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Die Villa Jacobs in Potsdam: Besuch eines besonderen Ortes der modernen Kunst

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Die Villa Jacobs in Potsdam: Besuch eines besonderen Ortes der modernen Kunst
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Villa und Park des Fabrikanten Ludwig Jacobs waren lange verschwunden – bis ein Berliner Architektenpaar die klassizistische Turmvilla samt Landschaftspark rekonstruierte.

Hierzulande hat der Igel einen Namen: Peter Josef Lenné. Wo immer man in Berlin und Brandenburg an einen Park kommt, heißt es, den habe der preußische Gartenkünstler gestaltet.

Selbst in Aachen, Schwerin oder Magdeburg kann es einem passieren. Als wollte der Landschaftsplaner dem Besucher die lange Nase zeigen, wie einst das Stacheltier im Rennen mit dem Hasen: „Ick bün all hier.

“ Das kann doch nicht wahr sein, hat der Mann sich geklont, oder was? Oder haben die Besitzer einfach mit dem Meister angegeben, selbst wenn er vielleicht nur mal auf einen Kaffee in ihrem Garten war? Keine Sorge – im Potsdamer Park von Ludwig Jacobs ist Lennés Handschrift so sichtbar wie verbürgt. Die acht Hektar hat er tatsächlich gestaltet.

Und wie!

„Willkommen in Arkadien! “, begrüßt Kuratorin Eva Morawietz die Gäste ihrer Führung vor der neuen Orangerie, im Gemüsegarten, in dem sich Kräuter und Rosen, Zucchini und Lavendel ein Stelldichein geben. Der Landschaftspark ist ein Paradies voller Überraschungen, mit Nischen und Hecken, grünen Bögen und alten Bäumen, einem kleinen Weinberg und einer großen Villa, viel zeitgenössischer Kunst und, wie es sich für ein Paradies gehört, natürlich auch mit Apfelbäumen.

Als romantisches Mustergut sollte der Park das Schöne mit dem Nützlichen verbinden, schreibt Marianne Ludes in ihrer Biografie von Ludwig Jacobs. Alte Gruben, Überreste des Lehmabbaus, modulierte Lenné zu einer abwechslungsreichen Topografie des Auf und Ab. Hier plätschert ein Brunnen, von Platanen umringt, dort weiden Schafe, da darf eine Wiese auch mal wild sein und der Turm der Villa alles überragen. Sie kannten sich, sie mochten sich, der preußische Gartendirektor und der Zuckerfabrikant.

Und sie profitierten voneinander. Für Lenné war es ein Glück, in Jacobs einen Selfmade-Mann mit Geld und Geschmack gefunden zu haben, der mit seiner Frau Auguste eifrig Kunst sammelte, gern auch nach Paris fuhr, um sie dort zu kaufen, und sie dann im geselligen Hause anderen zu zeigen. Für ihre immer größer werdende, am Ende 13-köpfige Familie wünschte sich das Paar ein Sommerhaus.

Das Grundstück kaufte Jacobs 1834 dem Betreiber eines Ausflugslokals ab, an den noch heute der Straßenname, „Bertiniweg“, erinnert. Und so ermöglichte es der Selfmade-Mann dem Gartenkünstler, seinen Traum von einem großen Landschaftsgemälde an der Havel zu verwirklichen. Heute ist der Park, zugänglich im Rahmen von Führungen, Ausstellungen und Veranstaltungen, Teil des Unesco-Weltkulturerbes. Dass selbst erfahrenen Potsdam-Ausflugs-Veteranen der Name Jacobs dennoch nichts sagt, liegt kaum an der versteckten Lage, am Ende einer Sackgasse: Villa und Garten waren schlichtweg verschwunden.

Nur die alten Bäume, Keller und Fundament der Villa hatten überlebt. Der fortschrittliche Unternehmer, der auch in die Eisenbahn investierte, war ein besserer Geschäftsmann denn Vater gewesen. Nachdem sein Sohn, der Kronprinz des Familienimperiums, dem er das Unternehmen vermachen wollte, zusammen mit einem Bruder beim Segeln im Jungfernsee ertrunken war, gab Jacobs dem Schwiegersohn Vorzug vor den eigenen Söhnen. Kaum waren die Eltern tot, verkauften die Kinder alles – Haus und Garten, Möbel und Kunst.

Manche Werke sind heute noch in Museen zu bewundern, in der Alten Nationalgalerie etwa das berühmte „Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci“ von Adolph von Menzel, auch er ein Vertrauter von Jacobs. Erst übernahm ein Investor, dann dieDie Villa im Grenzgebiet der DDR wurde nach einem Brand Anfang der 1980er abgerissen, der Park in eine Laubenkolonie verwandelt.

Als nach der Wende ein Gericht entschied, dass die enteigneten Hohenzollern das denkmalgeschützte Gelände nicht zurückbekommen würden, schrieb die Stadt es mit Auflagen aus. Das war der Anfang vom Happy End: Den Zuschlag bekamen Stefan und Marianne Ludes, die in Berlin ein riesiges Architekturbüro führten, spezialisiert auf Gesundheits- und Forschungsbauten. Sie haben die Wüste wachgeküsst.

„Man brauchte viel Fantasie“, wie die Hausherrin bekennt. Sie haben sie gehabt. Als Erstes bauten sie die klassizistische Turmvilla von Ludwig Persius noch mal ganz neu nach – innen ist sie komplett modern –, zogen 2008 ein und machten sich, Stück für Stück, an die eigentliche Mammutaufgabe: die Rekonstruktion des Parks nach den Plänen von 1879 – dem Jahr, das am besten dokumentiert war.

Sichtachsen und Wege wurden wiederhergestellt, Bäume gefällt und Büsche gepflanzt, Obstwiesen angelegt – und moderne Kunst implantiert. Zwischen Skulpturen von Bernhard Heiliger und ­Markus Lüpertz und einem großen sowjetischen Stern, der an die Nachkriegsgeschichte erinnert, sind auch Arbeiten des Hausherrn im Skulpturenpark zu finden. Seit dem Verkauf des Architekturbüros 2019 arbeitet Stefan Ludes verstärkt als Bildhauer.

Marianne Ludes, Betriebswirtin und Vorstandsvorsitzende des Vereins, der das Literaturfestival Lit:Potsdam trägt, schreibt inzwischen selbst Bücher, zuletzt „Trio mit Tiger“, einen Roman über Max Beckmann und seine zweite Frau Quappi. Im Garten finden Lesungen und Konzerte statt, dazu hochkarätige Einzelausstellungen, bisher von Leiko Ikemura und Karl Hartung, bei denen auch das Dampfmaschinenhaus einbezogen wird.

Arkadien soll tatsächlich kein Ende haben: Das kinderlose Paar, heute beide 63 Jahre alt, gründete eine Stiftung, die die Zukunft des Anwesens als öffentlich zugänglicher Ort der Kunst sichert. Und so wird man immer weiter lustwandeln durch den Park, an den Blüten schnuppern, den Hügel hoch zum Schwanenweiher steigen, sich auf die Rundbank unter der Linde setzen, den malerischen Ausblick über die toskanisch anmutende Turmvilla genießen – im 19.

Jahrhundert der letzte Schrei – und sich ein bisschen durch den flach liegenden Frauenkopf von Leiko Ikemura irritieren lassen: „White Sleep“, in Grün gebettet.

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