Deutschlands Fachkräfte-Fiasko: So wollen Unternehmen den eklatanten Mangel beheben
„Du hast keine Chance, also nutze sie!“ So ähnlich muss Hans-Werner Eschrich, Obmann der Innung Sanitär Heizung Klima ingedacht haben. Ein Radioreporter sprach ihn jüngst auf die langen Wartezeiten an, die Kunden, die einen Handwerker suchen, derzeit in Kauf nehmen müssen.
Der Chef der Firma H.W.E. GmbH aus Erkrath bei Düsseldorf antwortete geduldig. Und haute dann sein Schlusswort raus: Wenn Eltern ihren Kindern immer nur vermittelten, ein Studium sei das einzig Wahre, dann sei es kein Wunder, wenn Handwerksbetriebe keine Auszubildenden mehr finden und Fachkräfte Mangelware bleiben. Auch die Politik kann sich diesen Schuh anziehen. Beispiel „Begabtenförderung“: Dort werden die Begabten in der beruflichen Bildung mit 60 Millionen Euro unterstützt – ein Klacks im Vergleich zur akademischen Bildung, wo 300 Millionen Euro fließen, beklagt Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer. Seine Forderung, um das Handwerk attraktiver zu machen: Die Berufsschulen müssen stärker finanziert werden, genauso wie die 600 Bildungsstätten des Handwerks. Letztere aber kommen im Koalitionsvertrag gar nicht vor. Der Innungsobmann, der Handwerkspräsident – sie beide müssen sich vorkommen wie ein nervtötender Wecker auf Schlummermodus. Seit Jahren schlagen kleine und große Unternehmen, Industrieverbände und Handwerker die Alarmglocke. Die Politik schreckt daraufhin kurz auf, nickt zustimmend und erhöht den Fördertopf. Und dann drückt die Politik die Schlummertaste. Ist es nach dem Regierungswechsel diesmal wieder so?-Welle im Frühjahr ausgelaufen ist und die Lieferengpässe einigermaßen beseitigt sind, wird sich die Lage am Fachkräftemarkt zuspitzen“, sagt IHK-Nord-Westfalen-Hauptgeschäftsführer Fritz Jaeckel. „Der Höhepunkt des Fachkräftemangels kommt erst noch“, warnt DIHK-Präsident Peter Adrian. Er fügt hinzu: „Nur mit den beruflich qualifizierten Fachkräften des Handwerks sind die Klimaschutzziele, die Energieeffizienzziele, die E-Mobilität, der Ausbau der Ladesäulen und der Infrastruktur möglich.“ Die Zahlen sind dramatisch. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks fahndet nach mindestens 250.000 neuen Mitarbeitern. Die durchschnittliche Wartezeit, bis Handwerker die Arbeit nach Auftragsannahme beginnen, lag schon im Oktober bei neun Wochen. Nicht besser ist es bei Lastwagenfahrern. Es gibt in Deutschland 937.000 Fachkräfte für Fahrzeugführung im Straßenverkehr. Ein Drittel von ihnen war 2020 mindestens 55 Jahre alt. Das Interesse jüngerer Leute an dem mau bezahlten Beruf ist mehr als unterdurchschnittlich. Die Aufzählung, wo händeringend Fachpersonal gesucht und Hilfspersonal nachgeschult wird, ist zu ernüchternd, um sie vorzunehmen. Die Summe ist: in allen Branchen und Lebensbereichen. Bei der Geburt fehlen Hebammen, am Sterbebett fehlen Priester. Wer zwischen Wiege und Bahre noch ins Theater möchte, beeile sich. Hubert Eckart, Geschäftsführer der Theatertechnischen Gesellschaft: „Wir beklagen einen eklatanten Fachkräftemangel in der Theatertechnik. Wenn nicht umgedacht wird, werden wir in fünf Jahren nur noch die Hälfte der Premieren herausbringen können.“ Er spricht von der deutschen Theater- und Orchesterlandschaft, die für ihre weltweit einzigartige Vielfalt von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe ausgezeichnet wurde.Arbeitsminister Hubertus Heil kann die Misere täglich im eigenen Haus betrachten. Jeder dritte im Öffentlichen Dienst Beschäftigte geht bis 2030 in den Ruhestand, sagt eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey voraus. Die Personallücke von mehr als 730.000 Beschäftigten werde die Handlungsfähigkeit aller Behörden einschränken.der Politik dagegen beschränken sich vor allem darauf, ein größeres Angebot an Arbeitskräften schaffen zu wollen. Dabei geht es vor allem um mehr Frauen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen sollen. Im Koalitionsvertrag wird dieses Ziel ausdrücklich genannt und soll auch steuerlich, etwa durch eine Abschaffung des Ehegattensplittings, gefördert werden. Zweiter Ansatz: Zuwanderer sollen dem Fachkräftemangel abhelfen. Detlef Scheele, Chef der deutschen Arbeitsagenturen, nennt Zahlen: 400.000 Zuwanderer brauche Deutschland im Jahr, um die Lücken auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu schließen. Der Koalitionsvertrag sieht immerhin vor, die Hürden abzubauen, die Zuwanderer überwinden müssen, um arbeiten zu dürfen.Aber nicht nur die Politik, auch die Unternehmen können dem Fachkräftemangel begegnen - angefangen bei den Auszubildenden. Fortschrittliche Mittelständler machen ihren Auszubildenden schon heute bestechende Angebote. Sie locken Schüler mit aufwändigen Praktika, gewähren Azubis früh Verantwortung in eigenen, überschaubaren Bereichen und unterstützen sie überdurchschnittlich in der Berufsschule. Selbst internationale Berufserfahrungen durch Auslandspraktika sind nicht nur für Studierende, sondern auch für Auszubildende möglich.
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