32-Kilo-Koffer, Stress im Fundbüro, Rauchen beim Einsteigen. BER-Beschäftigte erzählen, was sie mit Fluggästen erleben. „Fliegen ist zu billig geworden“, ist ihr Fazit.
32-Kilo-Koffer, Stress im Fundbüro, Rauchen beim Einsteigen. BER-Beschäftigte erzählen, was sie mit Fluggästen erleben. „Fliegen ist zu billig geworden“, ist ihr Fazit.Die Sommerferien sind in Sicht. Am 18.
Juli heißt es in Berlin und Brandenburg: Auf in den Urlaub! Doch was viele Menschen freut, ist für manche Mitarbeiter amder Horror. „Für uns bedeutet die Urlaubszeit mehr Koffer. Und schwerere Koffer“, sagt ein Gepäckverlader. „Bei manchen Passagieren habe ich den Eindruck, dass sie ihr Gehirn abgeben, sobald sie den Flughafen betreten“, ärgert sich eine Kollegin. „Fliegen ist zu billig geworden.“ Die Berliner Zeitung hat mit Menschen gesprochen, die am Hauptstadt-Flughafen tätig sind. Während der Ferien erwartet die Flughafengesellschaft 3,6 Millionen Passagiere am BER, rund 200.000 mehr als im vergangenen Jahr. Wenn alles klappt, beschwert sich niemand. Doch wenn es am BER mal nicht funktioniert, gibt es böse Berichte. Von Fluggästen, die sich über das Personal ärgern,die etwas im Flugzeug verloren haben. Sie ärgern sich, wenn der Urlaub stressig beginnt und mit Ärger endet. Doch wie sehen die Menschen, die in den Bodenverkehrsdiensten am Flughafen arbeiten, die Lage? Was sagen die Männer, die das Gepäck verladen? Was antworten die Beschäftigten im Lost & Found, wo Fluggäste verloren gegangene Dinge melden können, auf die Kritik?Bei Mineralwasser und Keksen sitzen sie zusammen, um über ihre Arbeit zu sprechen. Und die ist hart, sagt ein Mann, der am Hauptstadt-Flughafen Koffer ein- und auslädt. Normalerweise soll Aufgabegepäck maximal 23 Kilogramm wiegen, erzählt er.Werden „Warmwasserziele“ angesteuert, zum Beispiel am Mittelmeer, treffen pro Maschine mehr als 200 Gepäckstücke ein. Es ist nicht unüblich, dass es auch viel mehr sein können. „300 Koffer ausladen, 300 Koffer einladen – in wenig mehr als einer halben Stunde. Das ist ein Knochenjob“, sagt der Gepäckverlader. Die Fluggesellschaften achten darauf, dass die Flugzeuge an den Flughäfen so wenig Zeit wie möglich verbringen. Deshalb ist es nicht selten so, dass innerhalb von 30 oder 35 Minuten alles geschafft sein muss. „Früher bestanden die meisten Ladegruppen aus vier oder fünf Leuten. Heute ist das nur noch in Ausnahmefällen so, etwa wenn ein voll beladenes Flugzeug aus Kairo eintrifft“, berichtet der Mitarbeiter. „Normal sind Ladegruppen mit drei Mitgliedern.“Für diese und andere Bodenverkehrsdienste ist nicht die Flughafengesellschaft FBB zuständig. Die Airlines beauftragen andere private Unternehmen. Je billiger, desto größer ist die Chance, den Auftrag zu ergattern. Der Personaleinsatz wird entlang der vorgesehenen Ankünfte und Abflüge geplant, und zwar meist möglichst knapp. An vielen Tagen wird der Plan jedoch zur Makulatur, erzählt der Gepäckverlader. Am Abend ist der Stress dann besonders groß, sagt er. „Die Letzten beißen die Hunde. Die späte Schicht ist besonders oft betroffen, andere Kollegen sind dann schon im Feierabend.“Weil es wenig Zeitpuffer gibt, lassen sich Verspätungen tagsüber kaum ausgleichen. Folge ist, dass sich Verzögerungen immer weiter aufschaukeln. Abends wird das Risiko, dass Flugzeuge zu spät ankommen, immer größer. Wenn plötzlich mehrere Maschinen hintereinander eintreffen, zugleich andere Flugzeuge zum Start bereitstehen, wird es besonders stressig. „Spätabends haben Starts Priorität. Die Flugzeuge müssen runter vom Hof, bevor das Nachtflugverbot beginnt.“ Planmäßige Flüge sind nur bis 23.30 Uhr gestattet. Aber auch die Frühschicht ist unbeliebt. Die erste „Welle“ von Abflügen findet morgens zwischen 6 und 8 Uhr statt, und sie ist konzentriert, erzählt der Gepäckabfertiger. „Es kommt vor, dass ich schon morgens um acht durch bin“ – im Sinne von: kaputt, erschöpft, ausgepowert. Dabei sind manche Kollegen schon müde, wenn die Dienstschicht beginnt. Am Morgen geht es früh los, Schichtbeginn um 3.30 Uhr ist nicht unüblich. Längst nicht alle Unternehmen, die in den verschiedenen Bereichen am Flughafen tätig sind, zahlen ihrem Personal die Parkgebühr oder wenigstens einen Teil der Parkkosten am BER. Während die einen ihr Auto gratis abstellen dürfen oder dank eines Zuschusses nur 20 Euro im Monat bezahlen, werden andere mit 100 Euro zur Kasse gebeten. Wer ohne Auto anreist, muss damit zurechtkommen, dass das Zugangebot zum BER am frühen Morgen noch dünn ist. „Ich kenne Kollegen, die um 23 Uhr zum Flughafen kommen und sich einen Schlafplatz suchen, um pünktlich um 4 Uhr mit der Arbeit anfangen zu können.“Jetzt melden sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Lost & Found zu Wort. Sie sind an den Schaltern tätig, an denen sich Passagiere melden, die etwas im Flugzeug zurückgelassen haben oder deren Gepäck nicht mitgekommen ist. Wer dort arbeitet, muss stabile Nerven haben. Zwar kann das Team nachvollziehen, dass Fluggäste genervt und manchmal auch verzweifelt sind. Doch manchmal werden Grenzen überschritten, so der Bericht aus der Fundsachen- und Gepäckermittlung. „Wir wundern uns, wie viele persönliche Gegenstände die Fluggäste in den Flugzeugen liegen lassen“, sagt ein Mitarbeiter. „Täglich treffen zwei Kisten mit neuen Fundsachen bei uns ein.“ Für Wertgegenstände gibt es einen großen Tresor, der meist gut gefüllt ist. Mobiltelefone, Schals, Ohrstöpsel, Kopfhörer, Tablet-Computer, Hüte, Sonnenbrillen, zollfrei eingekaufter Alkohol, Plüschtiere, Schuhe, Autoschlüssel, Haustürschlüssel: „Hauptsache, man stürmt als Erster aus dem Flugzeug. Egal, was da zurückbleibt.“ Wer sein Handy oder einen anderen persönlichen Gegenstand vermisst, erscheint meist ziemlich aufgelöst am Lost-&-Found-Schalter. „Es ist wirklich schwer, Fluggästen klarzumachen, dass sie nicht einfach umkehren und zum Flugzeug gehen dürfen, um ihre Sachen zu holen. Viele ärgern sich auch, weil sie die Bearbeitungsgebühr als viel zu hoch empfinden.“ Deren Höhe hängt davon ab, wie viel der Gegenstand wert ist. Bei einem Handy kann ein mittlerer zweistelliger Eurobetrag anfallen. Ärger gibt es auch, wenn Fluggäste den Eindruck haben, dass sie am benachbarten Gepäckband zu lange auf ihre Koffer und Taschen warten müssen. „Dann heißt es: Die Leute aus dem anderen Flugzeug sind nach uns angekommen. Warum kriegen die schon ihre Koffer?“ Oder: „Ich brauche meine Medikamente. Den Haustürschlüssel. Das Handy. Dabei sollte man als Fluggast doch eigentlich wissen, dass man solche Gegenstände nicht ins Aufgabegepäck packen soll. Lieber im Handgepäck mitnehmen.“ „Manche kommen schon zehn Minuten nach der Landung an und fragen, wo ihre Koffer bleiben“, erzählt der Mitarbeiter. „Dann wird es unangenehm, und immer wieder müssen wir die Bundespolizei rufen“ – weil Fluggäste renitent werden.Unangenehme Erfahrungen mit Passagieren nehmen zu, berichtet eine Kollegin aus einem anderen Bereich der Bodenverkehrsdienste. „Wenn das Gate geschlossen ist, weil alle anderen Fluggäste bereits im Flugzeug sind, wird laut an der Tür gerüttelt“, sagt sie. „Es gibt auch Fluggäste, die zünden sich neben dem Flugzeug in aller Ruhe eine Zigarette an – und verstehen nicht, wenn man ihnen das Rauchen verbietet.“ Die Stimmung auf dem BER sei eine andere als früher in Tegel: „Die Klientel hat sich geändert.“: Die Zahl der Passagiere nimmt wieder zu, und damit wächst auch das Arbeitspensum. Zugleich bleiben offene Stellen frei. Während der diesjährigen Sommerferien erwartet die FBB rund 24.000 Starts und Landungen. Davon entfallen 4.300 auf Ryanair, gefolgt von Easyjet und Eurowings. 144 Ziele in 50 Ländern werden vom BER angesteuert.„Alle Bodenverkehrsdienstleister suchen händeringend Personal. Doch sie finden keine neuen Leute“, sagt ein Mitarbeiter. „Junge Leute werden offenbar lieber Influencer, als hier mit anzupacken. Und andere beziehen lieber Bürgergeld.“ Die Folgen der Pandemie sind immer noch nicht verkraftet: „Corona hat Spuren hinterlassen, die wir noch lange merken werden. Als während der Pandemie Kurzarbeit ausgerufen wurde und die Mitarbeiter noch weniger Geld bekamen, suchten sich viele von ihnen neue Arbeit außerhalb des Flughafens. Die allerwenigsten kamen wieder“, erzählt der Mann. In ihrer Not werben die Unternehmen einander Personal ab. Einst hatten sie gelobt, sich nicht gegenseitig zu kannibalisieren. Doch jetzt winken Stellenwechsler vierstellige Prämien. Wie berichtet hat die Flughafengesellschaft FBB angekündigt, dass ihre Mitarbeiter bei erheblichem Gepäckaufkommen die privaten Bodenverkehrsdienstleister künftig unterstützen werden. „Täglich wird in der Zeit von 17 Uhr bis 0 Uhr eine Ladegruppe für außergewöhnliche Ereignisse einsatzbereit sein“, so das Unternehmen, das den Ländern Berlin und Brandenburg sowie dem Bund gehört. Auch wenn Fluggastbrücken oder Treppen bewegt werden müssen, damit die Passagiere aussteigen können, sollen die Fachleute für betriebliche Aufgaben am Flughafen tätig werden – aber nicht auf Anforderung der Dienstleister, sondern nur dann, wenn der Flughafenbetreiber es für nötig hält.„Die Flughafengesellschaft betreibt Augenwischerei“, kommentiert ein Gepäckverlader. „Denn die meisten Mitarbeiter in diesem Team haben vorher schon am BER gearbeitet, sie sind von Bodenverkehrsdienstleistern zur FBB gewechselt. Unterm Strich ist die Zahl der Menschen, die auf dem Flughafen anpacken, kaum gestiegen.“ Das neue Team ist Teil des Projekts „Digital Turnaround“, mit dem die Flughafengesellschaft die Verfahren am BER verbessern will. Dazu gehört, dass Kameras, die mit Künstlicher Intelligenz verbunden sind, die Parkpositionen für die Flugzeuge beobachten. Findet die KI heraus, dass die ebenfalls ins Visier genommenen Mitarbeiter bei der Gepäckverladung Probleme haben, meldet sie das. Die Flughafengesellschaft entscheidet dann, ob sie Helfer entsendet. Die Hilfe kommt natürlich nicht zum Nulltarif. Pro Flugzeug werden dem Vernehmen nach mehrere Hundert Euro fällig. Am kommenden Mittwoch, dem Tag des Ferienbeginns, will die Flughafengesellschaft neue digitale Angebote für die Passagiere vorstellen – zum Beispiel BER Biometrics, bei dem das Vorzeigen der Bordkarte überflüssig wird. Die FBB will auch über die neuen CT-Scanner für die Sicherheitskontrollen und den Stand der KI-gesteuerten Abfertigung im Sicherheitsbereich informieren.
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