600 Kilometer zu Fuß in rund 123 Stunden. Extremsportler Arda Saatci über „Verrücktheit”, Schmerzen, Aufmerksamkeit und die Grenzen eines Grenzgängers.
600 Kilometer zu Fuß in rund 123 Stunden. 14 Marathons am Stück. Extremsportler Arda Saatci spricht im Interview mit FOCUS online über „Verrücktheit”, Kämpfe, Schmerzen, Aufmerksamkeit und die Frage: Wo zieht ein Grenzgänger Grenzen?
FOCUS online: Für viele Menschen ist ein „einfacher” Marathon schon utopisch. Sie sind davon 14 am Stück gelaufen. Salopp gefragt: Sind Sie verrückt? Arda Saatci: Ja, ich würde sagen, ja .
Diese Art von Frage habe ich noch nie gestellt bekommen. Bisschen Grad an Verrücktheit gehört dazu . 600 Kilometer zu Fuß in rund 123 Stunden. Wie fühlen Sie sich nach diesem Ultrarun? Saatci: Die ersten zwei Tage waren nicht gut.
Ich habe nicht gut geschlafen, mein Körper war noch nicht ganz runtergefahren. Heute war die erste Nacht, in der ich wirklich tief schlafen konnte und länger am Stück geschlafen habe. Ich habe zwar ein paar Entzündungen an der Hüfte und den Knien, aber nichts, was allzu dramatisch ist. Das braucht ein wenig Regenerationszeit.
Ich habe leider vier Kilo verloren. Die muss ich wieder auffüllen. Sonst fühle ich mich aber super. Arda Saatci: „In diesem Moment ist das wie eine Realitätsschelle”Von den 600 Kilometern: Welcher war der schwerste?
Saatci: Der nächste, den ich absolvieren musste. Was ist nach einer gewissen Zeit schwerer vom Weiterlaufen zu überzeugen: Körper oder Geist? Saatci: Den Körper. Denn der fängt irgendwann an zu streiken.
Was dich am Ende weiterträgt, ist deine Vision, dein Kopf, dein Wille, der den Körper zwingt, die Schritte weiterzugehen. Ihr ehemaliger Trainer Jihad Ali Khan hat gegenüber FOCUS online gesagt, dass der härteste Gegner oftmals man selbst sei – Sie hätten genau dies verinnerlicht. Aber wie hart ist denn der innere Gegner Arda Saatci? Saatci: Sehr hart, er ist mein härtester Gegner.
Ich bin jedes Mal verblüfft, wie viel stärker er geworden ist. Aber ich liebe den Kampf mit ihm und versuche ihn jedes Mal zu besiegen. Was ging durch Ihren Kopf, als klar war, Sie werden das gesteckte Ziel von 96 Stunden nicht knacken können? Saatci: Ich war sehr enttäuscht.
Es war eine Sache, auf die man monatelang mit Schweiß und Blut hingearbeitet und die man visualisiert hat. Auf meinem Hintergrundbild steht seit Monaten „600 Kilometer in unter 96 Stunden”. Das sind Zahlen, die sich in mein Unterbewusstsein eingebrannt haben. Und wenn du dann in diesem Moment realisierst, dass du das nicht hinbekommen hast, dann ist das wie eine Realitätsschelle.
Für mich war aber im nächsten Moment sofort klar: Es ist, wie es ist, das Leben läuft nicht immer perfekt, es schreibt seine eigenen Geschichten. Der Weg ist das Ziel. Daher war mir klar, die Challenge zu Ende zu bringen – egal, wie lang ich brauche. Aufgeben war keine Option.
„Ob 300 oder 2 Millionen Follower – ich bleibe ich“ Sie haben Ihr Ziel verfehlt – und hatten trotzdem Erfolg. Macht Sie das zu einem Sieger der Challenge? Saatci: Das müssen andere beurteilen. Für mich persönlich ist es ein Sieg, weil wir nicht aufgegeben haben und alles gegeben haben, um bestmöglich zu performen.
Ich habe mir nicht vorzuwerfen, dass ich hätte mehr geben können. Ich habe alles von mir abverlangt, das Team hat alles gegeben. Deswegen sind wir meiner Meinung nach Sieger. Spätestens seit vergangener Woche kennt Sie ganz Deutschland.
Hatten Sie mit einer derartigen medialen Resonanz gerechnet? Saatci: Dass es solche Ausmaße annimmt nicht, nein. Auf der ganzen Welt gehen Extremsportler an ihre Grenzen und darüber hinaus, halten diese Challenges fest. Warum, glauben Sie, hat gerade Ihre Challenge den Zeitgeist getroffen und so viele Menschen in den Bann gezogen?
Was ist das Erfolgsrezept? Saatci: Ich denke, die Nahbarkeit. Wir haben zu 100 Prozent transparent und authentisch alles gezeigt. Alle Struggles, alle Höhen und Tiefen, die wir auf der Reise hatten.
Und damit konnten eventuell die Menschen gut relaten und eine emotionale Bindung aufbauen. Wir haben aber kein Erfolgsgeheimnis. Wir haben uns vorher keine großen Gedanken gemacht, wie man es machen könnte, damit es gut ankommt. Wir haben es gezeigt, wie es ist.
Authentisch. Wie gehen Sie nun mit der neugewonnenen Aufmerksamkeit um? Saatci: Wie davor auch. Ob ich 300 oder 2 Millionen habe: Die Person bleibt dieselbe.
Ich werde versuchen, meiner Vision nachzugehen und das zu vermitteln, wofür ich stehe. Ich werde weiter an mir arbeiten und versuchen, etwas Gutes zu hinterlassen. In meinem Kopf ändert sich wenig. Aber ich bin mir bewusst, dass mir immer mehr Leute zuschauen.
Ich bin mir auch der Verantwortung, die damit einhergeht, sehr bewusst und gehe damit sehr vorsichtig um. Extremsportler Saatci: „ich predige nicht, dass man mir nachahmen sollte”Ein Ultrarun hat große Auswirkungen auf den Körper, das mussten Sie selbst schon oft genug feststellen. Er kann sogar lebensgefährlich sein. Berufsrisiko?
Saatci: Was das Risiko angeht, zu 100 Prozent. Extremsport ist kein Gesundheitssport. Man geht bewusst bestimmte Risiken ein, das ist klar. Das kann und sollte man auch nicht kleinreden.
Das Wichtige ist, dass man versucht, die Risiken so gut es geht zu minimieren, um keine Schäden davonzutragen. Es ist möglich durch regenerative Tools oder bestimmte Sachen, auf seinen Körper zu hören. Das sind Dinge, die ich und mein Team intensiv verfolgen. Wann ist extrem zu extrem?
Wo zieht ein Grenzgänger Grenzen? Saatci: Ich bin jemand, ich kann sehr gut Schmerzen ausblenden und ignorieren. Das ist in manchen Situationen nicht gut, weil man dann Dinge nicht mehr gut einschätzen kann. Deswegen bin ich sehr froh, sehr gute Leute um mich herum zu haben.
Ich habe dem Team meinen Segen gegeben, wenn irgendetwas ist, wo sie sagen, dass es nicht mehr tragbar ist und ich es im Nachhinein bereuen würde, dann hätten sie den Stecker ziehen dürfen und sagen können: „Hier ist genug. ” Und ja, dann hätte ich aufgehört. Sie haben viele Menschen inspiriert, Sie sind in vielerlei Hinsicht ein Vorbild. Das bringt, wie Sie selbst sagen, große Verantwortung mit sich.
Aber inwieweit wollen Sie ein Vorbild sein? Saatci: Ich predige immer, dass es You vs. You ist. Jeder geht seinen eigenen Weg, jeder schreibt seine eigene Geschichte. Wenn man Menschen dazu motivieren kann, seine eigenen Grenzen zu erfahren, dann ist das okay.
Aber ich predige nicht, dass man mir nachahmen sollte. Jeder sollte sich auf sich selbst fokussieren und versuchen, aus seinen eigenen Gegebenheiten das Beste herauszuholen. Darum geht's. Aber man sollte sich mit niemanden, auch nicht mit mir, vergleichen und versuchen, jemand anderes nachzuahmen.
„Sport ist wie Zähneputzen – ich muss es machen“ Wo holen Sie sich Ihre Inspiration her? Wer ist Ihr Vorbild? Saatci: Ich muss ehrlich sagen, ich habe kein bestimmtes Vorbild. Es ist vielmehr ein Kollektiv aus mehreren Sportlern.
Auch mein Papa ist ein Vorbild, was das Persönliche angeht. Vor Ihrer nächsten Aufgabe steht Erholung und Regeneration an. Können Sie auch so richtig faulenzen? Wie entspannen Sie?
Saatci: Tatsächlich durch Sport. Sport ist für mich wie Zähneputzen. Ich muss es machen, sonst fühle ich mich dreckig. Ich brauche irgendeine Form von Bewegung am Tag, sonst bin ich unzufrieden und mir fehlt etwas.
Aber klar: Man muss sich manchmal zwingen, wie jetzt gerade, einfach mal den Körper herunterzufahren, um später wieder mehrere Schritte nach vorne gehen zu können. Das ist ein Prozess, an dem ich arbeiten muss. Wenn ich mal richtig „faulenze”, dann, indem ich viel Zeit mit der Familie verbringe, schön Essen gehe, spaziere, Eis esse, einfach eine gute Zeit habe. Das ist es.
Haben Sie dabei schon die nächste Challenge im Hinterkopf oder können Sie das ausblenden? Saatci: Komplett ausblenden funktioniert bei mir nicht, so ticke ich nicht. Aber ich kann mich ablenken.
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