Berlins Bildungssenatorin schweigt zu acht Stunden am Blackout-Tag. Präzise Fragen werden mit kalkulierter Vagheit beantwortet. Doch warum wird selbst ein simples Tennisspiel zum Staatsgeheimnis?
Berlins Bildungssenatorin schweigt zu acht Stunden am Blackout-Tag. Präzise Fragen werden mit kalkulierter Vagheit beantwortet. Doch warum wird selbst ein simples Tennisspiel zum Staatsgeheimnis? Der 3.
Januar 2026, irgendwann am frühen Morgen. In Steglitz-Zehlendorf liegen Wohnungen im Dunkeln, Heizungen kühlen aus, Mobilfunkmasten verstummen einer nach dem anderen. Bis zu 100.000 Menschen erlebenUnd irgendwo in dieser Stadt – oder eben nicht in dieser Stadt – beginnt für die Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch ein Tag, über den der Senat bis heute partout nichts Belastbares sagen will.wissen, lässt sich auf einer Postkarte notieren: Die Senatorin habe „am Morgen“ Kenntnis erlangt. Wovon, durch wen, auf welchem Weg – darüber: Schweigen.
Konkret wird die Chronologie erst um 14 Uhr. Davor klafft ein Loch von rund acht Stunden im Tagesablauf jener Frau, die in Berlin für die schulische Notfallversorgung zuständig ist. Acht Stunden, in denen Schulen kalt wurden, Eltern um die Betreuung am Montag bangten und man sich in Steglitz-Zehlendorf alleine versuchte, sich ein Lagebild zu verschaffen. Acht Stunden, die der Senat lieber unbeschrieben lässt, als sie auch nur in Umrissen zu skizzieren.
King hatte präzise gefragt – pedantisch fast: minutengenaue Chronologie, Uhrzeiten, beteiligte Personen. Die Antwort, gezeichnet von Amtschef Torsten Kühne, ist ein Lehrstück in kalkulierter Vagheit. Die Senatorin habe „eigenständig die erforderlichen Abstimmungen initiiert“, nachdem „erkennbar wurde, dass der Stromausfall nicht kurzfristig behoben werden kann“. Erkennbar – wofür?
Auf welcher Grundlage? Wann genau? Es liest sich, wie King treffend bemerkt, als hätte sie es aus dem Radio erfahren. Diese Lesart räumt der Senat nicht aus.
Vermutlich, weil er es nicht kann. Möglicherweise, weil er es nicht will. In jedem Fall: weil er es nicht muss – wenn man das parlamentarische Fragerecht so behandelt, wie es hier behandelt wird. Den eigentlichen Gipfel erreicht die Antwort bei den Fragen 2 und 3, dem Tennisspiel.
Katharina Günther-Wünsch , Senatorin für Bildung, Jugend und Familie des Landes Berlin, und Kai Wegner , Regierender Bürgermeister von Berlin beim 73. Bundespresseball im April 2026. Die Verbindung ist offensichtlich: Der Regierende Bürgermeister, ihr Lebensgefährte, hat zwischen 13 und 14 Uhr nachweislich auf einem Tennisplatz gestanden – und damitDie Antwort des Senats ist von kafkaesker Schönheit: Man weist darauf hin, dass der Senatorin „kein Personenschutzkommando zugeteilt“ sei und seit 2022 „keine Fahrtenbücher mehr geführt“ würden.
Auf die schlichte Ja-oder-Nein-Frage: kein Wort. Stattdessen der Rückzug auf die „fachliche Zuständigkeit“, die solche Auskünfte angeblich ausschließe. Das ist juristisch sauber konstruiert – und politisch ein Offenbarungseid. Denn wenn die Frage, wo sich eine Senatorin am Tag der schwersten Versorgungskrise der Nachkriegsgeschichte aufgehalten hat, außerhalb ihrer „fachlichen Zuständigkeit“ liegen soll, dann liegt überhaupt nichts mehr in irgendjemandes Zuständigkeit.
Dann ist Regierungsverantwortung auf den Status eines Hobbys reduziert, über das man auf Nachfrage höflich, aber bestimmt schweigt. Was hier passiert, ist kein Versehen. Es ist Methode – und sie hat einen Namen: Mauern bis zum Wahltag. Die Senatskanzlei selbst hat auf sieben Anträge der Berliner Zeitung gemäß dem Informationsfreiheitsgesetz mit sieben Ablehnungen reagiert, gestützt entweder auf die verblüffende Behauptung, es gebe „keine entsprechenden Akten“, oder auf vage „sicherheitsrelevante Bedenken“.
Eine Senatskanzlei einer 3,9-Millionen-Stadt erklärt amtlich, über das Krisenhandeln ihres Chefs am wichtigsten Tag des Jahres existierten schlicht keine Unterlagen. Keine Krisenvermerke. Keine Terminübersicht. Keine Telefonliste.
Nichts. In diese Kulisse fügt sich nun die Bildungsverwaltung nahtlos ein. Großrazzia nach Blackout in Berlin: Mann aus München im Visier der Fahnder Drei Wochen Bearbeitungszeit – fast die volle gesetzliche Frist, was in der Praxis selten vorkommt – für eine Antwort, deren zentrale Auskunft lautet: Wir haben keine Auskunft zu erteilen. Die strategische Logik dahinter ist durchsichtig und zugleich erstaunlich kurzsichtig.
Eine simple Bestätigung oder Verneinung des Tennisspiels hätte das Thema in fünf Minuten erledigt. Die Verweigerung hält es am Leben – und nährt jene Hypothese, die in den Hauptstadtredaktionen längst kursiert: dass das Wochenende möglicherweise gar nicht in Berlin verbracht wurde, sondern andernorts, mit unbequemen Kollateralfragen im Gepäck. Wer Banalitäten zum Staatsgeheimnis erklärt, signalisiert vor allem eines: Hier liegt nichts Banales begraben. Doch der wirkliche Befund liegt jenseits der Causa Wegner-Günther-Wünsch.
Er betrifft das Verhältnis zwischen Senat und Parlament selbst. Die schriftliche Anfrage ist eines der schärfsten Instrumente, die Abgeordnete gegen die Exekutive in der Hand halten – nicht um sie zu ärgern, sondern um sie zu kontrollieren. Wenn der Senat dieses Instrument so behandelt, wie er es derzeit tut – mit ausgereizten Bearbeitungsfristen, formaljuristischen Ausweichmanövern und der konsequenten Weigerung, simple Sachverhalte zu klären –, dann erodiert mehr als nur das Vertrauen in eine Regierung.
Dann erodiert eine Säule des Berliner Parlamentarismus. Kings Befund, dies geschehe „nicht zum ersten Mal in dieser Angelegenheit“, ist die freundlichste mögliche Formulierung. Die unfreundliche lautet: Das Abgeordnetenhaus wird vom Senat als lästige Behörde behandelt, die man mit Floskeln abspeisen kann, weil sie ohnehin keine Sanktionsmittel hat. Alexander King: Spitzenkandidat des BSW für die Berliner Abgeordnetenhauswahl im September.
Hier im Interview mit der Berliner Zeitung im März 2026. Es gehört zur Anatomie politischer Affären, dass nicht der Ursprung tödlich ist, sondern der Umgang. Ein Tennisspiel am Krisentag, offen kommuniziert und mit einer ehrlichen Selbstkritik versehen, wäre nach 72 Stunden vergessen gewesen. Was daraus geworden ist – ein Geflecht aus Halbwahrheiten, Korrekturen, Schweigen und nun auch noch parlamentarischen Nicht-Antworten –, ist das Produkt einer Strategie, die nur noch ein Ziel kennt: Zeit gewinnen bis zum 20.
September. Das Kalkül könnte aufgehen. Es könnte aber auch das Gegenteil bewirken. Denn in einem Wahljahr, in dem die CDU laut Infratest dimap binnen zwei Jahren von 29 auf 21 Prozent abgestürzt ist und die SPD ihr nur noch vier Punkte hinterherhechelt, ist Glaubwürdigkeit das einzige Kapital, das zählt.
Jede Woche, in der der Senat lieber schweigt als spricht, lieber mauert als aufklärt, ist eine Woche, die den politischen Rändern arbeitet. Alexander King hat es auf den Punkt gebracht: „Ich fühle mich verschaukelt.
“ Diese Empfindung dürfte er mit einer wachsenden Zahl von Berlinerinnen und Berlinern teilen. Und das ist – jenseits aller Tennisplätze, aller Hotelübernachtungen im Havelland, aller redaktioneller Recherchespuren – das politische Kernproblem dieser Regierung: Sie hat aufgehört zu erklären, warum sie noch regiert. Sie sitzt nur noch.
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