Ist der Stammtisch die bessere Brandmauer? data-manual=title

Deutschland Nachrichten Nachrichten

Nach einer Begegnung im Wirtshaus überdenkt unsere Kolumnistin ihre Skepsis gegenüber Stammtischen. Und wünscht sich mehr solche Orte voller Wohlwollen, an denen jeder alles sagen kann und damit ernstgenommen wird.data-manual=googleTeaserText

Nach einer Begegnung im Wirtshaus überdenkt unsere Kolumnistin ihre Skepsis gegenüber Stammtischen. Und wünscht sich mehr solche Orte voller Wohlwollen, an denen jeder alles sagen kann und damit ernstgenommen wird.

Als ich mich zum ersten Mal als Teil eines Stammes fühlte, war ich ge­rade frisch nach München gezogen. Ich fuhr barfuß Fahrrad, bis hinter mir jemand »Achtung!

« rief und irgendwas mit Vorsicht. Ich drehte mich zu dem Radfahrer um und ließ ihn rankommen. Ein älterer Mann. Mit freundlichem Gesicht und großer Bestimmtheit sagte er, ich solle mir unbedingt Schuhe anziehen, wenn ich hier radeln wolle.

Hier lägen sehr oft Scherben auf dem Weg, gerade an den Ampeln, wo ich absteigen müsse. Es war lieb gemeint. Er erkannte mich als seinesgleichen an, als bayerische Radlerin, und fühlte sich zuständig. Eine Solidaritätsgeste, wenn auch mit Aufpassergestus.

Ich fand das damals übergriffig, auch weil ich es aus meiner Heimat Köln nicht gewöhnt war. Ent­gegen der Außenwirkung von Kölnern und Kölnerinnen, die ja manchmal wirken wie der verschworenste Stamm Deutschlands, sind die Menschen vor Ort eben keine, die andere Menschen ungefragt für eine Belehrung, Warnung oder einen Hinweis ansprechen. Man lässt sich gegenseitig in Ruhe, es sei denn, man will feiern. Ob regional sozialisiert oder charakterlich geprägt: Ich war immer eher stammesskeptisch.

Wo andere sich zugehörig fühlen, fühle ich mich eingeengt. Das gilt auch für Stammtische, die ja auch nur eine Art Gruppenbildung mit Getränk sind. Immer dieselben Leute an einem Tisch, Menschen, die sich als zusammengehörend verstehen und eben nicht als Individualisten. Das macht es für mich schon etwas verdächtig.

Hier kann es keine Plura­lität geben, kein »Jeder Jeck ist anders«. Ein Stamm braucht einen Anführer und einen Konsens. Beidem traue ich allerdings eher nicht.eines Besseren belehrt. Ich saß am Nachbartisch und kam nicht umhin, Teile der an­geregten Diskussion mitzuhören.

Es wurde über alles geredet: Parkplätze, die Partnerwechsel einer gemeinsamen Nichte , Putin, Tchibo-Produkte, Cem Özdemir. Ich maße mir schon lange nicht mehr an, politische Positionen für legitimer oder klüger als andere zu halten, aber auf­fällig war, dass jede Position anerkannt wurde. Es wurde niemand grundsätzlich geächtet, manchmal hatte einer die Verve der Gruppe gegen sich, aber eben die Verve einer Gruppe, die einen mag und schätzt.

Es wurde weitergetrunken, gelacht, niemand stand auf und ging, weil er mit einer Person dieser oder jener Position nicht an einem Tisch sitzen konnte. Vielleicht steckte mir der -Sieg in Sachsen-Anhalt in den Knochen, aber es rührte mich regelrecht, wie viel Energie und Kraft und Zeit diese Gruppe darauf verwandte, sich untereinander ein wohlwollendes Korrektiv zu sein. Ein Stamm.mal den Vorschlag formuliert, jeder Nicht-AfD-Wähler möge sich vor der Wahl einen Nicht-Wähler schnappen und ihn für eine demokratische Partei zurückgewinnen.

Ich glaube, der Habitus ist mir zu didaktisch, aber das Ziel teile ich, und die soziale Kreativität finde ich wunderbar. Kann ein Stammtisch die Lösung sein? Wenn man merkt, dass man alles sagen kann und damit ernst genommen wird, bleibt dann noch so viel Wut? Beim Reden hört man die Zwischentöne, die echte Sorge hinter dem Spruch.

Nicht ohne Grund hat Ulrich Siegmund seine Anhänger häufig direkt adressiert, dort, wo er keinen Widerspruch und keine Einordnung fürchten muss, bei Tiktok, bei Instagram, bei Whatsapp. Von seinen vielen Followern war jetzt oft die Rede, aber das sind alles nur Empfänger. In einem Land voller Stammtische gäbe es mehr verschie­dene Sender. Vielleicht ist der Stammtisch die bessere

Rubbel die nächste Story frei

0% freigerubbelt · 100 Pkt.
Wir haben diese Nachrichten zusammengefasst, damit Sie sie schnell lesen können. Wenn Sie sich für die Nachrichten interessieren, können Sie den vollständigen Text hier lesen. Weiterlesen:

SZ /  🏆 119. in DE

 

Deutschland Neuesten Nachrichten, Deutschland Schlagzeilen

Similar News: Sie können auch ähnliche Nachrichten wie diese lesen, die wir aus anderen Nachrichtenquellen gesammelt haben.

Nach wochenlangem Streit: TV-Moderator ist neuer König in UgandaNach wochenlangem Streit: TV-Moderator ist neuer König in UgandaGleich fünf traditionelle Königreiche gibt es in Uganda. Eines von ihnen hat nach wochenlanger Kontroverse nun einen neuen Monarchen.
Weiterlesen »

Tabubruch in Berlin: Warum ein CDU-Politiker trotz Brandmauer jetzt mit der AfD sprechen willTabubruch in Berlin: Warum ein CDU-Politiker trotz Brandmauer jetzt mit der AfD sprechen willIn Marzahn-Hellersdorf hat die AfD die Wahl gewonnen, die CDU ist nur drittstärkste Kraft. Mario Czaja erklärt FOCUS online, wieso er mit AfD und Linken Gespräche führen will. Er macht Kanzler Merz schwere Vorwürfe.
Weiterlesen »

Presse adelt Yamal nach Glanzleistung: 'Lamine ist der Goldjunge'Presse adelt Yamal nach Glanzleistung: 'Lamine ist der Goldjunge'Nach dem klaren Sieg gegen Kroatien feiert die internationale Presse Spaniens Matchwinner Lamine Yamal.
Weiterlesen »

Ex on the Beach: Drei Paare, eine Frage: Was ist nach der Show passiert?Ex on the Beach: Drei Paare, eine Frage: Was ist nach der Show passiert?In der siebten Staffel von "Ex on the Beach" schien die Liebe bei einigen Kandidaten wie ein Märchen - bis die Kameras ausgingen. Was aus den vermeintlichen Traum-Beziehungen wurde, erfahrt ihr hier.
Weiterlesen »