Aufstand der „Kaffeemiedjes“ – der erste Frauenstreik der deutschen Geschichte

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In Hamburgs Arbeiterschaft rumort es. Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken und im Hafen sind Ende des 19. Jahrhunderts unmenschlich. Zwölf, 13, 14

In Hamburgs Arbeiterschaft rumort es. Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken und im Hafen sind Ende des 19. Jahrhunderts unmenschlich. Zwölf, 13, 14 Stunden täglich müssen die Männer und Frauen schuften und werden dann auch noch mit Hungerlöhnen abgespeist.

1896 ist es soweit, da platzt den Leuten der Kragen und ein Schrei gellt durch die Straßen: „Streik!“ Es sind die Frauen, die den Anfang machen. Der „Aufstand der Kaffeeverleserinnen“ ist der erste Arbeitskampf von Frauen der deutschen Geschichte. 1896 ist es so weit, da platzt den Leuten der Kragen und ein Schrei gellt durch die Straßen: „Streik!“ Dass das Jahr 1896 von großer Bedeutung in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung ist, liegt in erster Linie an den 17.000 Hafenarbeitern, die ab November für elf Wochen in den Ausstand treten. Der Hamburger Hafenarbeiterstreik ist einer der längsten Arbeitskämpfe in der Geschichte des deutschen Kaiserreichs und hat Geschichte geschrieben. Kaffeeverleserinnen an ihren Sortiertischen. Ein Foto aus den 1930er Jahren. Erst in den 70er Jahren lösen Maschinen die „Kaffeemiedjes“ ab. 1896 traten die Kaffeeverleserinnen in Hamburg in einen Streik - der erste Frauenstreik in der deutschen Geschichte.Kaffeeverleserinnen an ihren Sortiertischen: ein Foto aus den 1930er Jahren. Erst in den 70er Jahren lösen Maschinen die „Kaffeemiedjes“ ab. 1896 traten die Kaffeeverleserinnen in Hamburg in einen Streik – der erste Frauenstreik in der deutschen Geschichte. Aber es gibt 1896 in Hamburg, der „Hauptstadt des deutschen Sozialismus“ , noch einen zweiten Streik. Er ist bei Weitem nicht so groß, dauert auch nicht so lange. Das ist wohl auch der Grund, weshalb er in Vergessenheit geriet. Dabei ist er schon bedeutend, denn es handelt sich immerhin um den ersten Frauenstreik der deutschen Geschichte: Es sind die „Kaffeemiedjes“, die Kaffeeverleserinnen, die im April, also sieben Monate vor den Hafenarbeitern, die Arbeit niederlegen.Hamburg ist schon damals einer der größten Kaffeehandelsplätze der Welt. Die Kaffeebarone beschäftigen viele Hundert Kaffeeverleserinnen – meist Hausfrauen, die dazuverdienen müssen, weil das Einkommen des Mannes nicht ausreicht. Tagtäglich sitzen diese Frauen elf Stunden oder länger in gebeugter Haltung an Tischen und sortieren im Akkord die ungerösteten Kaffeebohnen nach Farbe und Größe. Das Wichtigste dabei ist, dass sie die schlechten Bohnen rausfischen, die, die zu stark fermentiert und daran zu erkennen sind, dass sie weißlich schimmern. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen – deshalb nennt Reichskanzler Otto von Bismarck die Kaffeeverleserinnen die „Aschenbrödel des Kaffeehandels“. Hamburg ist einer wichtigsten Kaffeeumschlagplätze der Welt: Hunderte von Kaffeeverleserinnen haben bis in die 1970er Jahre für die großen Kaffeehandelshäuser gearbeitet, danach übernahmen Maschinen die Arbeit.Hamburg ist einer wichtigsten Kaffeeumschlagplätze der Welt: Hunderte von Kaffeeverleserinnen haben bis in die 1970er Jahre für die großen Handelshäuser gearbeitet, danach übernahmen Maschinen die Arbeit. Der Unterschied zum Märchen: Statt eines Prinzen bekommen die „Kaffeemiedjes“ lediglich schlechte Augen, einen krummen Rücken und wenig Geld. Die Arbeit ist stupide, anstrengend und nervtötend und stellt hohe Anforderungen an die Konzentration, denn keine schlechte Bohne darf übersehen werden. Eine einzige „Stinkerbohne“ reicht schon, um beim Rösten die komplette Partie zu verderben.Unheimliches Gemäuer, finstere Geschichten – der fiese Nazi-Arzt und das „Geisterhaus“ Deshalb werden die Kaffeeverleserinnen von strengen Vorarbeiterinnen überwacht. Machen die Frauen den geringsten Fehler, müssen sie die gesamte Charge neu verlesen. „Kaffeemiedjes“, die es wagen, während der Arbeitszeit zu lachen, zu singen oder auch nur zu reden, werden mit Lohnabzug bestraft. Es gibt Berichte, wonach die Aufseherinnen die Frauen manchmal sogar mit Schlägen maßregeln. Außerdem ist von sexuellen Übergriffen männlicher Vorgesetzter die Rede.Die Geschichte des ersten deutschen Frauenstreiks beginnt am 26. März 1896, denn an diesem Tag wählen die Kaffeeverleserinnen eine Lohnkommission, die mit den Arbeitgebern verhandeln soll über höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. In dieser Kommission sitzen übrigens nur Männer, denn Frauen dürfen sich damals noch nicht politisch organisieren. FrauenFreiluftGalerie, Große Elbstraße 164: Das Wandgemälde erinnert an den Streik der Kaffeeverleserinnen.„FrauenFreiluftGalerie“, Große Elbstraße 164: Das Wandgemälde erinnert an den Streik der Kaffeeverleserinnen. Zu den Forderungen der Kaffeeverleserinnen gehört, dass die Arbeitszeit künftig auf maximal neun Stunden begrenzt wird. Außerdem verlangen sie einen Mindestlohn von 25 Pfennig pro Stunde – das ist halb so viel wie der geringste Lohn eines männlichen Hafenarbeiters. Jede Überstunde soll künftig mit 35 Pfennig bezahlt und Strafgelder auf zehn Pfennig pro Tag und Kopf begrenzt werden. Das sind alles andere als überzogene Forderungen, die Arbeitgeber denken aber trotzdem nicht daran, darauf einzugehen. Der Presse gegenüber äußern sie sich mit großer Arroganz. „Wir überlegen, künftig den Kaffee in Mannheim oder Triest verlesen zu lassen – dort sind die Löhne noch weitaus niedriger als in Hamburg“, zitiert der „Hamburgische Correspondent“, eine der großen Tageszeitungen damals, einen Unternehmer. Eine unverhohlene Drohung.In „Tütge’s Etablissement“ am Valentinskamp findet die Streikversammlung statt. Der Große Saal dieses Theater- und Veranstaltungsortes ist bis zum Bersten gefüllt: 550 „Frauenzimmer“ seien anwesend, als über den Ausstand abgestimmt wird, so schreibt der Reporter des „Hamburgischen Correspondenten“. Die Frauen einigen sich darauf, nicht alle Betriebe gleichzeitig zu bestreiken, sondern bei Stucken & Andresen an der Großen Elbstraße zu beginnen. Der Streik der Kaffeeverleserinnen hat ein juristisches Nachspiel: So berichtete die SPD-Zeitung „Hamburger Echo“ am 26. Juli 1896 über den Prozess gegen Personen, die sich an Ausschreitungen beteiligt hatten.Der Streik der Kaffeeverleserinnen hat ein juristisches Nachspiel: So berichtete die SPD-Zeitung „Hamburger Echo“ am 26. Juli 1896 über den Prozess gegen Personen, die sich an Ausschreitungen beteiligt hatten. Schon am nächsten Tag, dem 9. April 1896, beginnt der Arbeitskampf, wobei „Kampf“ ganz wörtlich zu nehmen ist. Vor dem Firmengebäude des bestreikten Kaffeehandelshauses kommt es immer wieder zu Scharmützeln, da die Streikposten ziemlich rabiat gegen solche Frauen vorgehen, die sich nicht am Ausstand beteiligen. Da fliegen Schimpfworte: „Schlampe! Verräterin!“ Manchmal fliegen auch Fäuste. Die Kaffeeverleserinnen Anna Knaack, Dorothea Müller und Katharina Holst gehen besonders rücksichtslos mit Steikbrecherinnen um. Es kommt zu regelrechten Misshandlungen.Als die Polizei einschreitet und zwei streikende Kaffeemiedjes festnehmen will, bewirft die Menge die Beamten mit Steinen und Flaschen. Die Streikenden unternehmen sogar den Versuch, das Wachlokal zu stürmen, um die Gefangenen mit Gewalt zu befreien. Ein Wachtmeister bekommt eine Faust ins Gesicht, ein anderer Polizist berichtet, es sei ihm jemand an die Gurgel gegangen. Schließlich ziehen die Beamten ihre Säbel und schlagen die Angreifer zurück.Zwei Wochen geht das so. Der Boss von Stucken & Andresen lässt auf einem leeren Boden Betten aufstellen und Essen kochen, damit die Streikbrecherinnen abends nicht den Betrieb verlassen müssen – ihnen würde sonst die nächste Abreibung blühen. Den Streikenden droht er damit, dass – sollten sie nicht sofort wieder an die Arbeit zurückkehren – polnische Arbeiterinnen ihre Plätze einnehmen werden. Einige Frauen knicken daraufhin ein, die Mehrheit aber bleibt standhaft. Am 22. April 1896 sieht es so aus, als würden die Frauen tatsächlich einen Sieg davontragen. Die Unternehmen geben zumindest in einigen Punkten nach. Sie sagen zu, die tägliche Arbeitszeit auf neun Stunden zu begrenzen. Außerdem sind sie einverstanden, dass die Frauen künftig die schweren Kaffeesäcke nicht mehr zu schleppen brauchen. Bei einer Frage allerdings bewegen sie sich nicht: Eine Erhöhung der Stundenlöhne ist für sie indiskutabel. Wer aktuell das Hamburg Dungeon besucht, gerät unversehens mitten hinein in den Arbeitskampf vor 128 Jahren: in den Streik der Kaffeeverleserinnen.Wer aktuell das Hamburg Dungeon besucht, gerät unversehens mitten hinein in den Arbeitskampf vor 128 Jahren: in den Streik der Kaffeeverleserinnen Weiter streiken oder nicht? Das ist die Frage, die sich den Kaffeeverleserinnen jetzt stellt. Eine Mehrheit ist dafür, sich mit dem Erreichten zufriedenzugeben. Dabei spielt es eine große Rolle, dass sie auf den Lohn, so mies er auch ist, dringend angewiesen sind. Damit ist er vorbei: der erste Frauen-Streik in der Geschichte Deutschlands.Es gibt allerdings noch ein Nachspiel. Die Arbeitgeber halten sich nämlich nicht an ihr Versprechen, sämtliche Frauen wieder einzustellen – vielmehr werden fast alle, die sich am Arbeitskampf beteiligt haben, innerhalb der nächsten paar Wochen gefeuert. Außerdem müssen einige Streikende auch noch ins Gefängnis. 29 Personen – Frauen und auch einige Männer – werden von der Staatsanwaltschaft angeklagt, weil sie Streikbrecher und Polizisten beleidigt, angegriffen und verletzt haben sollen. Die Strafen sind drakonisch: Ein Angeklagter muss ein Jahr ins Gefängnis, andere neun, drei bzw. einen Monat. Den übrigen werden Geldstrafen aufgebrummt. Aber egal. Die „Kaffeemiedjes“ haben gezeigt, dass sie sich nicht mehr alles gefallen lassen. Das ist die Hauptsache. Der Aufstand der Kaffeeverleserinnen ist – verglichen mit dem, was sieben Monate später folgt – nur ein Vorspiel gewesen. Denn im November 1896 brechen Hamburgs Hafenarbeiter einen Streik vom Zaum, wie ihn Deutschland noch nicht erlebt hat.Staatsarchiv HamburgSchon seit einiger Zeit rumort es unter Schauerleuten, Kohlen- und Kornarbeitern sowie Kessel- und Schiffsreinigern. Die letzten Tarifvereinbarungen sind sechs Jahre alt. Seither hat es keine Lohnerhöhungen mehr gegeben. Viele Hafenarbeiter sind Tagelöhner, müssen jeden Tag neu um Arbeit betteln. Ihre Lebensbedingungen sind furchtbar. Am 15. September 1986 ereignet sich etwas, was das Fass zum Überlaufen bringt: Tom Mann, Präsident der britischen Hafenarbeitergewerkschaft und berühmter Arbeiterführer, will zu seinen Hamburger Kollegen sprechen und sie ermuntern, sich gewerkschaftlich besser zu organisieren. Doch zu dem Auftritt kommt es nicht: Die Hamburger Polizei verhaftet ihn und weist ihn aus. Streikversammlung 1896: Die Hafenarbeiter treten in den Ausstand. Rund 17.000 legen die Arbeit für elf Wochen nieder.Streikversammlung 1896: Die Hafenarbeiter treten in den Ausstand. Rund 17.000 legen die Arbeit für elf Wochen nieder. Ein großer Fehler, denn das bringt viele Arbeiter erst recht auf die Barrikaden. Nacheinander legen sie alle die Arbeit nieder: Schauerleute, Kohlen- und Kornarbeiter, Kessel- und Schiffsreiniger, Ewerführer, Seeleute, Kranführer, Donkeyleute, Kaiarbeiter, Schiffsmaler, Speicher- und Lagerhausarbeiter und schließlich die Maschinisten. Ende Dezember 1896 sind fast 17.000 Arbeiter im Ausstand. Während das Volk zu den Streikenden hält – große Summen an Spenden kommen zusammen – schlägt sich die Staatsgewalt auf die Seite der Arbeitgeber: Mehrfach prügelt die Polizei Streikende brutal zusammen. Kaiser Wilhelm II. denkt sogar daran, Militär einzusetzen und den Belagerungszustand über Hamburg zu verhängen. Er will die Arbeiter unbedingt in die Knie zwingen, weil er hofft, dass sich sein großer Feind, die Sozialdemokratie, von diesem Schlag nicht wieder erholt.Elf Wochen dauert der Große Hamburger Hafenarbeiterstreik – es ist der längste, den es je gab. Am Ende stecken die Streikenden zwar eine Niederlage ein – sie können ihre Lohnforderungen nicht durchsetzen. Doch demoralisieren lassen sie sich davon nicht. Hamburger Hafenarbeiterstreik 1896/97: Unser Foto zeigt Schauerleute mit ihrem „Vizen“ . Es handelt sich um sogenannte „schwarze Schauerleute“ - die Männer arbeiteten als Kohlenträger.Hamburger Hafenarbeiterstreik 1896/97: Unser Foto zeigt Schauerleute mit ihrem „Vizen“ . Es handelt sich um sogenannte „schwarze Schauerleute“ – die Männer arbeiteten als Kohlenträger. Im Gegenteil: Sie beginnen jetzt massenhaft damit, in die Gewerkschaft einzutreten. Adolph von Elm , einer der Streikführer, zieht eine wichtige Lehre aus diesem Arbeitskampf: Beim nächsten Mal erst dann zu streiken, wenn die Gewerkschaftskasse prall gefüllt ist. Er ist überzeugt, dass die Reeder kompromissbereit gewesen wären, hätten sie nicht genau gewusst, dass Ebbe in den Kassen der Streikleitung herrschte.

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