Kein Job, einen Sohn, 1000 Euro zum Leben: Leandras hartes Leben auf der Kante

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Kein Job, einen Sohn, 1000 Euro zum Leben: Leandras hartes Leben auf der Kante
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Die Oldenburgerin Leandra L. zieht ihren siebenjährigen Sohn alleine groß. Das ist nicht nur finanziell ein Kraftakt. Auch bei der Jobsuche stößt die 27-Jährige auf unüberwindbare Hürden. Ihr Fall steht exemplarisch für die Benachteiligung alleinerziehender Mütter.

Die Oldenburgerin Leandra L. zieht ihren siebenjährigen Sohn alleine groß. Das ist nicht nur finanziell ein Kraftakt. Auch bei der Jobsuche stößt die 27-Jährige auf unüberwindbare Hürden. Ihr Fall steht exemplarisch für die Benachteiligung alleinerziehender Mütter.

Erzieherinnen dringend gesucht: laut Kita-Bericht 2024 des Paritätischen Gesamtverbandes in Deutschland. Leandra L. findet trotzdem keine Möglichkeit, in dieser Branche Fuß zu fassen. „Es wird zu wenig Wert auf den Menschen gelegt“, sagt die 27-Jährige. Zu viele Hürden hinderten eine alleinerziehende Mutter wie sie daran, sich für den Beruf zu qualifizieren. „Ich möchte den Platz füllen, aber es geht nicht“, bilanziert sie frustriert. Die Oldenburgerin zeigt sich überzeugt, dass sie in dem Beruf gut aufgehoben wäre. „Das kann ich“, betont sie, auch eine Arbeit als Heilerziehungspflegerin könne sie sich vorstellen. Leandra L. merkt an: „Im Büro würde ich untergehen.“ Ihre Einschätzung kommt aus der praktischen Erfahrung. Von 2021 an hat sie rund zwei Jahre lang in Teilzeit als Schulbegleiterin gearbeitet, Kinder mit Beeinträchtigung im Unterrichts-Alltag unterstützt und die Lehrkräfte entlastet. „Das hat mir richtig Spaß gemacht. Ich möchte Kindern helfen“, blickt sie auf die Zeit zurück.Ihr Einkommen sei zwar nicht üppig gewesen, doch es habe gereicht, um über die Runden zu kommen. Zumal sie die Ferien so ebenfalls freihatte und die Zeit mit ihrem nun sieben Jahre alten Sohn verbringen konnte. Wegen der Schwangerschaft hatte sie ihre Ausbildung damals abgebrochen. Nach der Geburt löste sie sich aus einer problematischen Beziehung und lebte zunächst von Sozialhilfe.Viele Menschen klagen, die aktuelle Politik gehe an ihrer Lebenswirklichkeit vorbei. Doch was wünschen sie sich? Wie geht es ihnen? FOCUS-online-Reporter reisen drei Monate durch Deutschland und fangen die Stimmung ein – für eine Serie mit 101 Folgen. Seit etwas mehr als einem Jahr ist Leandra L. allerdings krankgeschrieben. Wegen eigener Probleme fiel die 27-Jährige auf der Arbeit aus, kurz nachdem sie das Unternehmen gewechselt hatte. „Ich war noch in der Probezeit, die Entlassung war absolut verständlich“, macht sie ihrem damaligen Arbeitgeber keinen Vorwurf. Für die Oldenburgerin bedeutete es einmal mehr einen finanziellen Einschnitt. Statt rund 1000 Euro netto im Monat für die 26 Stunden Arbeit pro Woche erhält sie als Krankengeld nun zwischen 830 und 900 Euro, im Dezember waren es lediglich 825 Euro. Hinzu kommen rund 360 Euro Wohngeld, die sie auch im Teilzeitjob bekommen hat, 250 Euro Kindergeld mit 152 Euro Zuschlag und 301 Euro Unterhaltsvorschuss, weil der Vater des Kindes seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommt.Allerdings nur für eine Vollzeitstelle, die sie nicht antreten konnte. „Ich habe für mein Kind keinen Vater, der präsent ist“, merkt die Oldenburgerin an. Sie wolle ihren siebenjährigen Sohn daher nicht den ganzen Tag abgeben, zudem wäre ihr die Belastung zu hoch.Auch andere Versuche für einen Berufseinstieg scheiterten. Eine Nichtschülerprüfung, bei der man einen staatlich anerkannten Bildungsabschlusses durch eine Prüfung ohne vorangegangenen Besuch einer entsprechenden Schule erlangen kann, verweigerte ihr die Landesschulbehörde, weil ihr ein Jahr Berufspraxis fehlte. Sie sei selbst schuld, dass sie alleinerziehend sei, habe sie bei ihren Bemühungen immer wieder gehört. „Das sucht sich niemand aus“, kommentiert L. empört. In ihrem Freundeskreis kenne sie mehrere alleinerziehende Mütter, die keine Chance erhielten, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Hinzu kämen alltägliche Probleme wie die Arztsuche: Sie selbst sei mit ihrem Sohn von sechs Ärzten abgewiesen worden, bis er im Frühsommer eine Operation erhielt. Bis dahin habe er Gehörprobleme gehabt und nasal gesprochen. „Das hätte Jahre früher passieren müssen“, sagt Leandra L. zerknirscht. Für sich selbst sucht sie ebenfalls seit mehreren Monaten nach einem ambulanten Therapieplatz, um die eigenen Probleme aufzuarbeiten.Ihr Krankengeld ist geringer als die Warmmiete von 850 Euro. Dabei habe sie noch Glück, dass ihre Mutter ihr den Bungalow überlassen hat und zu ihrem Partner zog. Wohnungssuche in Oldenburg? „Katastrophal!“ Zum Leben bleiben damit rund 1000 Euro für sie und ihren Sohn. „Ich komme noch hin, aber es ist sehr knapp“, sagt die 27-Jährige. So manches Mal gehe sie zu ihrer Mutter, um zu sehen, was dort noch im Kühlschrank zu finden ist; ohne den familiären Rückhalt könnte sie ihr Leben kaum bestreiten.FOCUS online schickt in den kommenden Wochen Reporter quer durch Deutschland, um die aktuelle Stimmung einzufangen. Auch Sie können uns schildern, was sie bewegt, was sie ärgert, was sich ändern sollte. Schreiben Sie an„Ich müsste kein Auto haben“, weiß Leandra L. Doch im Alltag als alleinerziehende Mutter erleichtere die Mobilität vieles. Genauso bereichere der Hund das Familienleben. Dafür verzichte sie an anderer Stelle; Kleidung kaufen sei aktuell undenkbar. Weil sie keine Sozialhilfe erhält, kann sie nicht zur Tafel und muss noch Abgaben wie den Umso schwerer wiege es für sie, wenn die Preise für Grundnahrungsmittel oder Energie plötzlich rasant steigen. „Das finde ich erschreckend. Woher soll man es nehmen, wenn man es nicht hat?“, fragt Leandra L. Zumal für sie und viele andere keine Besserung oder Alternative in Sicht sei.„Immer mehr Leute wissen gar nicht, wie sie das finanziell handhaben sollen“, sagt die 27-Jährige. Die Nöte gesellschaftlicher Gruppen wie ihrer habe die zerbrochene Ampelregierung nicht ausreichend berücksichtigt. Statt in Bildung, Ausbildung und in die Unterstützung der Bevölkerung zu investieren, stünden repräsentative Projekte im Fokus. „Es wird viel gesagt und wenig getan“, so die Bilanz von Leandra L. „Es gibt gefühlt keine Mitte mehr. Gerade nach Corona ist das extremer geworden.“ Überall sehe sie Frust und Negativität. Auch für junge, alleinerziehende Mütter will sie eine Lanze brechen. „Nur weil wir jung Eltern werden, heißt das nicht, dass wir aussehen wie bei RTL 2“, betont Leandra L. Diesen Stempel bekomme sie immer wieder aufgedrückt. Dabei wolle sie sich auch als Mutter als Fachkraft für den Arbeitsmarkt qualifizieren. „Die Gesetze und Regeln ergeben für den Menschenverstand keinen Sinn“, spricht sie von einem zermürbenden Kampf, den sie mit Unterstützung ihrer Mutter bestritten habe: „Irgendwann weiß man nicht mehr weiter.“

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