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„In Wien muss alles erst Theater werden“: Wie beim ESC eine ganze Stadt zur Bühne für Party und Protest wird

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„In Wien muss alles erst Theater werden“: Wie beim ESC eine ganze Stadt zur Bühne für Party und Protest wird
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Vor dem Rathaus stehen die Fans, vor dem israelischen Café die Polizei. Der Eurovision Song Contest 2026 in Wien hat zwei Realitäten. Eine Reportage vom umstrittensten Event des Jahres.

Drinnen gibt es Jelinek, draußen grölen Lordi. Die finnischen Schockrocker sind gerade Stargäste im Eurovillage, dem ESC-Fanfest. Es liegt direkt vor dem Wiener Rathaus, gegenüber vom Burgtheater.

Dort wird das Stück „Burgtheater“ der österreichischen Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek gezeigt. Es geht um Schuld, um Antisemitismus, um Israel. Auf den Stufen vor der Burg, wie die Wiener ihre Theaterikone nennen, sitzt eine Gruppe Jugendlicher und blickt unentschlossen hinüber. Einige ältere Paare in Abendkleidung drängen sich an ihnen vorbei ins Theater.

Mit den singenden Monstern von Lordi hatten sie wohl nicht gerechnet.

„Jetzt kommt“, sagt schließlich einer der Jungs. Zögerlich folgen die anderen. In dieser Woche wirkt Wien wie eine einzige Bühne: Vor dem Rathaus die Fanmeile, in den Cafés Public Viewing, in den Theatern Stücke, die sich mit Schuld und Gegenwart anlegen. Auch die finnischen Schockrocker von Lordi sind dort aufgetreten.

Es ist aber auch der 70. Geburtstag des ESC, der zu einer der umstrittensten Veranstaltungen des Jahres geworden ist, begleitet von Debatten rund um die Teilnahme Israels, Protesten und sogar Boykotten. Im Jubiläumsjahr droht der Wettbewerb zu zerfallen. : Spanien, Irland, Island, die Niederlande und Slowenien.

Alfonso Morales, Generalsekretär des spanischen Senders RTVE, begründete die Entscheidung mit der Lage in Gaza und dem Vorwurf, Israel nutze den Wettbewerb politisch. In Wien soll man von alledem nichts merken. Zuständig dafür ist vor allem Martin Green. Der Brite ist so was wie der Chef des ESC.

Sein Auftrag: Business as usual. Im Medienzentrum direkt neben der Wiener Stadthalle setzt er dafür bei der ersten Pressekonferenz auf Humor. Er freue sich, dass es jetzt endlich losgehe, sagt Green. Die letzten Monate seien einfach zu langweilig gewesen.

An einer Frage zum Boykott kommt er trotzdem nicht vorbei.

„In diesem Jahr vermissen wir fünf Mitglieder unserer Familie, die wir sehr lieben. “ Es klingt ein bisschen nach dem Kitsch, der den ESC auch immer begleitet. Er glaube fest daran, dass im nächsten Jahr wieder alle zusammen feiern werden. In öffentlichen Erklärungen betont die europäische Rundfunkunion EBU immer wieder, der Songcontest sei ein unpolitischer Wettbewerb.

Es würden auch keine Länder teilnehmen, sondern lediglich Rundfunkanstalten. Marlene Engelhorn kann darüber nur den Kopf schütteln.

„Das ist natürlich eine Ausrede“, sagt sie im Gespräch mit dem Tagesspiegel. EngelhornIn Wien engagiert sie sich für die Initiative „Solidarity United“, die einen der größten Proteste rund um den diesjährigen ESC organisiert. Die Kundgebung mit zahlreichen Rednerinnen und Rednern findet auf dem Karlsplatz statt, am Rande der Wiener Innenstadt. Hier trifft sie sich auch mit dem Tagesspiegel zum Gespräch.

Gerade kommt die Sonne durch, die Stadt zeigt sich sonst dieser Tage eher grau und regnerisch. Zum Plaudern ist Engelhorn nicht hier.

„Ich fordere, dass Israel vom Song Contest ausgeschlossen wird“, sagt sie. Als Gründe nennt sie den Krieg in Gaza und den Angriff auf Iran. Sie spricht zudem von „Völkermord“ – ein Vorwurf, über den international juristisch gestritten wird. Engelhorn geht es daher um Grundsätzliches: „Eine internationale Isolierung ist wichtig, um zu zeigen, dass es Sanktionen und Strafen dafür gibt, wenn man sich gewaltvoll verhält.

“ Ähnlich wie der spanische TV-Manager Morales, wirft auch sie der israelischen Regierung vor, den ESC für politische Zwecke zu instrumentalisieren.aus dieser Woche zeichnet nach, wie Premier Benjamin Netanjahu und seine Regierung gezielt Geld und politische Macht eingesetzt haben, um Israels Chancen auf einen ESC-Sieg zu erhöhen – unter anderem durch gezielte Werbekampagnen. Der Plan ging fast auf. Yuval Raphael wurde im vergangenen Jahr Zweite. Raphael ist eine Überlebende des Angriffs der Terrororganisation Hamas auf ein israelisches Musikfestival am 7.

Oktober 2023. Das Massaker war Auslöser des folgenden Krieges in Gaza.. In Wien ist er anders als andere Künstler kaum zu sehen. Zu groß sind die Sorgen vor Angriffen.

Selbst die israelischen und amerikanischen Geheimdienste Mossad und CIA sollen in der Stadt sein. Wo Bettan und seine Crew übernachten, wird streng geheim gehalten. Bei seinem Auftritt im Halbfinale gab es in der Halle deutliche Pfiffe und Zwischenrufe. In Interviews äußert sich der Sänger betont unpolitisch.

„Ich bin hier, um Liebe zu geben“, lautet eine Standardantwort. Bei seinem ersten offiziellen Auftritt, dem Halbfinale am Dienstag, waren Pfiffe und Buhrufe in der Arena deutlich zu hören. Drei Personen wurden der Halle verwiesen. Das Café „Kantine“ im Wiener Museumsquartier ist zu dem Zeitpunkt voll.

Zum Public Viewing sind fast mehr Menschen gekommen, als das kleine Lokal fassen kann. In den Cafés und Kaffeehäusern spielt sich das wahre Wiener Leben ab, heißt es. Die Stadt ist stolz auf die stilvolle Art des Zeitvertreibs, auf das Sehen und Gesehenwerden. Eine Gruppe privater Geschäftsleute kam daher auf die Idee, Kaffeehäuser und den ESC zu verbinden.

Jedes Land sollte sein eigenes Fancafé bekommen. Bei der offiziellen Präsentation übernahmen bekannte Institutionen wie das „Café Landtmann“ oder das „Café Hummel“ die Schirmherrschaft für Großbritannien oder Deutschland. Lisa Wegenstein fand das „skandalös“. Die Inhaberin der „Kantine“ hat selbst jüdische Vorfahren.

„Wiener Kaffeehäuser waren immer Orte der Juden“, sagt sie. Sigmund Freud, Arthur Schnitzler, Vicki Baum, Elias Canetti, Gustav Mahler – die Reihe ließe sich noch lange fortsetzen. Wegenstein meldete sich und ihre „Kantine“ schließlich als israelisches Fancafé. Seitdem stehen zum Schutz rund um die Uhr Polizisten vor der Tür.

Der Andrang ist trotzdem groß. Auch Maik und Bastian aus Berlin sind gekommen und haben noch einen Platz ergattert. Für sie ist Wien schon der dritte ESC. Sie wollten gezielt ins israelische Fancafé, auch wenn sie mit der politischen Debatte nicht so viel anfangen können.

„Man sollte immer im Gespräch bleiben“, sagt Bastian. Einen Ausschluss Israels fänden beide aber falsch. Maik und Bastian aus Berlin haben auch einen Platz im Café ergattert.

Gastronomin Wegenstein gehe es gar nicht so sehr um den ESC, sagt sie, während immer wieder Gäste kommen, um sie zu begrüßen.

„Ich finde es eine Schande für die Welt und für Österreich, dass jüdische Künstler überall beschimpft und ausgegrenzt werden. “ Dass sie dadurch jetzt selbst in die öffentliche Debatte gerät, sei „fordernd und manchmal auch überfordernd“, gibt sie zu. „Aber wir heißen hier jeden willkommen. “ In gewisser Weise übernimmt die „Kantine“ damit die klassische Funktion eines Wiener Kaffeehauses, die schon immer Orte der Reibung, der Begegnung, auch der Politik waren.

Auch Rachel Benain ist in die „Kantine“ gekommen. Zwischen den israelischen Flaggen und Davidsternen, die hier hängen, oder dem „ESC Jerusalem-Teller“ auf der Speisekarte fühlt sie sich heimisch. Bei der Musik nicht so sehr.

„Ich mag den ESC gar nicht“, sagt sie bestimmt. „Das ist alles überhaupt nicht meine Musik. “ Trotzdem als Jüdin hier zu sein, sei ein Zeichen. „Europa hat so viele Probleme“, sagt Benain, „der ESC sollte keines davon sein.

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Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können. Was bei all diesen Gesprächen auffällt: Bei Kritik an der israelischen Regierung und dem Vorgehen in Gaza oder dem Libanon sind sich fast alle einig. Nur die Schlussfolgerungen sind andere.

Oft geht es dann um die Frage, wie politisch der ESC wirklich ist – oder sein sollte. Aktivistin Engelhorn hat dazu eine klare Meinung.

„Der ESC war von Anfang an ein politisches Instrument, um Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg zusammenzubringen“, sagt sie. Wie Israel nun aber versuche, sich über den Wettbewerb reinzuwaschen, würde nicht verbinden, sondern trennen. Tatsächlich geht der Wettbewerb auf eine Idee des Schweizers Marcel Bezençon zurück, der damit 1956 einen Ort für Völkerverständigung schaffen wollte. Heute spielt der Contest zum Beispiel eine wichtige Rolle für die internationale queere Community.

„Das bedeutet aber auch, dass man Haltung zeigen muss – und die kann unbequem sein“, sagt Engelhorn. Schon einmal hat die EBU aus ihrer Sicht eine solche Haltung gezeigt und Russland 2022 nach dem Beginn der Vollinvasion der Ukraine vom Wettbewerb ausgeschlossen. Generell sei es unmöglich, „Politik aus der Kultur herauszulösen“. Und wo sollte man das besser wissen als in Wien?

Eine Stadt, über die es heißt: „In Wien muss alles zuerst Theater werden.

“ Doch manche Juden und Jüdinnen, wie Rachel Benain, empfinden die Proteste zuweilen als bedrohlich und judenfeindlich. Gerade heute habe sie von der Israelitischen Kultusgemeinde eine E-Mail bekommen mit Empfehlungen, wie sie sich verhalten solle.

„Das ist doch fürchterlich“, ruft sie. Eine Kippa trägt an diesem Abend in der „Kantine“ aber niemand. Im vergangenen Jahr gab es in Wien nach offiziellen Angaben 1532 antisemitische Vorfälle. Das ist ein neuer Höchstwert.

Genauso, wie es in der ESC-Woche überall in Wien Grand-Prix-Partys, Karaokeabende oder Sonderausstellungen gibt, gibt es auch fast täglich Kundgebungen. Zum Beispiel am Schwedenplatz, am nördlichen Rand der Innenstadt. Aufgerufen hat auch das Netzwerk „Palästina Solidarität Österreich“, eine umstrittene Gruppe, der immer wieder Antisemitismus vorgeworfen wird. Auch an diesem Nachmittag werden Lieder mit dem Slogan „From the river to the sea“ gesungen.

Er spielt auf ein palästinensisches Siedlungsgebiet an und wird von Kritikern als Negierung des Existenzrechts Israels gewertet. Für die von ihr unterstützte Veranstaltung stellt Marlene Engelhorn klar: „Wir tolerieren keine Form des Antisemitismus.

“ Wenn sie Kritik an der Regierung Israels übe, „heißt das nicht, dass alle Menschen mit der gleichen StaatsbürgerInnenschaft mitgemeint sind“. Auf dem Fanfest zwischen Würstlständen und Apfelstrudel ist von all solchen Debatten wenig zu hören. Manche Wiener – wie die Jungs von den Stufen des Burgtheaters – kommen vorbei, um zu feiern und zu gucken, ESC-Fans aus der ganzen Welt sind da, um alte Stars wie Lordi zu sehen. Wenige Meter vom Fest entfernt hat Kerstin Czerwenka ihr Geschäft.

Die Buchbinderin steht im Kittel vor ihrem Laden und trinkt einen Kaffee. Die Bässe sind bis hierhin zu hören. Der ESC ist ihr aber ziemlich egal.

„Ich bin froh, wenn der ganze Trubel wieder vorbei ist. “Und auch im Burgtheater kommen sie ans Ende. Irgendwann sagt einer der Schauspieler auf der Bühne: „Jetzt sind wir schon mal hier, dann müssen wir auch weitermachen. “ Es könnte auch ein Motto des ESC sein.

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