Andrea Henze weit über ihre Stadt bis rüber ins benachbarte Essen. Von hier siehtim Sonnenschein nahezu hübsch aus.

Baumwipfel lassen die Umgebung wie einen Park wirken, doch die Baumkronen verbergen viel von dem, was darunterliegt. Nicht zu übersehen sind zwei große, leer stehende Gebäude in der direkten Nachbarschaft, auf die Henze jetzt hindeutet, das ehemalige Amtsgericht und eine frühere sozialtherapeutische Anstalt. »Die werden beide abgerissen«, sagt sie, die seit einem Jahr Oberbürgermeisterin von Gelsenkirchen ist. Zertrümmern, um Neues zu schaffen.

Das ist ein Motto, das man in Gelsenkirchen zu einer Art Mantra erhoben hat. In den kommenden Jahren sollen noch weit mehr Gebäude fallen. Um soziale Probleme der Stadt zu lösen. Um eine Auferstehung aus Ruinen zu schaffen.

»Wir wollen da stadtplanerisch noch mal ganz anders ran«, sagt Henze. An der Stelle der beiden Abrisskandidaten sollen neue Klinikgebäude entstehen, ein »seelischer Gesundheitscampus« zur Behandlung von psychischen Erkrankungen, inklusive Beratungsstellen. -Frau ist im Osten geboren und aufgewachsen, in Dessau.

Seit knapp einem Jahr regiert die 50-Jährige eine Stadt im Westen, die wie wenige andere infür den Abstieg steht: In keiner deutschen Großstadt gibt es eine höhere Arbeitslosenquote als hier, nirgendwo leben mehr Kinder, die in Haushalten von Grundsicherungsempfängern aufwachsen, dazu kommen massive Probleme durch den Wohnungsleerstand. Ende der Fünfzigerjahre wohnten fast 400.000 Menschen in Gelsenkirchen, heute sind es noch gut 265.000.

Die Stadt leidet damit an Problemen, wie man sie eher mit Ostdeutschland kurz nach der Wende verbindet: Deindustrialisierung, Abwanderung, Strukturschwäche, Armut. In Gelsenkirchen scheint der Osten im Westen angekommen. Nicht nur deswegen muss sich der Tag der Deutschen Einheit, der 3. Oktober, besonders anfühlen für Andrea Henze.

Sie hat ihr Leben an den Bruch- und Nahtstellen zwischen den beiden Deutschlands entlanggelebt, ihre Karriere darauf aufgebaut. Damals, nach der Wende, hat der Westen im Osten das Sagen übernommen, viele Spitzenpositionen in Politik, Wirtschaft und an Universitäten, wurden von Westlern besetzt, das ist bis heute so. Der umgekehrte Fall hingegen, also Politiker aus dem Osten, die im Westen reüssieren, bleibt weiterhin die große Ausnahme. Auch Henze fällt jedenfalls kein einziges anderes Beispiel ein.

Sie werde oft darauf angesprochen, sagt sie, auf ihre ungewöhnliche Vita. Zugleich weigert sie sich, diesem Umstand irgendeine Bedeutung beizumessen. Sie findet die Ost-West-Debatte total überholt und fragt: »Sind wir nicht alle Deutschland?

« Osten und Westen, das seien für sie erst einmal Himmelsrichtungen. Dann räumt sie ein: »Gut. Vielleicht liegt Gelsenkirchen näher an Dessau als an Hamburg oder München.

«Als die DDR unterging, war Henze 14 Jahre alt. Kurz darauf, mit 16, begann sie ihre Ausbildung in der Verwaltung von Dessau. »Man musste sich überlegen, was man macht, wenn ein System zusammenbricht«, sagt sie. Verwaltung schien da eine logische Wahl, es galt, eine ganze Gesellschaft umzuorganisieren.

Direkt zu Beginn wurde die Auszubildende von der Stadt Dessau auf eine dreijährige Expedition in den Westen geschickt, in die Partnerstadt Ludwigshafen, Rheinland-Pfalz, um zu lernen, wie Verwaltung im Westen geht. »Meine Unterkunft lag über einem städtischen Pflegeheim«, sagt sie: »Tür zu ab 20 Uhr.

«Als sie zurückkehrte nach Dessau, gab es den Obst- und Gemüseladen der Familie nicht mehr. »Das Geschäft meiner Eltern musste schließen, mein Vater ging in den Straßenbau. Meine Mutter, die vorher Bankangestellte war, wurde Verkäuferin in einer Bäckerei.

« Sie erlebte es in der eigenen Familie: Etwas ging zu Ende, etwas Neues entstand. Ihre Eltern, die nie SED-Parteimitglieder gewesen seien, wie Henze sagt, seien froh gewesen, dass das alte System Geschichte war. Henze fing in ihrer Heimatstadt im Sozialamt an. »Es gab einen Computer, den stellte man in mein Büro.

Ich hätte das ja richtig gelernt im Westen, hieß es damals.

« Aufbau Ost bedeutete dann konkret: Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen genehmigen, Budgets verwalten, Fördermittel beantragen und verteilen. Sie wurde schnell Leiterin der Betreuungsbehörde von Dessau, einer Stadt mit damals etwa 25 Prozent Arbeitslosigkeit. Gelsenkirchen hat heute 15,8 Prozent. »Der Umbruch im Osten kam sehr plötzlich«, sagt Henze.

Berufliche Qualifikationen seien nichts mehr wert gewesen, und die Arbeitsplätze von jetzt auf gleich verschwunden. Im Westen, zumindest im von Kohle und Stahl geprägten Ruhrgebiet, ging es langsamer, aber der Sinkflug hatte auch hier längst begonnen. »Der große Unterschied war, dass der Niedergang hier über Jahrzehnte anhielt«, sagt Henze. »Stirb langsam«, Ruhrpott-Edition.

Sie wurde dann nacheinander Jobcenter-Leiterin in Hagen , Sozialamtsleiterin in Duisburg , dasselbe in Bochum , dann Sozialdezernentin in Gelsenkirchen . Harte Jobs, die sie geprägt haben. Man kann sie als Elendsverwalterin verstehen oder, optimistischer, als Organisatorin des Aufbruchs von ganz unten. Henze hat sich 2025 in der Stichwahl gegen einen AfD-Kandidaten durchgesetzt.

Was durchaus bemerkenswert ist in einer Stadt, die wie geschaffen scheint für das Verführungsangebot der AfD. Die Stadt hat viel verloren in der Vergangenheit, Stolz und Jobs etwa. Und wenig Gutes im Gegenzug bekommen: Abstiegsängste und Migrationsprobleme zum Beispiel. Eine vor wenigen Tagen veröffentlichte Forsa-Umfrage für die nächste NRW-Landtagswahl vom kommenden April sieht die AfD im ganzen Bundesland bei 22 Prozent, die SPD bei 14 Prozent.

Und das in Nordrhein-Westfalen, dem Land, das früher als Herzkammer der Sozialdemokratie galt. Wie hat es die SPD-Frau Andrea Henze in Gelsenkirchen geschafft, auf 37 Prozent Stimmenanteile zu kommen, in der Stichwahl dann auf 67 Prozent? »Fühlt sich der Mensch mitgenommen, fühlt er sich bestätigt«, sagt sie. Ja, klar.

So machen es die anderen ja auch. In Sachsen-Anhalt gewann Ulrich Siegmund von der AfD eine Wahl, indem er seine Wähler auf einer Simson mitnahm. In Gelsenkirchen hat Henze kurz nach ihrer Wahl ein Format etabliert, es heißt »Henze hört hin«. Eine Sprechstunde, der nächste Termin ist am 16.

Oktober. Wer will, kann kommen. Schildern, wo der Schuh drückt. Nach vorheriger Anmeldung.

Am vergangenen Sonntag findet im Gelsenkirchener Stadtteil Horst ein »Tag der Retter« statt. Feuerwehr, Polizei, Katastrophenschutz, alle haben sie auf einer Straße ihre Fahrzeuge aufgestellt, auch die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft DLRG ist da und hat ein Boot mitgebracht. Es trägt den Namen »Glück Auf«, den alten Bergmannsgruß. Ein Kleinkind in einem Kinderwagen trägt Schalke-Socken.

In Dessau-Roßlau, wie Dessau seit 2007 heißt, sind sie stolz auf das Bauhaus. In Gelsenkirchen auf Schalke 04. Auf der Straße ist eine kleine Bühne aufgebaut. Wenige Meter dahinter sitzen zwei Männer, vermutlich Obdachlose, auf einer Bank und trinken Dosenbier.

Andrea Henze steht auf der Bühne, gemeinsam mit ein paar Männern und Frauen in Uniform. »Die ganzen Retter sind da, und Sie gehören dazu«, so begrüßt eine Moderatorin die Oberbürgermeisterin Henze. Kurz darauf spaziert Henze durch die Menge. Lächelt, grüßt, schüttelt Hände, sagt dazu ein paar Worte, nimmt die Leute mit.

Ein Großteil des Publikums sind Rentner, ihre Wähler, es ist ein Heimspiel. »Freundlich ist sie, da kann man nix sagen«, sagt einer zu ein paar anderen, als die Oberbürgermeisterin schon weitergegangen ist. »Ne, da kannste wirklich nix anderes sagen.

«Ein Mann, der sich als Josef Gega vorstellt, ist auch anwesend. Gelsenkirchener und seiner Stadt offenkundig sehr verbunden. Auf seinen Brillenbügeln rechts und links ist die Skyline der Stadt aufgedruckt. Er ist 74 Jahre alt und SPD-Mitglied, wie er sagt.

Außerdem war er Unternehmer, hat selbst schon Schrottimmobilien gekauft und teilweise abgerissen. Und er hat einen Wunsch, den er Andrea Henze vorträgt: Er will eine Videoüberwachung an einer etwa 300 Meter entfernten Straße. Wegen des ewigen Krawalls dort. »So, wie es da ist, geht es nicht mehr weiter, ich erkenne meine Stadt nicht wieder«, sagt der Mann mit dem karierten Hemd und den weißen Haaren.

In der Straße, für die er die Überwachung fordert, da sei es »katastrophal. Schlägereien, Diebstähle, überall Müll, Geschrei bis spät in die Nacht.

« Viele Schrottimmobilien gebe es dort »und darin Menschen aus Südosteuropa. Sie kennen das Problem.

« Henze hört sich das an, natürlich kennt sie das Problem, sitzt im Deutschen Städtetag. Die Armutsmigration in sogenannte Schrottimmobilien ist seit mehr als einem Jahrzehnt ein Thema in Gelsenkirchen, auch in Hagen oder Duisburg. Allein in Gelsenkirchen leben etwa 12.000 Rumänen und Bulgaren, viele von ihnen Roma.

Angezogen von den sehr günstigen, oft verwahrlosten Wohnungen und dem deutschen Sozialstaat: Mit einigen Kindern und einem Minijob lässt es sich im Ruhrgebiet als Roma-Familie ziemlich gut leben, zumindest im Vergleich zu der Armut in den Herkunftsländern. Das Problem wird jetzt einerseits mit der Abrissbirne angegangen: In Gelsenkirchen sollen bis 2032 bis zu 3000 Wohnungen verschwinden und die Leerstandsquote so auf unter fünf Prozent gedrückt werden. Gefördert mit Landesmitteln, das zugehörige Programm nennt sich »Zukunftspartnerschaft Wohnen«.

Weiter gibt es, nach jahrelangem Zögern, einen »Aktionsplan gegen Sozialleistungsmissbrauch und Ausbeutung«, der wurde vor wenigen Tagen in Berlin von den Bundesministern Bärbel Bas und Alexander Dobrindt vorgelegt. Zehn Punkte gegen das Elend. »Wir schließen Schlupflöcher im Sozialstaat und zeigen klare Kante gegenüber Sozialbetrügern«, sagte Dobrindt bei der Vorstellung. Ob das funktioniert, wird sich in den kommenden Monaten zeigen, auch in Gelsenkirchen.

Henze setzt auf den Plan. Und auf Umbruch, Abriss, Neuanfang. Auf dem Straßenfest in Horst redet der SPD-Veteran Josef Gega weiter auf Henze ein: »Hier muss aufgeräumt werden, sonst werden die Menschen eines Tages handgreiflich.

« Henze geht nicht weiter, ohne eine mögliche Lösung in Aussicht zu stellen. »Schicken Sie mir den genauen Standort und skizzieren Sie die Problematik«, sagt sie zu ihm. Vielleicht könnte tatsächlich ein mobiler Videoüberwachungsturm zum Einsatz kommen, versuchsweise und zeitlich befristet, um zu sehen, ob es etwas bringt. Der Bürger Josef Gega scheint fürs Erste zufrieden.

Sie sei überzeugt, sagt Henze noch, »dass wir das hinbekommen«. Das klingt ein wenig wie »Wir schaffen das«, auch ein Satz einer ostdeutschen Frau, bei Henze mit etwas weniger Imperativ. Sie wolle, sagt die Oberbürgermeisterin, die in dem Moment eher Sozialarbeiterin als Politikerin zu sein scheint, dass es den Menschen gut gehe. Man glaubt ihr das.

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