Ein bombastisches Fest als Versuch, die bösen Geister der Scheidungsraten zu vertreiben.
Beschäftigt man sich mit der Frage, wie heute geheiratet wird, dann will man, als der moderne, aufgeklärte Mensch, für den man sich hält, im Grunde sofort den Kopf auf den Schreibtisch fallen lassen, vielleicht sogar ein paar Mal hintereinander.
Da man aber weiß, dass das falsch wäre und vielleicht sogar arrogant, setzt man sich stattdessen gerade hin, beschäftigt sich weiter und gelangt dabei relativ unkompliziert zu folgendem Befund: Trotz fortschreitender Gleichstellungsbemühungen und dem gesellschaftlich immer breiter akzeptierten Bestreben, so etwas wie faire Verhältnisse zwischen Männern und Frauen zu erreichen, trotz eines gesellschaftlich immer breiter rezipierten feministischen Diskurses , benehmen sich Frauen und Männer am Tag der Hochzeit, ihre Geschlechterrollen betreffend, auffallend traditionell – und zwar auch solche, die sich ebenfalls für modern und aufgeklärt halten. Auf Grundlage des vorhandenen Materials lässt sich sagen, dass es vor allem Frauen sind, denen man die eigentlich auf den ersten Blick bekloppte Idee vom"schönsten Tag des Lebens" vermitteln möchte, was den naheliegenden Grund hat, dass bei ihnen cashmäßig am meisten rauszuholen ist, weil sie für die Schönste-Tag-des-Lebens-Fiktion empfänglicher sind. Und außerdem brauchen sie, um dieses Märchen zu realisieren, eben auch eine ganze Menge, was Geld kostet: Sie brauchen Make-up ,Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18/2019. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen. Speziell beliebt sind die Modelle"Prinzessin" und"Meerjungfrau". In beiden Fällen verkleidet sich die Frau mithilfe eines bodenlangen, weißen Brautkleids, das im Idealfall aussieht wie das von Kate oder Meghan oder von Amal, und erzählt damit die alte Geschichte von der Frau als schutz- und erlösungsbedürftigem Wesen. Der Job der unschuldigen, passiven Prinzessin beziehungsweise Meerjungfrau ist es, insbesondere am Tag der Hochzeit, vor allem dekorativ zu sein, sie kommt erst durch den Antrag ihres Mannes und die anschließende Hochzeit zu gesellschaftlichem Rang. Bei der Recherche für diesen Text entwickelte sich auf einer Brautmesse folgender Dialog zwischen einem Hochzeitsfotografen und zwei Frauen:Fotograf zur Begleiterin: Jetzt gucken Sie nicht so traurig, Sie bekommen das alles auch noch, Sie müssen nur dran glauben. Im Leben einer Frau, das hat man relativ schnell kapiert, wenn man sich ein bisschen mit der Materie befasst hat, ist die Hochzeit der Höhepunkt, was bemerkenswert ist, wenn man bedenkt, wie viele Ehen geschieden werden , und wenn man sich außerdem vergegenwärtigt, was für viele Frauen auf die Hochzeit folgt: Bekommen sie Kinder, sind es in der Regel sie, die zu Hause bleiben,, umsonst den Großteil der Familienarbeit erledigen, um schließlich, nach vollzogener Scheidung, weniger Rente zu bekommen. Vor diesem Hintergrund wirkt der Glaube an die Geschichte vom"schönsten Tag des Lebens" nicht nur traurig, sondern auch völlig irrational, kindisch, naiv und ja, etwas dümmlich – also wie all jene Attribute, die man klischeehaft mit einem regelmäßig aufgerufenen Frauenbild assoziiert. Die Hochzeit und der damit verbundene Markt bilden eine Art Geschlechterstereotypen-Konzentrat ab, bei dem Männer nur am Rande eine Rolle spielen. Der Bräutigam wird als der sich widerwillig den Irrationalitäten seiner zukünftigen Frau Beugende gezeichnet , der sich zur Hochzeit hat breitschlagen lassen. Einzig beim sogenannten Junggesellenabschied, jenem ursprünglich aus Amerika beziehungsweise Großbritannien stammendem Ritual, stehen die Männer im Fokus der Dienstleister. Gemeinsam mit ihren Freunden dürfen sie einen Abend lang machen,, bevor sie für immer unfrei sind. Folgerichtig wird der künftige Ehemann in Gefängniskleidung gesteckt, wenn seine Freunde das witzig finden. Jetzt könnte man all das als Leser dieses Textes natürlich entspannt von sich weisen und glauben, die beschriebenen Hochzeitsgewohnheiten würden ausschließlich von Menschen gepflegt, die Vox gucken und keinen Geschmack haben, aber das stimmt nicht. Vielmehr ist es so, dass Menschen, die glauben, sie hätten Geschmack , im Grunde das gleiche Programm durchziehen, nur halt, na ja, vermeintlich geschmackvoller, etwas dezenter und"individueller" . Dieser Distinktionsgewinn ist allerdings gar nicht so sehr Ergebnis einer eigenen gedanklichen Leistung, sondern vor allem eine Frage des Geldes. Man heiratet also in irgendwelchen brandenburgischen Gasthöfen mit"marodem Charme", trägt ein Vintage-Kleid und fährt beim Junggesellenabschied nicht Quad, verbringt ihn aber trotzdem trinkend unter Männern, vielleicht auf einem Landgut in der Toskana, wobei die Message exakt die gleiche ist, es liegt nur ein Sepia-Filter darüber.
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