Während die Weltgemeinschaft Berlin die kalte Schulter zeigt, flüchtet sich der Außenminister in die filmische Pathos-Kiste eines alternden Hollywood-Haudegens. Ein Kommentar.
Während die Weltgemeinschaft Berlin die kalte Schulter zeigt, flüchtet sich der Außenminister in die filmische Pathos-Kiste eines alternden Hollywood-Haudegens. Ein Kommentar. Da steht Deutschland nun als diplomatischer Verlierer in New York, und Außenminister Johann Wadephul flüchtet sich auf Instagram in die Rolle des filmischen Stehaufmännchens.
In einem Video sieht man ihn und seine Entourage in Zeitlupe und bedeutungsschwerem Schwarz-Weiß durch die Welt schreiten, untermalt vom melancholischen Hit „you broke my heart“ des französischen Musikerduos kobzx2z und myla. Eine wahrhaft herzzerbrechende Inszenierung, die den Schmerz der Niederlage beim UN-Sicherheitsrat in den Rang eines Epos hebt. Inmitten dieser Bilder lässt Wadephul keinen Geringeren als Sylvester Stallones legendäres Alter Ego Rocky Balboa für sich sprechen.
Ausgerechnet jene Szene aus dem sechsten Teil der Reihe, in der ein abgehalfterter Boxer seinem Sohn die Welt erklärt, dient als Metapher für das deutsche Scheitern – sinnbildlich für die ästhetische Selbstverzwergung einer einstigen diplomatischen Großmacht.
„The world ain’t all sunshine and rainbows. I don’t care how tough you are, it will beat you to your knees and keep you there permanently if you let it“ , dröhnt es aus dem Off, während Wadephul im Zusammenschnitt bei seinen diplomatischen Aktivitäten zu sehen ist.
Dass er sich mit einer Figur identifiziert, die im sechsten Teil der kultigen Boxer-Filme ihr Vermögen verlor und nun als gealterter Restaurantbesitzer klischierte Lebensphilosophie darbietet, entbehrt nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik. Das bemühte Klischee passt in diesem Fall wie die sprichwörtliche Boxerfaust aufs Auge. Deutschland musste sich verprügelt und gedemütigt aus dem Ring der Weltpolitik zurückziehen.
Die nackten Zahlen aus New York sprechen eine Sprache, die kein Instagram-Filter verschönern kann. 104 Stimmen für die Bundesrepublik sind eine diplomatische Kernschmelze, wenn man bedenkt, dass Portugal mit 134 und Österreich mit 131 Stimmen an Deutschland vorbeigezogen sind, als wäre es ein stehender Knockout-Kandidat. Damit hat Deutschland die Wahl als nichtständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat krachend verpasst. Die Gründe für die Niederlage sind weit weniger glamourös als ein Hollywood-Streifen.
Ein oft als zu moralisierend empfundenes Auftreten in den vergangenen Jahren hat dazu geführt, dass man sich in der Welt nur wenig echte Verbündete gemacht hat. Hinzu kommt die offensichtliche Doppelmoral bei der Bewertung der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, die viele potentielle Partner verschreckt hat. Rocky Balboa hat am Ende seines Films immerhin seinen Stolz verteidigt. Die deutsche Außenpolitik hingegen wirkt derzeit eher wie ein Boxer, der im Ring über seine eigenen Schnürsenkel stolpert.
Man kann zwar immer weiter vorwärtsgehen, wie Rocky rät, aber es hilft ungemein, wenn man dabei weiß, in welche Richtung man eigentlich läuft.
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