Risiko Büro: Viele Firmen haben wegen Corona Arbeitsplätze auf Home-Office umgestellt. Viele nicht. Da, wo Mitarbeiter ins Büro geordert werden, hapert es oft am Infektionsschutz, trotz eindeutiger Regeln. Von Sibylle_Haas, lara_felicitas & Thomas Fromm
Dabei kommt es gerade in Büros immer wieder zu Ansteckungen mit Covid-19 - da, wo Menschen stundenlang gemeinsam in Räumen sitzen, sich auf engen Fluren und kleinen Teeküchen begegnen. Die Gefahrenlage ist klar, aber die Lösungen in der Praxis uneindeutig.
Seit August 2020 ist die neue Arbeitsschutzregel in Kraft. Sie konkretisiert die Anforderungen an den Arbeitsschutz während der Pandemie, um das Infektionsrisiko für Beschäftigte zu senken und auf niedrigem Niveau zu halten. Abstand, Hygiene und Masken bleiben die wichtigsten Instrumente, solange es keinen ausreichenden Impfschutz für Covid-19 gibt. Betriebe, die die Regel anwenden, können also davon ausgehen, dass sie rechtssicher handeln. Sie müssen allerdings jederzeit damit rechnen, dass die Einhaltung des Arbeitsschutzes durch die Behörden der Länder oder des technischen Aufsichtsdienstes der Unfallversicherungsträger kontrolliert werden. Die Arbeitsschutzregel legt fest, dass Firmen während der Pandemie jeden Arbeitsplatz auf sein"Gefährdungspotential" überprüfen und anpassen müssen. Auch die psychischen Belastungen für die Beschäftigten sind künftig stärker zu beachten.Und: Arbeitgeber sind verpflichtet, dass Beschäftigte ihre Arbeit im Büro ohne Ansteckungsrisiko erledigen können. Deshalb müsse sich der Arbeitgeber mit dem Betriebsrat auf konkrete Maßnahmen zum Arbeitsschutz verständigen, betonen Gewerkschaften. Doch auch in Betrieben ohne Arbeitnehmervertretungen ist der Arbeitsschutz einzuhalten. Dazu gehört es eigentlich auch, Mindestabstände von 1,5 Metern zwischen den Arbeitsplätzen einzuhalten, Spuckschutz-Plexiglas-Scheiben anzubringen und einen Mund-Nase-Schutz zu tragen. Auch sollten Staus vor der Stechuhr, der Kantine, Aufzügen und Waschräumen vermieden werden. Wichtig sei es auch, die Räume gut durchzulüften. Außerdem müssten Betriebe ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen genau über Hygienekonzepte am Arbeitsplatz informieren. Aber wird das in jedem kleinen Büro und jeder Imbissküche wirklich auch so gehandhabt? Und wer soll das am Ende alles überprüfen? Und was, wenn die Beschäftigten theoretisch von zu Hause arbeiten könnten, aber nicht können oder nicht dürfen? "Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die meisten Beschäftigten trotz ambivalenter Erfahrungen im Home-Office angekommen sind", sagt Kohlrausch."Deshalb vermute ich, dass es eher die Arbeitgeber sind, die sich in Sachen Home-Office zurückhalten." Andreas Schubert vom internationalen Forschungs- und Beratungsinstitut"Great Place to Work", das in 60 Ländern zum Thema Unternehmens- und Arbeitsplatzkultur arbeitet, sieht darin häufig auch mangelndes Vertrauen von Seiten der Chefetagen - ein Zeichen für eine veraltete Unternehmensführung."Es gibt viele Unternehmen, die arbeiten immer noch mit der Präsenzkultur. Nach dem Motto: Wer nicht da ist, der arbeitet auch nicht." Stattdessen sei es an der Zeit, die alte Präsenz- durch eine neue Vertrauenskultur zu ersetzen. Auch, um der Gefahr der Entgrenzung vorzubeugen - wenn Menschen im Home-Office rund um die Uhr verfügbar sind.Was sowohl in der Negativliste von Laura Dornheim als auch bei den Studienergebnissen des WSI auffällt: Zu den Arbeitgebern, bei denen es mit der Arbeit im Home-Office offenbar noch nicht weit her ist, zählt insbesondere die öffentliche Verwaltung in Bund, Ländern und Kommunen. Rund zwei Drittel der Angestellten haben zumindest im November noch überwiegend im Büro gearbeitet. Die Stadtverwaltung Dortmund teilt dazu mit, dass die Arbeit"dort, wo es möglich war, nach Hause verlagert" worden sei. In"kundenintensiven Bereichen" sei das"nur teilweise, im Wechsel oder gar nicht" möglich. Eine Hinweisgeberin hatte allerdings moniert, dass Verwaltungsmitarbeiter auch bei reinen Schreibtischtätigkeiten ohne Kundenkontakt jeden Tag zur Arbeit ins Büro kommen müssten. Natürlich gibt es Arbeiten, die man nicht im Home-Office erledigen kann. Eine Gasturbine von Siemens lässt sich schwerlich im heimischen Wohnzimmer konstruieren, ein Lkw von MAN kaum im Vorgarten zusammenschrauben. Und die Jobs an der Supermarktkasse lassen sich ebenso wenig nach Hause verlagern."In vielen Berufen kann man nicht einfach ins Home-Office wechseln", sagt Bettina Kohlrausch."Trotzdem schützen alle, die von zu Hause arbeiten, andere Menschen". Die Mitarbeiter in der Produktion müssten"durch Masken und strenge Hygiene wirksam geschützt werden" und"könnten beispielsweise durch einen Bonus für ihren Einsatz entschädigt werden". So wie bei Siemens könnte es nach der Pandemie in vielen Betrieben laufen: Home-Office wird zur neuen Normalität. Allerdings nicht zur einzigen. Andreas Schubert von"Great Place to Work" sieht auch weiterhin einen großen Bedarf an Büros. Nur würden die dann nicht mehr etwas für jeden Tag sein. Das Büro der Zukunft, sagt er, müsse eine Art"Kulturtankstelle" sein, ein Umschlagplatz für Informationen und ein Ort der sozialen Begegnungen. Mal geht man hin, mal bleibt man zu Hause.
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