Pensionierte Ärzte bieten in Projekten wie dem Doc-Treff kostenlose Beratungsgespräche an, um Patienten bei der Einordnung von Befunden zu helfen, was jedoch zu rechtlichen Diskussionen mit den Ärztekammern führt.
In Städten wie Bremerhaven entsteht ein neues Modell der medizinischen Unterstützung, das unter Namen wie Doc-Treff oder Café Med. bekannt ist. Hier kommen Ärzte im Ruhestand zusammen, um ehrenamtlich und ohne finanzielle Gegenleistung Zeit für Patienten zu haben, die in einem überlasteten Gesundheitssystem oft zu kurz kommen.
Dr. Gunnar Wagner, ein ehemaliger Chefarzt, ist eine der treibenden Kräfte hinter dieser Initiative. In einer entspannten Atmosphäre, beispielsweise in einem Wintergarten eines Seniorentreffpunkts, widmet er sich den Hilfesuchenden. Im Gegensatz zu seiner Zeit in der aktiven Klinikarbeit hat er nun die Möglichkeit, sich wirklich Zeit zu nehmen. In einem Zeitfenster von zwei Stunden sieht er etwa sechs Personen, wobei jede Person etwa 20 Minuten erhält.
Dies ist ein Luxus, den das moderne Gesundheitssystem in der regulären Praxisversorgung kaum noch bietet. Das Konzept der medizinischen Informationsbörse zielt ausdrücklich nicht auf eine medizinische Heilung oder eine neue Diagnose ab. Die beteiligten Mediziner betonen immer wieder, dass dieses Angebot keinen Ersatz für einen regulären Arztbesuch darstellt. Es geht primär darum, zuzuhören und eine fachlich fundierte Orientierung zu schaffen.
Patienten, insbesondere solche mit chronischen Leiden, bringen oft ihre ärztlichen Befunde und Entlassungsbriefe mit, die sie in der Praxis nicht ausreichend erklärt bekommen haben. Das Team in Bremerhaven besteht mittlerweile aus etwa 20 Ärztinnen und Ärzten sowie zehn medizinischen Fachkräften, die alle nicht mehr im aktiven Dienst stehen. Ähnliche Projekte gibt es auch an anderen Orten, wie das Café Med. im Rathaus von Bramsche, das von Dr. Peter Thiem und seiner Frau ins Leben gerufen wurde.
Die beteiligten Mediziner sehen es als ihre gesellschaftliche Pflicht an, ihr Wissen zurückzugeben, da ihr Studium vom Staat finanziert wurde. Die Unterstützung für solche Initiativen kommt unter anderem vom Ärzteverband Marburger Bund. Die Experten dort sehen die pensionierten Ärzte als wertvolle Lotsen in einem immer komplexer werdenden Gesundheitssystem. Die Fähigkeit, Befunde verständlich zu erklären und die Dringlichkeit von Symptomen einzuschätzen, stärkt die allgemeine Gesundheitskompetenz der Bürgerinnen und Bürger erheblich.
Auch kommunale Geber, wie die Stadt Bremerhaven, unterstützen die Projekte, indem sie die benötigten Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung stellen. Patienten berichten von einer enormen psychischen Entlastung, da sie sich endlich ernst genommen und in Ruhe gehört fühlen. Doch nicht alle Akteure im Gesundheitswesen sehen dieses Modell positiv. Die Ärztekammern äußern deutliche Kritik an diesen Parallelstrukturen.
In Regionen mit einem bereits bestehenden Ärztemangel wird argumentiert, dass jeder verfügbare Mediziner in einer regulären Praxis dringend benötigt würde. Es wird bezweifelt, dass solche ehrenamtlichen Angebote die Versorgungslage tatsächlich verbessern.
Zudem gibt es erhebliche rechtliche Bedenken. Auch ehrenamtlich tätige Mediziner unterliegen der Berufsordnung, was eine lückenlose Dokumentation der Gespräche und den Besitz einer Berufshaftpflichtversicherung voraussetzt. Die Ärztekammer in Hannover warnt zudem davor, dass Therapieempfehlungen ohne eine fundierte diagnostische Untersuchung in einer geeigneten klinischen Umgebung riskant sein könnten, da das Setting außerhalb einer Praxis nicht für medizinische Diagnostik geeignet sei. Trotz der bürokratischen Hürden und der Kritik bleibt der menschliche Gewinn im Vordergrund.
Ein Beispiel ist ein 45-jähriger Patient mit Neurodermitis, der im Doc-Treff Antworten auf die Ursachen seiner Erkrankung sucht und Wege finden möchte, die Abhängigkeit von Cortison zu verringern. Die Erfahrung zeigt, dass viele Menschen die Kommunikation in regulären Praxen als kurz angebunden und hektisch empfinden. Für Dr. Wagner persönlich bedeutet dieses Ehrenamt eine Befreiung vom wirtschaftlichen Druck, der seine aktive Zeit als Chefarzt prägte.
Die Zufriedenheit der Patienten und das Gefühl, ohne Zeitdruck wirklich helfen zu können, machen die Tätigkeit für ihn zu einer erfüllenden Aufgabe im Ruhestand
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