Eine Ode an den Herbst, der uns erlaubt, uns ohne Schuldgefühle zu entspannen und das Vergnügen des Nichtstuns zu genießen. Von "Selfcare" bis "Cocooning" - wir erkunden, wie die Jahreszeiten unser Verhältnis zu Zeit und Aktivität beeinflussen.
Freuen Sie sich auch auf das Herbst gefühl, sich nicht mehr ständig rechtfertigen zu müssen für den dringenden Wunsch, einfach mal gar nichts vorzuhaben? Die ersten Blätter fallen von den Bäumen und ich auf die Couch.
Heia hussassa, der Herbst ist da. Meteorologisch und kalendarisch sowieso, spätestens Ende der Woche sinken deutschlandweit dann auch die Temperaturen. Und damit der Sozialdruck: Endlich kann man sich unkommentiert einigeln. Ich mag den Sommer nicht besonders.
Wandel vom Faulen zum Gemütlichen
Er und seine Anbeter treiben mich vor sich her. Wer bei 28 Grad zu Hause bleibt, verschwendet sein Leben, sagen sie. Man könnte doch schwimmen gehen, Eis essen, zum neuen Sommerhit tanzen und einen Sarti-Spritz mit der örtlichen Schickeria schlürfen. Dann, plötzlich, werden die Tage kürzer und es geschieht ein kleines Wunder: Aus faul wird auf einmal gemütlich.
Aus Planlosigkeit gezieltes Genießen. Und Verpassen ist das neue Machen. Lieber Herbst, ich danke dir dafür! Du bist der letzte verbliebene Rahmen, in dem Nichtstun gesellschaftlich akzeptiert wird.
Dafür schenke ich dir mein ganzes Herz. Wenn ich um 21 Uhr erschöpft einschlafen will, kann ich das unter "Selfcare" verkaufen. Kein Bock auf andere Menschen heißt nun "Me-Time" oder "Einkehr". Und wenn ich um 17 Uhr schon einen schweren Rotwein trinken will, kann ich immerhin behaupten, es sei ja bereits dunkel.
Herbst als Meister des Rebrandings
Der Herbst ist ein Meister des Rebrandings.
"Umparken im Kopf" hieß das bei Opel vor ein paar Jahren. Wäre der Herbst eine Werbeagentur oder ein persönlicher PR-Berater, ich würde ihn buchen. Jeder von uns bräuchte ihn. Überfordert?
Nein, "achtsamer Umgang mit den eigenen Ressourcen". Mit Kürbis-Sahne-Suppen-Glück dieruiniert und drei Kilo zugenommen?
"Ökologische Wärmereserve". Seit zwei Tagen Netflix geglotzt und nicht einen Hauch frische Luft geschnuppert?
"Cocooning". Was für eine Wonne! Denn es ist nicht nur so, dass man dem Elend einfach nur einen schöneren Namen gibt. Es ändert sich wirklich etwas mit dem Verfärben der Blätter in unseren und Köpfen.
Mildere Bewertung des Selbst
Wir bewerten milder. Wir sind freundlicher zu uns selbst. Schauen wir uns doch nur mal persönliche Vorsätze an: An Silvester sind sie meistens Selbstbestrafung: weniger essen, mehr Sport, weniger Alkohol. Im Herbst sind sie liebevoller: mehr miteinander kuscheln, den Kindern was vorlesen, Eintöpfe kochen.
Rum in den Tee. Dankbar sein. Zur Ruhe kommen. ROMO, nennen die Amerikaner das Gegenmittel zu unserer ewigen FOMO.
Nicht die Angst, etwas zu verpassen ("Fear Of Missing Out"), sondern die Erleichterung ("Relief Of Missing Out") darüber. Das schöne Gefühl, dass die Welt sich weiterdreht, auch wenn wir gerade nicht versuchen, mit ihr Schritt zu halten. So ist der Herbst die eigentliche besinnliche Zeit, bevor blinkende Rentiere in Vorgärten wieder daran erinnern, dass wir noch 37 brauchen.
Wo der Frühling ständig Neuanfänge verlangt und der Sommer uns einreden will, wir müssten "raus und was erleben", will der Herbst erstaunlich wenig. Deshalb mag ich ihn so. Er findet mich völlig okay, wie ich bin. Müde, ein bisschen gemütlicher um die Mitte und mit dem dringenden Wunsch, heute wirklich nichts mehr vorzuhaben.
Rubbel die nächste Story frei
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