Finnland baut einen Mini-Atomreaktor für Fernwärme. Die Technik soll Wärme günstiger erzeugen. Auch in Deutschland wäre sie grundsätzlich denkbar.
Finnland baut in Helsinki einen kleinen Atomreaktor, der ausschließlich Wärme liefern soll. Die Technik könnte Fernwärme deutlich günstiger machen – und wäre auch in Deutschland grundsätzlich denkbar.auf eine ungewöhnliche Technologie: In Helsinki entsteht ein kleiner Atomreaktor, der nicht Strom, sondern ausschließlich Wärme produzieren soll.
Über das Projekt berichtet die „Das Besondere: Eine solche Anlage wäre nach Einschätzung von Befürwortern auch in Deutschland nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Denn der deutsche Atomausstieg bezieht sich im Atomgesetz ausdrücklich auf die gewerbliche Erzeugung von Elektrizität. Hinter dem Projekt steht der finnische Energieversorger Helen. Die geplante Anlage soll im Stadtteil Salmisaari entstehen – nur wenige Kilometer vom Zentrum Helsinkis und rund zwei Kilometer vom finnischen Parlament entfernt.
Das Konzept stammt vom finnischen Forschungszentrum VTT. Entwickelt und vermarktet wird die Technologie inzwischen vom Unternehmen Steady Energy. Der Reaktor trägt den Namen LDR-50. Anders als klassische Atomkraftwerke soll der Reaktor keinen Strom erzeugen.
Er liefert ausschließlich Wärme für ein Fernwärmenetz. Dadurch kann auf Turbinen und Generatoren verzichtet werden. Auch die technischen Anforderungen fallen geringer aus: Der Reaktor arbeitet mit vergleichsweise niedrigen Temperaturen und einem Wasserdruck von etwa acht bar. Die Anlage soll unterirdisch installiert werden.
Das finnische Unternehmen rechnet mit einer Leistung von rund 50 Megawatt. Die geplanten Wärmekosten liegen nach Unternehmensangaben bei etwa 50 Euro pro Megawattstunde. Zum Vergleich: Die durchschnittlichen Fernwärmekosten in Deutschland liegen deutlich höher.
Allerdings sind die Preise je nach Versorger, Region und Tarif sehr unterschiedlich – ein direkter Vergleich ist deshalb nur eingeschränkt möglich. Noch steht in Helsinki allerdings kein betriebsbereiter Atomreaktor. Zunächst wird eine Pilotanlage errichtet, mit der unter anderem die technischen und regulatorischen Voraussetzungen getestet werden sollen. Der eigentliche Bau der nuklearen Anlage könnte nach Angaben von Steady Energy 2028 oder 2029 beginnen.
Mit dem Betrieb wird Anfang der 2030er-Jahre gerechnet. Unterstützung kommt bereits von europäischer Seite. Die Europäische Investitionsbank will das Vorhaben mit 40 Millionen Euro unterstützen. Es handelt sich um die erste Finanzierung eines kleinen modularen Atomreaktors durch die EIB.
Finnland bringt zudem einen entscheidenden Vorteil mit: Das Land verfügt bereits über ein Endlager für abgebrannte Brennelemente. Die Brennelemente des Heizreaktors sollen etwa alle zwei bis drei Jahre ausgetauscht werden. Helsinki ist nicht die einzige Stadt, die sich mit nuklearer Fernwärme beschäftigt. Nach Angaben von Steady Energy haben bereits die finnischen Städte Kuopio, Kerava und Jyväskylä Interesse an der Technologie bekundet.
Auch außerhalb Finnlands gibt es Kooperationen. Dazu gehören unter anderem Partner in Südkorea, Schweden und Polen. Fünf europäische Atomaufsichtsbehörden – aus Finnland, Schweden, Polen, Tschechien und der Ukraine – haben das Konzept zudem im Rahmen einer gemeinsamen Vorprüfung betrachtet. Dabei wurden nach Angaben der beteiligten Unternehmen keine grundsätzlichen sicherheitstechnischen Hindernisse für die weitere Entwicklung festgestellt.
Auch Frankreich verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Das Unternehmen Calogena entwickelt dort einen Reaktor speziell für die Wärmeversorgung. Geplant ist ein Modul mit einer Leistung von rund 30 Megawatt. Der Hintergrund ist der enorme Energiebedarf für Wärme.
In Deutschland entfällt ein großer Teil des Endenergieverbrauchs auf das Heizen von Gebäuden sowie auf Prozesswärme in der Industrie. Gleichzeitig ist die Umstellung auf klimafreundliche Wärme kompliziert. Fernwärmenetze können beispielsweise mit Großwärmepumpen, Abwärme, Biomasse oder Geothermie betrieben werden. Je nach Standort sind diese Möglichkeiten allerdings unterschiedlich verfügbar.
Nukleare Wärmeerzeugung verfolgt einen anderen Ansatz: Ein Reaktor produziert kontinuierlich große Mengen Wärme und kann diese direkt in ein Fernwärmenetz einspeisen. Gerade für Städte mit bereits gut ausgebauten Fernwärmenetzen könnte das interessant sein. Helsinki ist dafür ein Beispiel: Nach Angaben des Betreibers sind dort rund 90 Prozent der Gebäude an das Fernwärmenetz angeschlossen. Für Deutschland stellt sich deshalb die Frage, ob eine solche Technologie trotz des Atomausstiegs überhaupt eingesetzt werden dürfte.
Der entscheidende Punkt findet sich im Atomgesetz. Dort ist die Beendigung der Nutzung der Kernenergie zur gewerblichen Erzeugung von Elektrizität festgeschrieben. Ein Verbot einer ausschließlich auf Wärmeerzeugung ausgerichteten Kernanlage lässt sich daraus nicht unmittelbar ableiten.
„Wir sollten nukleare Wärmeerzeugung technologieoffen und sachlich prüfen“, sagte CDU-Energiepolitiker Andreas Lenz laut „Welt“. Gerade weil der Wärmesektor einen großen Teil des Energieverbrauchs ausmache, sollten unterschiedliche Technologien betrachtet werden. Eine offene Frage ist allerdings der Umgang mit den abgebrannten Brennelementen. Auch Lenz sieht hier Klärungsbedarf.
In der SPD wird die Rechtslage anders bewertet. Die energiepolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Nina Scheer, argumentiert, das Atomgesetz beschränke sich nicht lediglich auf die Beendigung der Atomstromproduktion. Es enthalte auch Vorgaben zum Schutz vor den schädlichen Wirkungen ionisierender Strahlung. Scheer lehnt einen Einstieg in nukleare Wärme deshalb ab.
Aus ihrer Sicht gibt es andere Möglichkeiten, Wärme klimafreundlicher zu erzeugen. Damit steht eine politische und rechtliche Debatte im Raum: Ist ein kleiner Reaktor, der keinen Strom produziert, tatsächlich vom deutschen Atomausstieg erfasst – oder würde dafür eine neue gesetzliche Regelung notwendig? Das finnische Projekt befindet sich allerdings noch in der Entwicklungsphase. Die geplante Anlage muss zunächst gebaut, genehmigt und im Betrieb erprobt werden.
Ob sich kleine Reaktoren tatsächlich zu einer kostengünstigen Alternative für Fernwärme entwickeln, hängt deshalb von mehreren Faktoren ab. Dazu zählen neben den reinen Produktionskosten auch Bauzeiten, Finanzierung, Genehmigungsverfahren, Sicherheitsanforderungen und die Entsorgung der Brennelemente. Für Deutschland kommt ein weiterer Punkt hinzu: Die politischen Voraussetzungen unterscheiden sich deutlich von denen Finnlands. Der Atomausstieg wurde hierzulande über Jahre vorbereitet und umgesetzt.
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