Mit Evelyn Palla als Chefin hat die Bahn nach Jahren das erste Mal wieder schwarze Zahlen geschrieben. Doch bei der Pünktlichkeit ist die Bilanz ernüchternd. Der Druck aus der Politik nimmt zu.
in schwarzen Sicherheitsschuhen im ICE-Werk in Leipzig und linst auf die blinkenden Bildschirme im Büro der Betriebsleitung. Neben ihr ein Mitarbeiter der Betriebssteuerung. Seit 41 Jahren sei er nun schon dabei, sagt der Mann, selbst fahren könne er auch.
Ein guter Anknüpfungspunkt für Palla, auch sie hat einen Triebfahrzeugschein, als erste Bahnchefin überhaupt. Zahlreiche der Beschäftigten, die Palla außerhalb des Bahntowers inAllzu oft schwenkt das Gespräch mit den Beschäftigten allerdings um, denn der Job, den die 53-Jährige im Oktober seit einem Jahr innehat, bringt viel Kritik mit sich. So auch im Büro der Betriebssteuerung: Eine einheitlichere IT-Landschaft wäre schön, heißt es, vor allem doch bitte keine Arbeit mit Excel mehr. Palla hört sich geduldig die Kritik an.
„Das nehmen wir mit“, sagt sie, überschwängliche Versprechen sind nicht ihr Fall. „Wir brauchen Zeit“, sagt Palla. , genügend Zeit für erste Veränderungen, sagen nicht nur Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bahn. Zunehmend ungeduldig sind auch Millionen Bahnfahrer und Politiker.als Verkehrsminister gewesen, weil sich trotz Milliarden aus dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität keine sichtbare Verbesserung bei der Deutschen Bahn eingestellt haben, heißt es aus Regierungskreisen.
Der neue Verkehrsminister Steffen Bilger soll den Druck auf die Bahn erhöhen und endlich gute Nachrichten liefern. Dafür braucht der Minister die Bahnchefin. Viele Männer vor ihr sind an der Aufgabe gescheitert, den maroden Staatskonzern auf Kurs zu bringen. Gelingt Palla das, was vor ihr niemand zu schaffen vermochte?
Die Erwartungen sind von Anfang an hoch. Es ist der 16. Oktober 2025, in der Eventlocation Amplifier in Berlin. Der Branchenverband Allianz pro Schiene hat zum jährlichen Bahnsalon geladen.
Auch auf der Gästeliste: Evelyn Palla, knapp zwei Wochen Vorstandschefin der Deutschen Bahn. Bereits kurz vor ihrem Eintreffen geht ein Tuscheln durch den Saal: Jeden Moment könne sie eintreffen. Plötzlich geht das große Geschiebe los, jeder will Palla Hallo sagen. Palla wirkt gut gelaunt und doch etwas überfordert, als hätte sie beim besten Willen nicht mit so einem Getöse um ihre Person gerechnet.
Neben ihr steht, wie bei fast allen Terminen der folgenden zwölf Monate, Kommunikationschef Jens-Oliver Voß, der sich an diesem Abend fast schützend vor sie stellen muss. Palla ist seit 2019 bei der Deutschen Bahn, zunächst als Vorständin für Finanzen der DB Fernverkehr AG, seit Juli 2022 als Vorstandsvorsitzende der DB Regio AG und damit Mitglied des DB-Vorstands.
Die studierte Betriebswirtin sammelte ihre ersten Erfahrungen mit der Schiene bei den Österreichischen Bundesbahnen , die Experten als Vorbild für die Deutsche Bahn gelten. Zuvor hat Palla beiIhr Name kursierte schon Monate vor der offiziellen Verkündung in Berlin, dennoch wurde wochenlang weitergesucht. Auch externe Kandidaten waren im Gespräch, am Ende fiel die Wahl auf Palla. Verkehrsminister Patrick Schnieder habe keine bessere Besetzung gefunden, hieß es bei Kritikern.
Vielen galt Palla als nicht erfahren genug. Andere hielten ihr vor, jahrelang selbst einer Führung angehört zu haben, die den dringend nötigen Neustart bei der Bahn nicht geschafft hat. Doch fragt man Palla, ob sie das dem früheren Verkehrsminister je übel genommen habe, dass er mit seiner Entscheidung so lange gebraucht habe, sagt die Bahnchefin schlicht „Nein.
“Im Sommer, zehn Monate später, ist aus den riesigen Erwartungen auch Ernüchterung geworden. Nach dem Besuch im ICE-Werk Leipzig tauscht Palla die Sicherheitsschuhe wieder gegen Pumps und fährt ein paar Minuten weiter zur Betriebszentrale Leipzig, von der aus der Zugverkehr der Region gesteuert wird. Die Beschäftigten hier haben viele der gleichen Sorgen wie die Kundinnen und Kunden draußen: verspätete Züge, gesperrte Strecken, Baustellen, die nicht aufeinander abgestimmt sind.
Bei schlechtem Wetter steigen die Menschen inzwischen lieber ins Auto, beklagt ein Mitarbeiter.
„Wir sind schon frustriert, aber wir sind auch alle Eisenbahner durch und durch“, sagt ein anderer. Ausschlaggebend für Pallas Benennung war auch ihre Bilanz als Managerin der Regionaltochter DB Regio, die seit 2024 wieder schwarze Zahlen schreibt. Im ersten Halbjahr 2025 erzielte die Sparte einen operativen Gewinn von 103 Millionen Euro, ein Jahr zuvor stand in dieser Zeit noch ein Minus von 66 Millionen Euro.
Zugutehalten ihr viele in der Branche auch, dass DB Regio bei Ausschreibungen gegen private Konkurrenten wieder häufiger zum Zuge kommt. Der Kreis der Wettbewerber hält knapp 41 Prozent des Nahverkehrsangebots, die Bahn rund 60 Prozent. Palla habe ihren Bereich „auf Vordermann gebracht“, hieß es in Branchenkreisen. Bei DB Regio setzte sie vor allem auf Dezentralisierung, den 14 Bereichen gab sie die Verantwortung zurück, die zuvor zentralisiert worden war.
Genau das soll auch im Bahntower ihr Erfolgsrezept werden.
„Wir verlagern die Verantwortung für die Qualitätssteuerung von der Konzernleitung in die operativen Geschäftsbetriebe“, sagte Palla dazu im Januar. Entscheidungen sollen damit näher am Betrieb und an den Kunden getroffen werden. Im Zentrum der neuen Strategie stehen neben dezentraler Ergebnisverantwortung auch Geschäftsnähe, die Konzentration auf das Kerngeschäft und eine neue Unternehmenskultur. Einiges hat Palla bereits umgesetzt: Seit dem 1.
Januar gilt die neue Konzernstruktur mit weniger Ressorts und weniger Führungskräften. Unterhalb des Vorstands strich sie etwa die Hälfte der 43 Führungsposten. Die Qualitätssteuerung liegt nun in den Geschäftsfeldern, ergänzt durch eine Stabsstelle bei der Konzern-Chefin selbst. Bereits im Dezember hatte Palla angekündigt, die Zahl der Stellen in der Konzernleitung von rund 3500 auf etwa 2500 zu reduzieren.
Der gesamte Konzernumbau soll ab 2028 dauerhaft mehr als 500 Millionen Euro pro Jahr bei Sach- und Personalkosten einsparen. Bahnexperte Christian Böttger, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, begrüßte den Ansatz der Dezentralisierung. Doch Pallas Pläne gehen ihm nicht weit genug.
„Im Ergebnis muss man sagen: So richtig viel ist noch nicht sichtbar“, sagte Böttger dem Handelsblatt. Die Zentrale der DB habe sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht, während sich der Konzern durch den Verkauf der Töchter Schenker und Arriva halbiert habe.
„Ein Drittel davon abzubauen, also 1000 Köpfe, das finde ich noch nicht besonders ambitioniert“, sagt Böttger. Palla müsse auch die großen Brocken angehen und grundlegende Transformationen liefern. Auch bei der Pünktlichkeit gebe es noch keine Kehrtwende. Der schwierigere Teil sei ohnehin die Kultur, sagt Palla selbst.
„Das Motto ist dabei klar: Leistung muss sich lohnen“, sagte sieEs dürfe nicht egal sein, ob jemand gute Leistung bringe oder nicht. „Man bestraft sonst immer diejenigen, die sich reinhängen und ihre Ziele erfüllen. “Böttger sieht hier einen konkreten Bedarf. „Bei DB Cargo ist die Produktivität in zehn Jahren um 40 Prozent gesunken“, sagt er.
„Das liegt an Überregulierung, einer aufgeblähten Verwaltung und starren Betriebsvereinbarungen. “ Zugleich weist er auf Pallas Spielraum hin: „Man muss ehrlicherweise sagen, sie ist auch eingehegt von einem Aufsichtsrat, der sehr reformfeindlich ist. “ Auch an anderer Stelle stößt der Eifer der neuen Chefin allmählich auf Ermüdung. Alle zwei Wochen schickt Palla ein internes Briefing, zugleich wächst durch den Stellenabbau der Druck.
„Sie muss aufpassen, dass die Leute nicht bald abschalten“, sagt ein DB-Mitarbeiter dem Handelsblatt. Der Grat ist schmal: Palla will den Schlendrian der alten Beamtenbahn austreiben, ohne die Belegschaft zu vergrätzen. Mit Palla an der Spitze hat die Bahn nach sieben Jahren im ersten Halbjahr dieses Jahres erstmals wieder schwarze Zahlen geschrieben.
Allerdings auch dank deutlich erhöhter Bundeszuschüsse für die Instandhaltung. So stieg das Ergebnis des Staatskonzerns um 907 Millionen Euro von minus 760 Millionen auf plus 147 Millionen Euro. Fast exakt dieser Unterschiedsbetrag findet sich in der Aufzählung sonstiger betrieblicher Erträge wieder. So brachten schlussendlich auch die Steuerzahler die Bahn zurück in die Gewinnzone.
Neele Wesseln, Geschäftsführerin vom Verband Die Güterbahnen, sieht eine gemischte Bilanz des ersten Jahres.
„Evelyn Palla hat mit weniger Hierarchien, weniger Zentrale und mehr Verantwortung im operativen Geschäft eine schwierige, aber notwendige Aufräumaufgabe im DB-Konzern angepackt“, sagte Wesseln dem Handelsblatt. Für die Güterbahnen zähle am Ende aber nicht das Organigramm, sondern ob ihre Züge zuverlässig fahren. Dort, sagt Wesseln, sei die Trendwende bislang nicht angekommen. Eines der grundlegenden Probleme kann Palla allerdings nicht schnell lösen, die marode Infrastruktur.
„Wir arbeiten mit Hochdruck an einer besseren Pünktlichkeit unserer Fernzüge. Aber es ist, wie es ist: Die Infrastruktur ist noch zu kaputt“, sagte Palla dem Handelsblatt. Allein dieses Jahr sei ein Rekord-Baujahr mit 28.000 Baustellen. Laut der Bahn-Chefin sind rund 80 Prozent der Verspätungen auf die kaputte Infrastruktur zurückzuführen.
Im August kamen nur 54,2 Prozent aller Fernzüge pünktlich. Hier zeigt sich eine Eigenschaft, die Palla von ihrem Vorgänger Richard Lutz unterscheidet: ihr Realismus.
„Ich verspreche nichts, was ich nicht halten kann“, sagt Palla. Die Bahn könne sofort deutlich pünktlicher fahren, „indem wir Baustellen streichen und einfach Züge herausnehmen“. Dafür sei aber nicht die richtige Zeit. Auch die Sanierung viel befahrener Strecken lief zuletzt nicht immer nach Plan.
Nach Verzögerungen und Kostensteigerungen kündigte Palla im August an, auch das Konzept für die Generalsanierungen überprüfen zu wollen. Bei den Korridorsanierungen werden stark belastete Strecken für mehrere Monate gesperrt, um Arbeiten an Gleisen, Weichen, Bahnhöfen und Stellwerken zu bündeln. Geplant ist nun, die Zahl und den Umfang der Sanierungen neu zu priorisieren und die Wiederinbetriebnahme einzelner Strecken schrittweise zu organisieren.
Außerdem sollen Bauvorhaben besser aufeinander abgestimmt werden, damit sich Sperrungen bei Verzögerungen nicht zusätzlich auf das Gesamtnetz auswirken. Bei künftig nur noch zwei Korridorsanierungen pro Jahr könnte sich die Sanierung allerdings noch länger hinziehen. Schon nach den bisherigen Plänen sollte sie bis 2036 dauern.10. September, am Potsdamer Platz in Berlin.
Der Fahrstuhl im Bahntower rast nach oben, 22, 23, 24, 25 und stoppt schließlich im 26. Stock. Wenige Wochen, bevor sich ihre Zeit als Bahn-Chefin zum ersten Mal jährt, lädt Evelyn Palla Journalisten in die Konzernzentrale ein. Sie will Bilanz ziehen.
„Ich würde es jederzeit wieder machen“, sagt Palla. Fragt man sie nach ihrem härtesten Tag an der Bahn-Spitze, spricht sie vom Tod des Schaffners Serkan C. der Anfang Februar durch die Attacke eines Fahrgastes ums Leben kam. Die sonst so stoische Gelassenheit weicht in diesem Moment emotionaler Betroffenheit. Für Palla war der Angriff eine Zäsur.
Seither hat sie Sicherheit zum Schwerpunktthema gemacht und intensivierte den Einsatz von Body-Cams bei den Beschäftigten. Was die Trendwende anbelangt, spricht Palla von zwei Geschwindigkeiten: Die Sanierung des Schienennetzes werde noch lange dauern. Beim Konzernumbau sowie der Sauberkeit und Sicherheit in Zügen und an Bahnhöfen soll es schneller vorangehen. Mit drei Sofortprogrammen in dem Bereich soll die Kundenzufriedenheit kurzfristig steigen, die Pünktlichkeit wird sich dadurch aber nicht verbessern – und damit auch nicht die Laune der Bahnfahrer.
Das scheint auch Palla zu wissen – und kündigt an, auch die ICE-Flotte überarbeiten zu wollen.
„Wir wollen dieses Produkt ICE auf ein neues Level bringen“, sagte Palla in Berlin und spricht vom „Next Level ICE“. Wie dieser genau aussehen soll, ließ sie allerdings völlig offen. Es könnte eine Reaktion auf die neue Konkurrenz aus Italien sein: Das Bahnunternehmen Italo will ab 2028 Fernzüge zwischen mehreren deutschen Metropolen anbieten, was den Druck auf Palla erhöhen könnte. Sie selbst gibt sich unbeeindruckt: „Ich glaube, es ist absolut positiv, dass wir Wettbewerb bekommen. “ Ein klassischer Palla-Satz.
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