Vom „Batzen Cash“ in die vierte Insolvenz: Warum bei Galeria jede Sanierung am selben Problem scheitert – und ob es diesmal das Ende ist.
Vom „Batzen Cash“ in die vierte Insolvenz: Warum bei Galeria jede Sanierung am selben Problem scheitert – und ob es diesmal das Ende ist.
„Wir schieben einen ganzen Batzen Cash in das Unternehmen“, versprach Bernd Beetz im April 2024, als er die Warenhauskette Galeria als Co-Investor aus der dritten Insolvenz herausführte. Das Warenhaus sei „Teil der deutschen Lebenskultur“, er wolle „langfristig investieren, entwickeln und wachsen“. Zweieinhalb Jahre später ist das Geld offenbar verbraucht und die Probleme geblieben:– innerhalb von gerade einmal sechs Jahren. 12.000 Beschäftigte bangen jetzt wieder um ihre Arbeitsplätze, 83 Filialen stehen zur Disposition.
Handelsexperte Jörg Funder von der Hochschule Worms findet dafür ein schonungsloses Bild: „Ich glaube, es wird Zeit, von der Palliativstation ins Ruhebett überzusiedeln.
“Ursächlich sei eine schwache Unternehmensführung, Schwächen des Geschäftsmodells sowie anhaltende Konsumschwäche. „Im Prinzip also eigentlich nichts Neues“, sagte Funder der dpa. Schon 2008 habe er geschätzt, dass in Deutschland maximal 55 zentral geführte Warenhausfilialen wirtschaftlich tragfähig seien.
„Nun sind wir fast 20 Jahre später. “ Den jüngsten Eigentümern wirft er mangelndes Interesse am operativen Geschäft vor – ein wirklicher Plan und eine Zukunftsperspektive hätten gefehlt. Nach Angaben des Handelsforschungsinstituts EHI sind die Erlöse des Unternehmens in den vergangenen Jahren deutlich gesunken.
Carsten Kortum von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Heilbronn sieht die Wurzel des Problems in den Sanierungen selbst: „Schuldenschnitte, Insolvenzgeld und neue Kredite verschaffen kurzfristig Entlastung, ersetzen aber keine Investitionen in ein überzeugendes Angebot“, sagte er der dpa. Die strukturellen Schwächen seien seit Jahren dieselben – zu große und wenig attraktive Verkaufsflächen, hohe laufende Kosten, ein blasses Sortimentsprofil gegenüber Onlinehandel, Fachgeschäften und Discountern. Man könne Schulden streichen und Verträge kündigen, „aber keine Kundennachfrage herbeisanieren“.
Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg macht vor allem die fehlende Wettbewerbsfähigkeit im Mode-Sortiment verantwortlich – es stehe für über die Hälfte des Umsatzes und sei doch nirgends führend. Die Insolvenzgeschichte von Galeria und dessen Vorgängerfirmen Kaufhof und Karstadt vergleicht er mit einem Gummiball, der eine Treppe hinunterhüpft: „Zwar hüpft er bei jedem Aufschlag noch einmal in die Höhe, landet dann aber doch tiefer als beim vorherigen Aufschlag.
“ Zwar stelle sich jedes Mal kurzfristig Verbesserung und Hoffnung ein, doch der Blick auf die langfristige Entwicklung verstelle sich dadurch.2020: Corona legt offen, was längst brüchig war Im April 2020 meldet Galeria Karstadt Kaufhof erstmals Insolvenz an. Die Pandemie erzwingt wochenlange Schließungen und lässt ein schwelendes Problem endgültig ausbrechen. Der 2018 aus Kaufhof und Karstadt zusammengefügte Konzern ist schwerfällig, die Integration kommt nicht voran.
Der Staat greift 2021 mit einem Kredit des Wirtschaftsstabilisierungsfonds über 460 Millionen Euro ein. 40 von 172 Filialen schließen, rund 4000 Arbeitsplätze gehen verloren. Keine zwei Jahre später folgt der nächste Insolvenzantrag. Die Energiekrise drückt auf die Konsumlaune, die Inflation frisst die Kaufkraft – und noch schwerer wiegt, dass der Mutterkonzern Signa des Österreichers René Benko ins Wanken gerät. Der Staatshilfe-Kredit ist zu diesem Zeitpunkt weitgehend verloren.
Im März 2023 steht das Ausmaß fest: 52 der noch verbliebenen 129 Warenhäuser sollen schließen, rund 5000 der 17.400 Beschäftigten verlieren ihren Job. Durch Verhandlungen mit Vermietern und Kommunen können einige Häuser gerettet werden – am Ende schrumpft das Netz auf 92 Standorte. Im Januar 2024 dann Insolvenz Nummer drei – diesmal als unmittelbare Folge des Signa-Zusammenbruchs.
Bei der Gläubigerversammlung in Essen tritt Beetz als Retter auf: „Wir glauben an die Zukunft von Galeria und haben nur einen Fokus: das Warenhaus“, sagt der damals 73-Jährige. Gemeinsam mit der US-Investmentgesellschaft NRDC wolle eine Beteiligungsfirma von Beetz Galeria als Konsortium übernehmen, „langfristig investieren, entwickeln und wachsen“. In diesem Zuge verspricht er einen „Batzen Cash“, auf den Galeria sofort Zugriff erhalten solle. Wie hoch dieser ausfällt, sagt er nicht..
Die Namen Kaufhof und Karstadt verschwinden aus der Firma, der Sitz wandert von Essen nach Düsseldorf. Zu diesem Zeitpunkt haben Gläubiger und Staat auf Forderungen von insgesamt fast fünf Milliarden Euro verzichtet – alles, um Galeria am Leben zu halten. Helmut Dedy, 2024 noch Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, zeigt sich hoffnungsvoll: „Viele Städte mit Galeria-Standorten werden heute aufatmen. Mit der Trennung von der Signa-Gruppe haben diese Häuser eine echte Chance auf einen Neustart.
“Doch schon im Frühjahr 2026 kippt die Stimmung. Mehrere Vermieter beklagen ausbleibende Mietzahlungen, die Geschäftsführung räumt Liquiditätsprobleme ein und bittet um Stundung. Im Juni springt der US-Kreditgeber Gordon Brothers mit einer Finanzierung von bis zu 160 Millionen Euro ein – das Geld fließt unter anderem in die Ablösung eines bestehenden Kredits und in offene Mietschulden.
Gebunden ist die Finanzierung an einen Sanierungsplan, der weitere Schließungen vorsieht.33 der 83 Filialen in elf Bundesländern werden auf ihre Rentabilität geprüft – darunter prominente Standorte wie der Kurfürstendamm und der Alexanderplatz in Berlin, die Breite Straße und die Hohe Straße in Köln oder die Filialen in Freiburg, Mannheim und München.
„Wir werden jeden Standort einzeln und ergebnisoffen betrachten“, sagt Geschäftsführer Tilo Hellenbock. Doch auch die übrigen 50 Häuser hätten „Optimierungspotenzial“. DIn Deutschland gibt es derzeit 83 Galeria-Filialen. Ein vollständiges Aus hält Handelsexperte Kortum für möglich, aber nicht zwangsläufig.
Eine Fortführung mit deutlich weniger Standorten sei denkbar – „nicht jedoch eine dauerhafte Rettung des gesamten bisherigen Filialnetzes“. Was es bräuchte: wirtschaftlich tragfähige Häuser, ein klares Sortimentsprofil und vor allem „endlich“ einen Eigentümer, der nicht nur kurzfristige finanzielle Interessen verfolge, sondern langfristig an das Geschäftsmodell Kaufhaus glaube.
„Eine weitere Sanierung, die hauptsächlich wieder nur auf Forderungsverzicht und Kostensenkung setzt, dürfte kaum ausreichen. “ Selbst wenn die heutige Unternehmensstruktur scheitere, könnten einzelne Warenhäuser in guten Lagen unter neuen Eigentümern weiterbestehen. Für das Kaufhaus als Idee wäre das ein Trost. Für Galeria als Unternehmen wäre es das Ende.
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