Björn Borgs Autobiografie ist so kontrolliert wie sein Tennis. Das funktioniert als Zeitdokument, als Selbstporträt wirkt das Buch hingegen oft so distanziert wie der Schwede selbst stets rüberkam.
, die er sechsmal gewann und dabei überhaupt nur zwei Matches verlor, ist eine Autobiografie über den ersten globalen Tennisstar erschienen. Sie ist in der Ich-Form erzählt, wirkt aber wie ein Bericht aus sicherer Entfernung – was auch mit der Entstehung zusammenhängt: Aufgeschrieben hat es Borgs heutige Frau Patricia, die in der Dramaturgie spürbar ordnet und glättet, ohne den Ton zu verfälschen.
Der Text beginnt programmatisch nicht mit den großen Siegen, sondern mit dem Absturz: ein Kollaps Mitte der 1990er-Jahre nach zu viel Alkohol, Drogen und Tabletten. Die Folge: Herzstillstand, Wiederbelebung und danach der Befund, das schwerste Match sei der Kampf gegen die Sucht. Das ist eine klare Setzung. Nur bleibt Borg häufig bei dieser Setzung stehen.
Man erfährt, was passiert, aber zu selten, wie es sich anfühlt. Er wirkt weder sympathisch noch unsympathisch, eher wie sein damaliges Image: professionell, abgeschirmt, schwer zu lesen. Am überzeugendsten ist das Buch dort, wo es diese Unnahbarkeit erklärt, ohne sie zu mystifizieren. Die Kindheit in Södertälje, die enge Familiebande, der Ehrgeiz,: Borg beschreibt das als System aus Wiederholung und Selbstkontrolle.
Ein Schlüsselmoment ist der zeitweilige Rauswurf aus dem Verein wegen schlechten Benehmens. Danach reift in ihm der Entschluss, auf dem Platz nie wieder Gefühle zu zeigen. Der „Eisborg“ wird geboren. Sporthistorisch interessant ist weniger die Nacherzählung der sportlichen Erfolge als die Mechanik des Aufstiegs: frühe Förderung, Reisen, die Professionalisierung eines Teenagers, der seine Schule nur noch als Nebenschauplatz erlebt.
Und: Man bekommt ein Bild von einer Tenniswelt, in der es offenbar noch echte Nähe gab. Borg erwähnt Vitas Gerulaitis als jemanden, der in Krisen Kontakt hielt, als andere schwiegen. Auch die soziale Seite schimmert durch: Profis, die zusammen feiern gingen, weil sie zufällig den selben Job hatten und danach Spaß miteinander haben wollten. Passend dazu ist Borgs eigenes „Rockstar“-Motiv, das er bewusst nüchtern behandelt.
Er beschreibt das Tourleben der Profis quasi als Musikerexistenz: Turnier endet, packen, weiter von einem Hotelzimmer, das aussieht wie das andere und zum nächsten Turnier.
„Unser Leben mag auf den ersten Blick glamourös erscheinen, aber es ist eine harte Routine, die nur versteht, wer das selbst mitgemacht hat. “ Björn Borg/Patricia Borg: Herzschlag - Die Geschichte meines Lebens. Edel Sports. 256 Seiten, 20,99 Euro. Damit wird der Rockstar-Status entromantisiert: weniger Exzess als Wiederholung, weniger Freiheit als Fahrplan.
Und doch zeigt er, dass der Zirkus sozial enger war, als man heute vermutet: Borg zeigt dem Leser eine Welt, in der Tennisstars mit Popstars essen gehen, die für Außenstehende schillernd wirkt, für ihn selbst aber Routine ist. Borg ist dabei der unfreiwillige Rockstar, der wie seine Kollegen damals gerade erst lernte, wie Öffentlichkeit funktioniert. Aus deutscher Sicht ist der kurze Becker-Strang ein interessanter Gegenwartsanker. Borg beschreibt Becker als Freund,– und lässt dabei bewusst vieles offen.
Die geschäftlichen Fehltritte werden benannt, aber kaum ausgeleuchtet; es bleibt beim Muster: zu vertrauensselig, zu schlecht beraten, zu spät gebremst. Dafür bringt ein Satz aus dem Buch über Becker den deutschen Leser unweigerlich zum Schmunzeln: „Er nennt mich ‚BB1‘ und sich selbst ‚BB2‘.
“ Damit ist die Nähe markiert und zugleich das Milieu: große Namen, die im Privaten plötzlich wie Vereinskameraden klingen. Es gibt Nebenbefunde, die fast komischer sind als jede Anekdote: Seine Landsleute von ABBA, die schwedischen Pop-Über-Ikonen der Ära, habe Borg trotz Weltstarstatus zu seiner aktiven Zeit nie getroffen. Das passt, weil auch hier die Parallelwelten sichtbar werden: Ruhm als gemeinsame Überschrift, nicht als gemeinsamer Raum.
Und dann verschiebt das Buch seinen Fokus weg von der Abstinenz hin zur nächsten Grenze. Im Schlusskapitel schildert Borg eine Operation nach der: ein „stiller Feind“, „extrem aggressiv“, ohne Eingriff wäre er gestorben. Im Satz „Krebs kann man nicht wegtrainieren“ prallt die alte Sportlogik offen und voller Wucht gegen die Wirklichkeit. Bleibt die Form.
Dass das Buch – abgesehen von Titel und Rückseite – ohne Fotos auskommt, ist eine verpasste Chance. Bei einer Figur, deren Karriere so stark über Bilder funktionierte , nimmt man dem Leser eine Ebene, die Distanz hätte überbrücken können. Borg liefern keine Legendenpflege, sondern ein Handbuch der Selbstkontrolle: präzise, manchmal kühl, oft zu glatt. Zum 70.
Geburtstag ist das konsequent. Wer aber wissen will, wie es innen aussah, liest bis zur letzten Seite – und wird letztlich trotzdem auf Abstand gehalten.
Deutschland Neuesten Nachrichten, Deutschland Schlagzeilen
Similar News:Sie können auch ähnliche Nachrichten wie diese lesen, die wir aus anderen Nachrichtenquellen gesammelt haben.
Im Podcast erklärt Markus Lanz, weshalb er Björn Höcke nicht in seine Talkshow einlädtWährend einige seiner Parteikollegen längst regelmäßig bei „Markus Lanz“ auftreten, war Björn Höcke noch nie in der ZDF-Sendung zu Gast. In seinem Podcast erklärte Lanz nun den Grund hierfür.
Weiterlesen »
Marius Borg Høiby darf sie nicht besuchenPrinzessin Mette-Marit benötigt eine Spenderlunge. Ihr Sohn Marius Borg Høiby beantragte deshalb erfolglos seine Entlassung aus der U-Haft.
Weiterlesen »
Marius Borg Høiby darf derzeit nicht zu ihrPrinzessin Mette-Marit benötigt eine Spenderlunge. Ihr Sohn Marius Borg Høiby beantragte deshalb erfolglos seine Entlassung aus der U-Haft.
Weiterlesen »
Marius Borg Høiby bleibt in U-Haft, trotz schwerkranker Mette-MaritMarius Borg Høiby, Sohn von Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit, wollte wegen ihrer Lungenerkrankung freikommen. Die Polizei sagt aber nein.
Weiterlesen »




