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Eine Migrantin ergreift Partei für Deutschland: „Ich bin stolz auf dieses Land“

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Eine Migrantin ergreift Partei für Deutschland: „Ich bin stolz auf dieses Land“
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Was Bärbel Bas und eine Parteigenossin über Deutschland und die Deutschen sagen, kann die in der Türkei geborene Autorin so nicht stehen lassen. Eine Entgegnung.

Was Bärbel Bas und eine Parteigenossin über Deutschland und die Deutschen sagen, kann die in der Türkei geborene Autorin so nicht stehen lassen. Eine Entgegnung.

Bärbel Bas redet vom „Einheitsbraun“. Und ich, die 1978 kam, frage mich, wer in diesem Land eigentlich noch für dieses Land spricht. Der Satz fiel an einem Abend unter Genossinnen, beiläufig, fast gut gelaunt, im Tonfall einer Frage, auf die man keine Antwort erwartet, weil die Antwort schon in der Frage steckt. Die Genossin, die ihn aussprach, ist 78.

Sie zitierte ihre Mutter. Sie ist mit diesem Satz aufgewachsen, als sei das Verschwinden des eigenen Volkes ein historischer Auftrag, den eine Generation der nächsten vererbt wie ein dunkles Schmuckstück. Ich saß dabei. Ich, die seit mehr als vier Jahrzehnten in diesem Land lebt, hier liebt, hier streitet, hier wählt, hier arbeitet, hier zahlt.

Ich, die 1978 aus einem kurdischen Dorf in dernach Bayern kam und in einer türkischen Klasse Türkisch lernen musste, weil das deutsche Schulsystem nicht vorgesehen hatte, dass ein Kind aus der Türkei kein Türkisch spricht. Und ich, in der niemand eine alteingesessene Deutsche vermuten würde, sagte: Das finde ich unmöglich.

„Warum? “, fragte sie. Weil ich keine andere Nation kenne, die so über sich selbst redet. Keine Französin würde sich an einen Tisch setzen und fragen, was so schlimm daran wäre, wenn die Franzosen ausstürben.

Keine Italienerin. Keine Polin. Und schon gar keine Türkin, ich weiß, wovon ich rede. Das Unerträgliche an diesem Satz ist nicht, dass jemand ihn denkt, sondern dass ihn jemand in einem Kreis politisch denkender Menschen aussprechen kann, ohne dass jemand vom Stuhl fällt.

Wir gerieten in Streit. Ich sagte, ich wolle nicht, dass Deutschland ausstirbt. Ich liebe dieses Land. Und ich sagte etwas, was die Genossin kurz stumm werden ließ: Ich wolle, dass Deutschland wieder strahlt.

Nicht in Stiefeln und nicht hinter Grenzen, sondern in Erfindergeist, in Intelligenz, in einer Lebensart, die einmal andere Länder kopiert haben. Mit allen, die sich zu diesem Land bekennen. Eine Woche später stand Bärbel Bas, Bundesarbeitsministerin und Vorsitzende meiner Partei, in Berlin auf einer Bühne und sagte: „Wir wollen Farbe bekennen und wehren uns gegen dieses sogenannte Einheitsgrau, oder ich will sogar Braun nennen, auch wenn manche sich danach sehnen, vielleicht sogar, aber so ist es halt nicht mehr.

Und das ist auch gut so.

“ Es lohnt sich, den Wortlaut zu kennen, weil die meisten Empörungstexte ihn glätten. Die Passage ist mündlich, ungeschützt, fast stammelnd. Bas fügte hinzu, das „sogenannte Fremde“ werde „zum Angriff auf ‚unsere Kultur‘ betitelt“, das kenne man „leider aus der deutschen Geschichte“, und schloss damit, Integration sei „keine Einbahnstraße“. Gerade dieser letzte Satz ging unter.

Was hängen bleibt, ist ein anderes Geräusch: dass eine Bundesministerin die Sehnsucht nach Vertrautheit in die Nähe von „braun“ rückt. Sie sagt es nicht offen, also kann sie es jederzeit zurücknehmen. Aber wer hinhört, hört, was er hören soll. Und in einem Land, in dem die Der Satz beschädigt das Anliegen, das er stützen will.

Wer für Vielfalt wirbt, indem er die Sehnsucht nach dem Vertrauten unter Faschismusverdacht stellt, treibt die Menschen, die er erreichen müsste, genau dorthin, wovor er sie warnen will. Es ist ein Sieg der AfD ohne ihr Zutun. Ich bin gekommen, weil meine Eltern hofften, dass ihre Kinder hier ein besseres Leben haben würden. Sie haben sich nicht geirrt.

Und gerade deshalb erlaube ich mir zu sagen, was inzwischen unter Verdacht steht: Ich bin stolz auf Deutschland. Eine Migrantin darf das sagen, vielleicht darf nur noch eine Migrantin es sagen, ohne dass ihr jemand etwas unterstellt. Es gibt ein Deutschland, das es zu verteidigen lohnt.

Nicht das der Lederhosen und nicht das der Wehrmachtsausstellungen, sondern das des Grundgesetzes: die Freiheit des Einzelnen, die Gleichheit von Mann und Frau, die Trennung von Staat und Religion, die freie Presse, die Würde, die nicht verhandelbar ist. Das Deutschland, das aus der Katastrophe eine Demokratie gebaut hat, die dieses Land stabiler und freier gemacht hat, als viele je erwartet hätten, und das funktioniert hat, weil Millionen Menschen, deren Namen nie in einer Zeitung stehen, jeden Morgen aufgestanden sind und ihre Arbeit gemacht haben.

Diese Menschen sind nicht „einheitsbraun“. Sie sind das, was die SPD eigentlich vertreten müsste. Wer ihr Verschwinden achselzuckend hinnimmt, nimmt mir die Heimat, die ich mir hier erworben habe. Denn Heimat ist kein abstrakter Begriff.

Sie ist die konkrete Summe von Menschen, Gewohnheiten, Rhythmen, sie ist Kontinuität. Und es gehört zur Wahrheit, dass diese Kontinuität bröckelt, auf eine Weise, die ich als Bürgerin dieses Landes seit Jahrzehnten beobachte und die sich auch beobachten lässt. Es ist nicht nur eine Stadt, es ist dieses Land. Schwimmbäder, die keine geschützten Orte mehr sind.

Weihnachtsmärkte, die man mit Betonsperren und Polizei umstellen muss, damit sie überhaupt stattfinden können. Ein öffentlicher Raum, der allen gehört und deshalb niemandem mehr allein, und der dort, wo er niemandem mehr gehört, verwahrlost. Schulen, die nicht mehr auffangen können, was die Familien nicht mehr leisten. Eine Polizei, die nicht mehr überall hingeht.

Es ist wie in dem Märchen vom Kaiser und seinen neuen Kleidern. Alle sehen, dass es ein Problem gibt, nicht mit der Migration an sich, sondern mit der falschen, der ungesteuerten. Alle wissen es. Man spricht darüber am Küchentisch, im Wartezimmer, in der Schlange an der Kasse.

Nur öffentlich, da ist der Kaiser angezogen, da nickt man und schweigt, weil der Erste, der das Offensichtliche ausspricht, fürchten muss, in die falsche Ecke gestellt zu werden. Es braucht keinen Mut, um zu sehen, was alle sehen. Es braucht nur jemanden, der es sagt. Das auszusprechen ist nicht rechts, es ist ehrlich.

Nicht die Zuwanderung ist das Problem, dieses Land kann ohne sie nicht mehr funktionieren, die Zahlen sind eindeutig. Das Problem ist eine Politik, die nicht steuert, nicht integriert und am Ende den Rassismus großzieht, den sie verhindern wollte; und die echte Sorgen lieber moralisch abwehrt, als sie ernst zu nehmen. Eine Mehrheit wünscht sich weniger, nicht mehr Migration. Eine ernsthafte Sozialdemokratie würde beides zugleich denken: die Notwendigkeit der Einwanderung und das Bedürfnis nach Ordnung.

Genau das tut sie nicht mehr. Bärbel Bas, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, hält eine Rede und spricht über vermeintliches Einheitsgrau und Einheitsbraun in der deutschen Gesellschaft. Ich habe an jenem Abend gesagt, ich wolle, dass Deutschland wieder strahlt. Ich weiß, welchen Reflex solche Worte auslösen.

Aber ich sage es als Migrantin, weil ich glaube, dass nur eine Migrantin es heute noch sagen kann, ohne sofort verdächtig zu sein. Ich meine nicht Größe im militärischen Sinn, sondern das, was dieses Land der Welt einmal gegeben hat: Universitäten, Maschinen, Medikamente, Bücher, Sozialgesetze, die Demokratie nach 1949. Eine Lebensart, in der ein Wort ein Wort war und ein Vertrag ein Vertrag.

All das ist nicht verloren, aber es darf nicht mehr ausgesprochen werden, weil das Aussprechen sofort als Nationalismus gilt. So verlieren wir nicht nur die Substanz, sondern auch das Vokabular, sie zu verteidigen. Eine neue Strahlkraft, mit allen, die sich zu diesem Land bekennen: mit den alteingesessenen Deutschen und mit den Neudeutschen, deren Großeltern in Anatolien, in Vietnam, in Italien geboren wurden. Aber bekennen heißt auch: die Regeln achten, die hier gelten.

Die Sprache lernen. Frauen als Gleiche behandeln. Den Rechtsstaat akzeptieren. Das ist nicht rechts.

Das ist die Bedingung jeder ernsthaften Liebeserklärung an Deutschland, die zu unterschreiben ich, gerade als Migrantin, niemandem ersparen will. Bleibt das eigentliche Skandalon: Eine Bundesministerin verdächtigt große Teile der Bevölkerung, und die laute Antwort kommt aus den falschen Mündern. Es ist, die ihr widerspricht; es sind die rechten Portale, die sich empören. Aus der SPD-Spitze, aus dem Kanzleramt: kein klärendes Wort.

In den großen Blättern, die ich seit Jahrzehnten lese: auffällige Zurückhaltung. Das eigentliche Problem traut sich kaum jemand zu benennen: dass nüchtern über Migration nicht mehr gesprochen wird, weil jedes ehrliche Wort sofort einem Lager zugeschlagen wird. Das ist die Verrohung, die mich beunruhigt: nicht, dass eine Ministerin einen Satz sagt, den sie nicht hätte sagen dürfen. Sondern dass in der Mitte die Stimme fehlt, die ihr widerspricht, ohne sich gleich rechts zu stellen.

Wer redet noch mit denen, die sich Vertrautheit wünschen, ohne sie zu verachten? Mit den Migranten, ohne sie zu benutzen? Mit den Ostdeutschen, ohne sie zu therapieren? In diesem Vakuum wachsen die 29 Prozent.

In diesem Vakuum sterben die zwölf. Ich bin 1978 gekommen. Ich habe mich hier nie unfrei gefühlt. Bis zu dem Abend, an dem eine 78-Jährige den Satz ihrer Mutter wiederholte, und bis zu dem Tag, an dem eine Ministerin meiner Partei die Sehnsucht ihrer eigenen Bevölkerung mit der Farbe der Nazis grundierte.

Wenn niemand mehr für dieses Land spricht, ohne sich dabei zu schämen, dann überlassen wir es denen, die es aus den falschen Gründen tun. Was so schlimm daran wäre, wenn die Deutschen aussterben? Sehr viel. Und es wird Zeit, dass meine Generation den Satz der Mutter nicht weitergibt, sondern beantwortet, mit einem Land, das sich verändern darf, ohne sich zu verachten.

Ayten Eral schreibt über gesellschaftliche Dynamiken, Brüche und Begegnungen – immer mit dem Blick dafür, wie Menschen denken, fühlen und handeln. Sie ist Beisitzerin im SPD-Kreisvorstand Friedrichshain-Kreuzberg, stellvertretende Vorsitzende der AG Migration und Vielfalt und Bürgerdeputierte für Partizipation etc.

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