Fatima Navai floh vor vier Jahren aus Afghanistan nach Deutschland. Sie lernte hier die Sprache, machte nach einem Jahr den Quali. Und hat jetzt ihr Abitur mit der Note 1,2 bestanden.
Natürlich war der Weg dorthin alles andere als einfach. Doch jetzt fällt langsam die Anspannung von ihr ab. Deshalb erzählt die stolze Abiturientin erst einmal in aller Ruhe, wie sie vom ersten Tag an, als sie damals in der Flüchtlingsunterkunft in Eichstätt angekommen war, begonnen hat, Deutsch zu lernen.
Da hatte sie zwei Monate Flucht hinter sich, durch die Türkei, mit dem Boot nach Lesbos, man kennt die Geschichten und die Bilder mittlerweile. Sie hat die Schwimmwesten am Strand liegen sehen, die erschöpften Menschen, die jeden Tag ankamen - aber sie mag nicht länger darüber reden. Es war katastrophal, sagt sie nur, und"jeder, der das überlebt, hat Glück". Ihre Mutter und ihre beiden Schwestern waren damals schon in Deutschland, sie waren vor dem Krieg in ihrem Land geflohen, als der geliebte Vater, er war Mathematiklehrer, gestorben war. Fatima, die zeitweilig im Iran zur Schule gegangen war, konnte zunächst nicht mit, sie machte sich dann später selbst auf den Weg. Wer im reichen, sicheren Deutschland aufgewachsen ist, kann sich all diese Entbehrungen und Ängste kaum vorstellen. Doch die junge Frau selbst will vor allem eins: nach vorne schauen. Fünf Monate lang musste sie in Eichstätt bleiben und durfte ihre Mutter und ihre Schwestern nicht besuchen, so will es das Asylgesetz. Sie haben sich trotzdem gesehen, und bald gab es auch eine Nachbarin, die mit Fatima Deutsch lernte."Ich habe sechs Stunden mit ihr geübt, dann fuhr ich nach Hause und lernte weitere sechs Stunden allein."Als sie dann endlich zu ihrer Familie nach Schliersee ziehen durfte, meldete sie sich sofort an der Münchner Schlau-Schule für den Quali an. Und hatte ein Dreivierteljahr nach ihrer Ankunft den Abschluss in der Tasche - als Jahrgangsbeste. Ein Praktikum im Architekturbüro hat sie nebenher auch noch absolviert. Noch während sie für den qualifizierenden Hauptschulabschluss lernte, meldete sie sich am München-Kolleg an, um das deutsche Abitur nachzuholen."Das ist unmöglich", sagten ihr die Lehrer dort."Ich schaffe das", antwortete Fatima Navai. Sie sei einfach so lange mit ihren Unterlagen ins Sekretariat der Schule marschiert,"bis sie mich endlich genommen haben". Mit einem Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung für besonders talentierte Schüler ausgestattet, begann sie dann, sich den ganzen Stoff anzueignen, den man für die Hochschulreife beherrschen muss. Ein wenig Englisch konnte sie, aber Französisch musste sie neu lernen. Sie musste Goethe und Lessing im Original lesen.",Nathan der Weise' kann ich inzwischen auswendig", sagt sie,"aber es war nicht leicht." Sie musste Fragen zur Geschichte der Weimarer Republik beantworten."Eigentlich war es oft ein Albtraum, denn am Anfang habe ich ja kein Wort verstanden." Gerhard Böhm ist pensionierter Deutschlehrer und gibt ehrenamtlich Nachhilfe. Er hat Fatima Navai die ganzen drei Jahre begleitet, zwei oder drei Nachmittage pro Woche mit ihr gepaukt. Dass Migrantenkinder keine Erleichterungen erhalten, um ihr Sprachdefizit aufzuholen, kann er nicht verstehen. Die Muttersprache oder Fremdsprachen, die Migranten mitbringen, werden nicht anerkannt. Vielmehr wird von ihnen im Deutschunterricht verlangt, dass sie genauso Texte analysieren und schreiben können wie Muttersprachler. "Warum gilt für diese jungen Talente, die auf dem Weg bis ins Gymnasium ja schon enorme Anstrengungen geleistet haben, wenigstens nicht der gleiche Nachteilsausgleich wie für Legastheniker, also zum Beispiel mehr Zeit fürs Aufsatzschreiben oder eine stärkere Gewichtung der mündlichen Note?", fragt der Deutschlehrer. Navai sprach Farsi, daneben Arabisch und Englisch, als sie kam, inzwischen kann sie Französisch und nahezu perfekt Deutsch."Warum werden die Erfahrungen und Fähigkeiten von Migranten nicht als Bereicherung im Unterricht gesehen?", fragt Böhm."Was bringt es, alle über einen Kamm zu scheren?"
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