Unsere Autorin begleitet ihre Mutter beim Sterben. Sie fragt sich, was wir im Umgang mit dem Tod besser machen können.
Nora Belghaus 22.1.2023, 17:40 Uhr
Meine Mutter ist an Krebs erkrankt, eine von jährlich 500.000 Menschen in Deutschland, in deren Leben diese Diagnose wie ein Komet einschlägt. Uns erreicht der Komet am 17. Dezember 2020. Meine Mutter, 63 Jahre alt und vor kurzem als Requisiteurin für Film und Fernsehen in Frührente gegangen, ist schon seit Wochen heiser. Ich tingle gerade für eine Recherche von Querdenker-Demo zu Querdenker-Demo.
Die zweite Frage ist komplizierter. Der Psychologe Joachim Wittkowski begründet den Überraschungseffekt in einem Artikel der Zeitschrift fluter so: Weil wir ab einem Alter von 8 bis 10 Jahren verstehen würden, „dass Zeit linear ist und der Tod irreversibel“, das mache uns Angst, also verdrängten wir ihn, bis er vor der Tür steht.
Nach dem Telefonat am Küchentisch zieht das erste von vielen Gedankengewittern auf: Lungenkrebs, das bekommen doch nur die anderen. Die vom Hörensagen, die Freundin eines Freundes, der Vater einer Bekannten. Aber meine Mutter doch nicht, bestimmt ein Irrtum. Sie ist doch nur heiser. Und was, wenn doch?
In den Wochen danach fühle ich mich wie vom Leben betrogen. Das Gedankengewitter ist abgezogen, nun drehen sich meine Gedanken im Kreis: Warum sie, warum ich, warum wir? Innen ist alles seltsam dumpf, außen geht das Leben weiter wie eine schlechte Vorabendserie. Erst drei Wochen später bricht sich der Kummer Bahn, ich weine und weine und fühle mich danach wie eine verschrumpelte Birne.
„Alle sind sehr nett hier . Ein Arzt kommt irgendwann, ich darf im Park spazieren gehen… der Erbsen Graupen Eintopf war lecker und bestimmt sehr gesund. Damit ich mich nicht langweile, ist jetzt noch eine Omi zu mir ins Zimmer gekommen “ Das K Wort? Das klingt wie ein billiges Rezept: einfach nicht mehr „Krebs“ sagen und stattdessen das Leben bejahen. Ist auch das nicht Spiegel einer Gesellschaft, die versucht, die Krankheit, an der Menschen in Deutschland am zweithäufigsten sterben, aus dem Leben zu verbannen?
In diesen Tagen stoße ich online auf einen Artikel im Süddeutsche Zeitung Magazin. Darin wird die Autorin und ehrenamtliche Sterbebegleiterin Ilka Piepgras zitiert. Piepgras schrieb einmal über die Faszination der Sterbebegleitung, „den eigenen Turbo-Lebensrythmus der langsamen Gangart eines verlöschenden Menschen unterzuordnen“. Während ich das lese, werde ich wütend.
Wenn ein Mensch ins Leben kommt, bereiten wir uns akribisch vor. Wenn ein Mensch geht, ist das Schweigen laut Am 12. Oktober ist die Reha vorbei. Rehabilitiert hat sie nur die Gewissheit, dass Hermann wächst und gedeiht. Meine Mutter liefert sich selbst ein. Die Lungenentzündung geht weg, aber die Atemnot bleibt. Die Ärztin bittet um ein Gespräch mit meiner Mutter und mir. Sie empfiehlt ein Hospiz. „Und vielleicht wäre es gut, über den Tod zu sprechen“, sagt sie. Ja verdammt, aber wie?, denke ich, nicke stumm und weine.
Vieles in ihrer Wohnung erinnert an ein Leben, das sie nicht mehr führt und nie mehr führen wird. Die bunten Klamotten auf der Kleiderstange, der Restaurant-Gutschein, den sie zu ihrem 64. Geburtstag bekommen hat, die Yogamatte, der Autoschlüssel. Ihr Schlafzimmer indes füllt sich mit Requisiten der Palliativmedizin.
Ob ich lieber mal zu Hause bleiben sollte oder ein paar Tage Urlaub angebracht wären, frage ich mich nicht. Ich weiß: Nicht arbeiten ist keine Option, und zu Hause sitzt auf dem Sofa die Angst. Dann doch lieber ins Büro. Seit Jahren fordere die Hospizbewegung, die Inhalte in die Lehrpläne aufzunehmen, aber immer wieder werde argumentiert, „es könne von den Lehrkräften nicht verlangt werden, da sie selbst unsicher mit dem Thema seien“. Weil schon die Erwachsenen nicht gelernt haben, mit dem Tod umzugehen, lernen es auch die Kinder nicht? Klingt nach Teufelskreis.
Zwei Tage später, am 30. November, ziehen wir um. Ich packe ihre Tasche mit Dingen, die man braucht, wenn man auf eine Reise geht. Und ein paar Weihnachtskugeln, ein kleines Schaf aus Draht und Wolle, eine Lichterkette. Ich habe gehört, dass manche Menschen in einem Hospiz nochmal zu Kräften kommen und noch Monate leben, und selten, aber manchmal, kommen sie sogar wieder raus. Daran halte ich mich fest.
Am 7. Dezember am frühen Nachmittag kommen mein Bruder und sein Mann aus Hongkong an. Ab hier sind meine Erinnerungen fragmentiert, ich kann sie nur in Fetzen abrufen. Irgendwann rufe ich meinen Freund an und sage: „Ich glaub, es geht los.“ Wie bei einer Geburt. Die Nacht hat sie tief geschlafen, den Mund weit geöffnet, langsam verändert sich ihr Körper, der Daumen wird als erstes blau, die Hand ist noch lange warm, zwischendurch leuchten ihre Wangen rot, Tumorfieber sagt die Pflegerin, der Tumor sondert Stoffe ab, das Immunsystem reagiert, immer noch, dann zerfällt auch Hermann irgendwann, ein schwacher Trost, eine kleine absurde Genugtuung, dass auch er mit ihr zu Grunde geht.
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