Wegner unter Druck nach Blackout-Lügen. SPD nennt ihn offen „Lügner“. Doch das könnte erst der Anfang einer viel größeren Enthüllung sein.
Wegner unter Druck nach Blackout-Lügen. SPD nennt ihn offen „Lügner“. Doch das könnte erst der Anfang einer viel größeren Enthüllung sein. Es ist ein Samstagmittag im Januar.
Zwischen Berlin und Brandenburg liegen ganze Stadtteile im Dunkeln. In Nikolassee, Wannsee, Zehlendorf und Lichterfelde kühlen die Wohnungen ab, in den Supermärkten tauen die Tiefkühltruhen ab, an den Tankstellen springen die Zapfsäulen nicht mehr an. Bis zu 100.000 Menschen ohne Strom, ohne Heizung, ohne Netz – der größte Blackout, den diese Stadt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gesehen hat.
Und während in der Senatsverwaltung für Inneres die Telefone heißlaufen, steht der Regierende Bürgermeister von Berlin auf einem Tennisplatz, so sagte er zumindest. Kann das sein: Filzball, weiße Linien, an seiner Seite die Bildungssenatorin, die zugleich seine Lebensgefährtin ist? , er sei „den ganzen Tag am Telefon“ gewesen. Er habe sich „zu Hause in seinem Büro eingeschlossen, im wahrsten Sinne“.
Es ist der Moment, in dem eine Erzählung geboren wird – und mit ihr, ohne dass es jemand in der Senatskanzlei zu diesem Zeitpunkt ahnt, womöglich der Anfang vom Ende einer politischen Karriere. Der Befund ist mittlerweile dicht genug, um ihn in einem Satz zusammenzufassen: Wegners Erzählung vom „eingeschlossenen Büro“ am Tag des Erst war es das Tennisspiel, das der rbb öffentlich machte – und das inzwischen auch schon wieder infrage steht, weil es womöglich eine Unwahrheit war, die eine Lüge kaschieren sollte.
, die nächste Korrektur: Das angeblich unmittelbare Krisentelefonat mit Bundeskanzler Friedrich Merz hat es so nicht gegeben. SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach nennt den Regierenden inzwischen offen einen Lügner – ein Wort, das in der Berliner Landespolitik nicht leichtfertig fällt und das, einmal ausgesprochen, dröhnend nachklingt. War Kai Wegner am 3. Januar überhaupt in Berlin?
Drei Bescheide – und bis heute keine Antwort Die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung und die Berliner Zeitung haben den Unmut in der CDU mit als erstes Medium öffentlich gemacht – und sie haben es nicht erst seit dieser Woche getan. Wer die Berichterstattung dieser Redaktion in den vergangenen Monaten verfolgt hat, weiß: Die Unruhe in der Hauptstadt-CDU, das Gefühl, dass der Spitzenkandidat zur zentnerschweren Hypothek werden könnte, ist hier seit Wochen Thema.
Bereits früh haben wir einen führenden Vertreter der Berliner CDU mit dem mittlerweile zitierten Befund zu Wort kommen lassen, der die Lage in einem Befund zusammenfasst: „Agonie statt Strategie“,. Das Bild des skandalfreien Stefan Evers, den man hätte „elegant installieren“ können, stammt nicht aus dieser Woche. Es stammt aus einer Berichterstattung, die früher als die meisten anderen aufgezeigt hat, dass es hier nicht um einen Ausrutscher geht, sondern um eine problematische Struktur. Neu ist nicht der Vorgang.
Neu ist die Resonanz. Was lange als Spezialthema einer Zeitung galt, die unbequeme Fragen stellt, wird jetzt von anderen Berliner Medien nachvollzogen. Eine dieser Redaktionen berichtet nun, fast einen Monat nach der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung und der Berliner Zeitung von einem Plan B in der Berliner CDU. Die SPD, die monatelang aus Koalitionsräson geschwiegen hat, macht aus der Glaubwürdigkeitsfrage nun einen Wahlkampfschwerpunkt.
Und die Umfragen – CDU 20, AfD 18, SPD 16, Grüne und Linke je 15 Prozent – zeigen, wie wenig Substanz noch da ist, um diesen Druck auszuhalten. Machtkrise im Roten Rathaus: Wie ein Tennis-Spiel Wegners Zukunft gefährdet – und die der Berliner CDU Das ist die eigentliche Verschiebung dieser Woche: Der Skandal um Wegners Informationspolitik ist aus der Nische in den Konsens gerückt. Wir registrieren das ohne Triumph.
Aber auch ohne falsche Bescheidenheit: Wer früh richtig liegt, darf das in der Rückschau benennen. Diese Zeitung hat hier eine Vorreiterrolle gespielt – und wird sie weiter ausfüllen. Denn der Fall ist nicht ausermittelt. Im Gegenteil.
Je länger die Senatskanzlei Fristen verstreichen lässt – Stunde-für-Stunde-Aufstellungen, die in jeder funktionierenden Pressestelle binnen Tagesfrist zu erstellen wären, bleiben aus –, desto schärfer rückt jene Frage in den Vordergrund, die in der politischen Kommunikation immer am Ende kommt: Wer hat eigentlich geholfen, das Konstrukt aufrechtzuerhalten? Dass die Kontaktaufnahme zur Bundeswehr am 3. Januar offenbar über die Präsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses, Cornelia Seibeld, gelaufen sein soll, ist staatsorganisatorisch eine bemerkenswerte Konstruktion.
Das Parlamentspräsidium ist kein verlängerter Arm der Exekutive – und schon gar keine Krisendrehscheibe für einen Regierungschef, der laut eigener Darstellung „den ganzen Tag am Telefon“ gewesen sein will. Welche Rolle Seibeld an jenem Tag tatsächlich spielte, ob ihre Einbindung Zufall war oder Teil einer informellen Architektur, die Wegners Lücken füllen sollte – das ist eine der Fragen, denen diese Zeitung weiter nachgeht. Ebenso wie Seibelds auffällige Passivität angesichts von Falschinformationen an das Abgeordnetenhaus, dem sie vorsteht.
Dasselbe gilt für die Senatskanzlei selbst. Die Sprecherin der Senatskanzlei, Christine Richter, ist als ehemalige Redakteurin dieser Redaktion und Chefredakteurin einer anderen Hauptstadtzeitung eine der erfahrensten Kommunikationsstrateginnen der Stadt. Sie kennt das Geschäft von beiden Seiten – und gerade deshalb stellt sich die Frage, wie die ursprüngliche Erzählung vom „eingeschlossenen Büro“ entstehen, wie sie tagelang stehenbleiben und wie sie erst nach öffentlichem Druck scheibchenweise korrigiert werden konnte. Auch hier laufen Recherchen.
Am Ende, das deutet sich an, ist Wegners Problem kein kommunikatives. Es ist ein strukturelles. Ein Regierungschef, dessen Lebensgefährtin am eigenen Kabinettstisch sitzt, dessen Partei seit dreieinhalb Jahrzehnten sein soziales Biotop ist und dessen Krisenkommunikation offenbar von einem engen Kreis Loyaler getragen wird, hat im Ernstfall keine institutionelle Distanz mehr – weder zum eigenen Privatleben noch zur eigenen Erzählung.
Genau diese Distanz aber ist es, die einen Regierenden Bürgermeister im Krisenmoment vom Privatmann unterscheidet.steht damit nicht mehr nur eine Personalfrage im Raum. Sondern die Frage, ob die Berliner CDU die Kraft aufbringt, sich von einer Lebensform zu trennen, die sie für Regierungshandwerk gehalten hat. Wegner selbst, das zeigt sein unverändert im Kampagnenmodus laufender Social-Media-Auftritt, denkt nicht daran. Stefan Evers, der naheliegende Übergang, scheut den offenen Griff.
Felor Badenberg, die in Teilen der Partei als Konterfigur zur Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp gehandelt wird, ist parteipolitisch zu unerfahren, um sie kurzfristig aufzubauen. Bleibt der Weg, den Wegner offenbar gewählt hat: aussitzen, hoffen, dass die Wählerschaft vergisst. Es ist der Weg, der dieser Stadt am wenigsten gerecht wird – und am Ende vermutlich auch ihm selbst nicht.
„Keine Akten“ zum Krisentag: Affäre um Kai Wegner wirft Grundsatzfragen zum Staatsversagen auf
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