Der Milliardär zieht nach Buenos Aires. Mit Steueranreizen, KI-Offensive und weitreichender Deregulierung wirbt Argentiniens Präsident Milei um die mächtigsten Investoren der Tech-Welt.
Der US-Milliardär Peter Thiel plant einen neuen Lebensmittelpunkt für sich und seine Familie in Buenos Aires. Die New York Times berichtete letzte Woche, dass der 58-jährige Investor und Unternehmer in Buenos Aires eine Villa im großbürgerlichen Barrio Parque erworben habe.
Thiel hat seinen Ehemann und seine beiden Töchter mitgebracht, die schon an einer Schule angemeldet seien. Der passionierte Schachspieler nahm an einem Turnier im Schachclub Torre Blanco teil. Der Milliardär wurde Dritter, nachdem er eine Partie gegen einen achtjährigen Nachwuchsspieler verloren hatte.
„Er hat nicht schlecht gespielt“, urteilte ein Teilnehmer anschließend trocken. Ob der in Deutschland geborene und in den USA aufgewachsene Thiel länger in Buenos Aires bleiben wird, ist offen. Der Tech-Visionär, Mitgründer des Online-Bezahldiensts, könnte aber ein Trendsetter werden für nordamerikanische Hightech-Milliardäre: für Menschen, die nach einem Staat suchen, der ihnen möglichst wenige regulatorische Vorgaben macht und möglichst wenig Steuern eintreibt.ist unter Präsident Javier Milei dabei, ein solcher Rückzugsort für Menschen wie Thiel zu werden.
Denn seine Regierung kommt den Vorstellungen des Großinvestors, des Risikokapitalgebers und langjähriger Strategen der amerikanischen Rechten, mit maßgeschneiderten Gesetzesvorschlägen entgegen. Thiel gehörte zu den ersten, die die Möglichkeiten in Argentinien für sich erkannt haben: Bereits wenige Monate nach Mileis Amtsantritt trafen sich im Frühjahr 2024 der Investor und mehrere seiner engen Vertrauten im Regierungspalast Casa Rosada in Buenos Aires mit dem Präsidenten. Organisiert wurde das Treffen vom argentinischen Unternehmer Alejandro „Alec“ Oxenford, dem Gründer des digitalen Marktplatzes OLX.
Oxenford wurde kurz danach der argentinische Botschafter in Washington. Oxenford hat bereits seit den 2000er Jahren Verbindungen zu Thiel. Er ist zwei Jahre jünger als Thiel und gilt heute als der Türöffner der Regierung Milei für Investoren aus der US-Hightechbranche. Oxenford spricht die gleiche „Sprache“ wie diese Investoren: Er gründete OLX sowie den digitalen Flohmarkt Letgo, die er inzwischen verkauft hat.
Beides waren „Unicorns“, wurden also mit mindestens einer Milliarde US-Dollar bewertet. Thiel hatte frühzeitig in Oxenfords Unternehmen investiert. Der zweite einflussreiche Argentinier, den Thiel gut kennt, ist Martín Varsavsky Waisman-Diamond. Der acht Jahre ältere Varsavsky ist einer der bekanntesten Tech-Unternehmer der spanischsprachigen Welt.
Der Unternehmer hat sich in den vergangenen Jahren politisch deutlich nach rechts bewegt. Varsavsky hat von Madrid aus Unternehmen wie Ya.com, Jazztel und Fon aufgebaut. Als Investor in Peter Thiels „Founders Fund“ und Unterstützer des als ultralibertär und rechtspopulistisch geltenden Milei bewegt er sich heute in denselben libertären Netzwerken wie der Palantir-Gründer. Thiel gilt inzwischen als einer der einflussreichsten rechten Tech-Milliardäre in den USA.
Varsavsky sagte kürzlich der Zeitung „New York Times“: „Im Moment, in dem China Taiwan angreift oder Russland Litauen, werde ich in Buenos Aires sein.
“Das dürfte Thiel ähnlich sehen. Sein Denken ist geprägt durch eine apokalyptische Zukunftsvision: Die Welt steht seiner Einschätzung nach vor dem Untergang, ausgelöst durch einen technologiefeindlichen Tyrannen, den „Antichristen“. Die Regierung Milei will Argentinien indes in kurzer Zeit zu einem der investorenfreundlichsten Standorte für Technologie- und KI-Unternehmen weltweit machen. In der „Financial Times“ erklärten Milei und Federico Sturzenegger, argentinischer Minister für Deregulierung und Staatsumbau, gerade in einem Gastbeitrag, dass sie Argentinien zu einem Zentrum der Künstlichen Intelligenz machen wollen.
Die Technologie soll völlig unreguliert bleiben, Unternehmen sollen nur beschränkt für Fehler der KI haftbar sein und von niedrigen Steuern profitieren. Eine solche Vision dürfte Thiel gefallen. Argentiniens Präsident Milei in Buenos Aires im Mai: Er will sein Land als investorenfreundlichen Standort für Technologie- und KI-Firmen gestalten. Milei hat die technologische Anbindung an Washington bereits vertieft.
Im Februar 2026 unterzeichneten Washington und Buenos Aires das Handels- und Investitionsabkommen ARTI , das unter anderem digitalen Handel, grenzüberschreitende Datenflüsse, Cybersicherheitskooperation und den Schutz amerikanischer Technologieunternehmen umfasst. Das Abkommen sieht zudem vor, US-Digitaldienste nicht diskriminierend zu behandeln und die Kooperation bei kritischer Informations- und Kommunikationsinfrastruktur auszubauen. Zentral ist das Investitionsfördergesetz RIGI der Regierung Milei.
Es bietet Großinvestoren über 20 Jahre Steuer- und Regulierungsstabilität, erleichterten Zugang zu Devisen, internationale Schiedsgerichtsbarkeit und weitreichenden Schutz vor späteren Gesetzesänderungen. Für Investoren ist dies besonders attraktiv, weil sich in Argentinien seit Jahrzehnten rechte und linke Regierungen abwechseln und wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen häufig ändern. Bislang förderte die Regierung in Buenos Aires vor allem die Sektoren Bergbau, Energie, Öl und Gas.
Bereits genehmigte Projekte summieren sich auf rund 25 Milliarden Dollar, während weitere Investitionen von etwa 42 Milliarden Dollar auf eine Zulassung unter dem RIGI warten. Doch nun hat die Regierung ein „Super-RIGI“ als Gesetzesentwurf in das Parlament, den Kongress, eingebracht. Es soll speziell für Branchen wie KI, Rechenzentren, Big Data, also der Auswertung großer Datenmengen, Halbleiter, digitale Infrastruktur, Biotechnologie und kleine, modulare Kernreaktoren geschaffen werden.
Es richtet sich an Projekte ab einer Milliarde Dollar, verspricht 30 Jahre stabile Förderung und zusätzliche steuerliche Vergünstigungen.hält das Gesetzesvorhaben für ein gut durchdachtes politisches Instrument.
„Es beseitigt Hindernisse für Investitionen in Zukunftsbranchen“, schreibt er: „Die erste Generation von Super-RIGI-Projekten – wahrscheinlich in den Bereichen Dateninfrastruktur, grüner Wasserstoff oder Spezialchemikalien – könnte einen echten strukturellen Wandel in der Zusammensetzung der argentinischen Exporte darstellen. “ Hinzu kommen der Ausbau der nationalen Daten- und Nachrichtendienstarchitektur durch die Koordinierungsinstanz CITN . Dabei sollen staatliche Daten aus Behörden, Geheimdienst und Militär zentral zusammengeführt werden, um sie für die nationale Sicherheitsarchitektur nutzbar zu machen.
Dieser Punkt weckt in Argentinien besonderes Misstrauen: Kritiker wie die Bürgerrechtsorganisation Fundación Vía Libre und Menschenrechtsorganisation Amnesty International warnen, dass die Vernetzung staatlicher Datenbestände und der Ausbau der Geheimdienstarchitektur den Einsatz von Überwachungs- und Analyseplattformen wieZugleich wirbt die Regierung offensiv um Investitionen in KI-Rechenzentren. Demian Reidel, Mileis Chefberater für strategische Projekte, sieht Argentinien dank seiner Gasvorkommen, günstigen Energiepreise und der bestehenden Nuklearindustrie als idealen Standort für die energiehungrige KI-Wirtschaft.
Die Regierung setzt dabei ausdrücklich auf Small Modular Reactors , kleine modulare Kernreaktoren, die künftig Rechenzentren mit Strom versorgen sollen. Die Ambitionen sind weitreichend: OpenAI-Chef Sam Altman unterzeichnete mit dem argentinischen Energieunternehmen Sur Energy eine Absichtserklärung für ein bis zu 25 Milliarden Dollar schweres KI-Rechenzentrum in Patagonien im Süden des Landes. Sollte das Projekt verwirklicht werden, würde es zu den größten KI-Infrastrukturvorhaben weltweit zählen. Doch bisher ist nicht einmal der finale Standort bekannt.
Besonders weit geht schließlich Wirtschaftsminister Federico Sturzenegger. Er will neue Rechtsformen für Unternehmen einführen, die künftig weitgehend autonom von KI-Systemen geführt werden könnten, also ohne menschliche Unternehmensleitung. Mileis Kabinettschef Manuel Adorni erklärte kürzlich, alle Milliardäre der Welt, die vor „immer mehr Regulierung und höheren Steuern“ fliehen wollten, seien in Argentinien willkommen. Damit spricht er direkt Thiel an: In Kalifornien, wo dieser bis vor kurzem wohnte, droht eine fünfprozentige Vermögenssteuer für Milliardäre.
Doch Argentinien ist keineswegs ein klassisches Niedrigsteuerland. Auch haben die peronistischen Regierungen in der Vergangenheit demonstriert, dass sie nicht zögern, private Konzerne zu verstaatlichen, wenn es ihnen politisch opportun erscheint. Viele argentinische Unternehmer und Milliardäre haben ihr Vermögen in den vergangenen Jahren deshalb nach Uruguay verlagert. Dort sind die Steuern niedriger und die Regeln stabiler.
Das prominenteste Beispiel ist Marcos Galperin, Gründer und Eigentümer des E-Commerce-Konzerns Mercado Libre, eines der größten Technologieunternehmen außerhalb der USA und Chinas. Doch Thiel hat vorgesorgt. Er hat gerade fünf Grundstücke im benachbarten Uruguay erworben, in einem exquisiten Resort nördlich von Punta del Este, dem Küstenort in Südost-Uruguay – genau dort, wo sich heute argentinische und brasilianische Milliardäre niederlassen.
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