Schweigen war für unsere Autorin lange bedrückend. Dann lud ein indischer Zahnarzt sie zum Meditieren ein. Über Stille in Zeiten der Ruhelosigkeit.
Einfach mal gar nichts sagen:Sei doch mal still An manchen Tagen stelle ich mich abends auf den Teppich im Wohnzimmer, dehne meinen Körper, atme tief durch und lasse mich auf das runde schwarze Kissen nieder. Da sitze ich dann und schweige, zwanzig Minuten, manchmal länger. Endlich, am Ende des Tages, möchte ich aus dem Hamsterrad aussteigen, ruhig werden und mich sammeln. Allerdings meldet sich sofort der Alltag zu Wort.
Es hat viele Jahre gedauert, bis ich dieses wohltuende Schweigen fand. Während ich schweige, wird mir oft erst klar, was mir im Grunde wichtig ist und wie ich es mitteilen will. Mein Weg zum Schweigen war holprig. Von meiner persönlichen, holprigen Reise zum Schweigen handelt diese Geschichte. Und auch davon, was Schweigen eigentlich für eine Gesellschaft und für unsere Kommunikation bedeutet.
Wenn mein Vater mit dem Auto kommt, muss ich die Haustür aufmachen, einige Schritte hinaus- und auf ihn zugehen, ihm einen spitzen Kuss auf die Lippen geben und „Guten Tag, Vater“ sagen. In sein Auto will ich nicht einsteigen. Aber das darf ich auf keinen Fall äußern, das widerspräche den ungeschriebenen Regeln, die hier herrschen. Ich könnte meinen Vater wütend machen und vor seinen unkontrollierten Wutausbrüchen habe ich Angst.
Mit meiner Mutter hatte ich hin und wieder Streit – wann ich abends zu Hause sein sollte, ob ich vorlaut und frech zu ihr war. Die Anlässe erscheinen mir heute banal und ich habe die meisten ganz und gar vergessen. Diese Zeit liegt nun schon lange zurück. Ich bin erleichtert darüber, kein abhängiges, emotional schlecht versorgtes Kind mehr zu sein. Heute bin ich eine Frau von 64 Jahren, von Beruf Journalistin. Ich konnte studieren, bin Politikwissenschaftlerin und habe – trotz der Belastungen aus meiner Herkunftsfamilie – geheiratet und eine eigene Familie gegründet.
Nach einer halben Stunde steht der Arzt auf, klopft sich den Staub von der Hose. „Warum machen Sie diese Meditation?“, frage ich. „Für mein Karma“, sagt er. Aha, als gläubiger Hindu ist für ihn Meditation ein Gebet und er sammelt damit gute Taten für sein nächstes Leben, denke ich, vielleicht bekommt er dann endlich ein gutes Röntgengerät. Das stille Sitzen in der Höhle hat mir gut getan, mich ruhiger werden lassen, vielleicht auch geduldiger.
Raum für Veränderung Die Österreicher Fritz Betz und René Reichel haben im Jahr 2021 das Buch „Schweigen macht Sinn“ veröffentlicht. Darin betrachten und analysieren die Therapeuten besonders das Schweigen in der Psychotherapie. Und die Autoren spannen den Bogen noch weiter: Von der Bedeutung von Sprechpausen bis hin zur Betrachtung von Verschwiegenheit. Dieses Buch ist deshalb auch eine Lektüre über den Sinn des Schweigens im Kontakt zwischen Menschen.
Drei autobiografische Erzählungen zum Thema Schweigen legte im Herbst vergangenen Jahres der Schriftsteller Friedrich Christian Delius vor, der dieses Jahr im Mai verstarb. Der Titel des Buches: Die sieben Sprachen des Schweigens.
Nach F. C. Delius gibt es das Schweigen aus Angst – vor Autoritäten, vor Urteilen – das Schweigen aus Dummheit, Unwissenheit, das Schweigen aus Schüchternheit und Respekt, das Schweigen aus Verlegenheit und Unentschiedenheit, aber auch das Schweigen aus Überlegenheit, wenn man meint, es besser zu wissen und schlauer zu sein. Das Schweigen aus Faulheit, auch Denkfaulheit.
Meistens kommen acht bis zehn Personen. Wir sitzen im großen Kreis auf Kissen, Meditationsbänkchen oder Stühlen, versammeln uns um das Licht einer weißen Kerze, die in der Mitte in einer braunen Keramikschale brennt. Zwanzig Minuten oder etwas länger schweigen wir gemeinsam. Ertönt wieder die Klangschale, stehen wir auf, gehen zwei Runden im Kreis, hintereinander, schweigend.
In der modernen Welt sollen wir nicht ruhig werden Aber warum schweigen wir dann nicht einfach mehr? Was macht es uns so schwer, sich eine Weile still hinzusetzen und den Mund zu halten? Ich versuche, mich dieser Frage von der anderen Seite zu nähern. Wie lassen sich die Unruhe und die Hektik, der Lärm und das Getöse in unserer Gesellschaft erklären?
Das heißt, wir sollen nicht ruhig werden. Wir sollen nicht schweigen, sondern uns aufregen und bei möglichst vielen Debatten mitmischen. Als Menschen sind wir soziale Wesen, die gesehen, gehört und beachtet werden wollen. Die sozialen Medien scheinen dafür wie geschaffen. Mit Bild, eigenem Wort und Ton kann man damit Reichweiten erzielen, von denen man früher nicht zu träumen wagte.
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