Reutlingen nach Berlin: Unbekannte legen gezielt Deutschlands Stromnetz lahm. 40.000 Menschen saßen im Dunkeln, Brandbeschleuniger gefunden. Wer steckt dahinter?
Die Artikel-URL wurde erfolgreich in Ihrer Zwischenablage gespeichert. Es ist 1:43 Uhr in der Nacht zum Montag, als in Reutlingen das Licht ausgeht. Sekunden später, um 1:45 Uhr, klingelt das erste Telefon in der Integrierten Leitstelle: Im Umspannwerk Reutlingen-West brennt es.
Während die Feuerwehr durch die menschenleeren Straßen am Fuß der Schwäbischen Alb rast, sitzen Zehntausende bereits im Dunkeln. Im Klinikum springt das Notstromaggregat an, in einem Geflügelhof am Stadtrand kämpfen Mitarbeiter um die Lüftungen ihrer Ställe, im Klärwerk drohen die Pumpen stillzustehen. Anschlag auf Berliner Netz: Der Strom fließt wieder und die Politik feiert sich für ihre mittelmäßige Leistung Erst gegen 3:30 Uhr ist das Feuer gelöscht – doch da hat es längst eine zweite Anlage in Mitleidenschaft gezogen.
Der Kreisbrandmeister ruft um 4:45 Uhr die „Außergewöhnliche Einsatzlage“ für den gesamten Landkreis aus. Rund 100 Feuerwehrleute und weitere 100 Kräfte des Bevölkerungsschutzes sind im Einsatz. Was die Ermittler in den Ruinen der Schaltanlage finden, lässt Sicherheitsbehörden in Stuttgart, Berlin und Karlsruhe aufhorchen: Reste eines möglichen Brandbeschleunigers. Ein Brandmittelspürhund schlägt an.
Inzwischen ermitteln der Staatsschutz und das Antiterrorzentrum beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg wegen des Verdachts der vorsätzlichen Brandstiftung und der Störung öffentlicher Betriebe. Innenminister Manuel Hagel versprach am Montagabend in Reutlingen, man werde „jeden einzelnen Stein umdrehen“ – auch die Frage, ob ein „terroristischer Akt“ dahinterstecke, sei offen. Auch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sprach im ZDF von einem wahrscheinlichen Brandanschlag. Rund 7.600 Gebäude und etwa 40.000 Menschen waren ohne Strom, der Schaden geht in die Millionen.
Was Reutlingen so beunruhigend macht, ist nicht der Vorfall allein. Es ist das Muster. Am 9. September 2025 brannten in Berlin zwei Strommasten. 50.000 Haushalte und 2.000 Gewerbebetriebe saßen 60 Stunden im Dunkeln.
Am 3. Januar 2026 dann der zweite Schlag: Unbekannte zerstörten 15 Kabel auf einer Kabelbrücke. Die Wiederherstellung dauerte 100 Stunden – fast vier Tage. Rund 45.000 Haushalte und 2.200 Gewerbeeinheiten waren betroffen.
Zu der Tat bekannte sich die linksextremistische „Vulkangruppe“ – ein loses Netzwerk, das seit Jahren Industrieanlagen, Bahnstrecken und Energieinfrastruktur ins Visier nimmt und sich in der Tradition der militanten Linken der 1980er-Jahre verortet. Die methodische Handschrift in Reutlingen – nächtlicher Zeitpunkt, gezielte Auswahl einer neuralgischen Netzkomponente, Brandbeschleuniger – legt eine Parallele nahe. Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck fand am Montag bemerkenswert deutliche Worte: Es sei „hier wirklich radikal ans Leben anderer Menschen“ gegangen – „und das ist unverzeihlich“.
Und weiter, fast hilflos: „Wir müssen uns verteidigen – wir wissen noch nicht, gegen wen.
“ Dieser Satz ist der eigentliche Befund dieser Tage. Die wahrscheinlichste Hypothese, die die Behörden prüfen dürften, ist die einer linksextremistischen Tat. Dafür sprechen Vorgehen, Tatmittel, Zielauswahl – und die Existenz einer aktiven Szene, die in einschlägigen Bekennerportalen seit Monaten dazu aufruft, „die Maschine zu sabotieren“. Insbesondere die „Vulkangruppe“ hat eine Logik etabliert, die Stromnetze als Lebensader des „Kapital-Staat-Komplexes“ definiert – und damit als legitimes Ziel.
Doch wäre es fahrlässig, allein in diese Richtung zu ermitteln. Die Schwelle zwischen ideologisch motivierter Sabotage und staatlich gelenkter hybrider Kriegsführung ist in den vergangenen drei Jahren porös geworden. Seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine 2022 findet sich Deutschland in einer Grauzone aus Drohnenüberflügen über Bundeswehrkasernen, durchtrennten Ostsee-Datenkabeln, Brandanschlägen auf Logistikfirmen und mutmaßlich gesteuerten „low-level agents“ wieder. Der Generalbundesanwalt führt mittlerweile eine zweistellige Zahl von Ermittlungsverfahren wegen mutmaßlicher Spionage- und Sabotagetätigkeit im Auftrag fremder Dienste.
Für ausländische Akteure haben Anschläge auf die Stromversorgung einen doppelten Reiz: Sie treffen die Bevölkerung unmittelbar im Alltag – und sie lassen sich plausibel als Werk inländischer Extremisten tarnen. Dass sich nach Reutlingen bislang niemand bekannt hat, ist noch kein Indiz. Vor jeder Festlegung muss die Frage stehen: Cui bono? Was Reutlingen schonungslos offenlegt, ist die strukturelle Verwundbarkeit der deutschen Stromversorgung.
Ein einzelnes Umspannwerk, betreten offenbar ohne nennenswerten Widerstand, genügt, um eine Stadt von 120.000 Einwohnern samt Nachbargemeinden Wannweil und Kirchentellinsfurt lahmzulegen. Die Bundesnetzagentur und das BSI haben zwar die digitalen Schutzmechanismen für Betreiber Kritischer Infrastrukturen erheblich verschärft – der physische Perimeterschutz vieler Umspannwerke aber beschränkt sich nach wie vor auf Maschendrahtzaun, Videokamera und Vorhängeschloss. Für rund 80.000 Trafostationen und mehrere Tausend Umspannwerke ist ein militärisch gehärteter Schutz schlicht nicht darstellbar.
Bezeichnend ist die Reaktion vor Ort: Eine Polizeieinsatzhundertschaft wurde nach Reutlingen verlegt, um Präsenz an kritischer Infrastruktur zu zeigen. Eine symbolische Maßnahme – die deutlich macht, dass flächendeckende physische Sicherung mit polizeilichen Mitteln nicht zu leisten ist. Immerhin: Die operative Krisenreaktion funktionierte. Der Verwaltungsstab tagte, das THW kam mit Notstromaggregaten zu Klärwerk und Geflügelhof, in den Feuerwehrhäusern Ohmenhausen und Betzingen entstanden Anlaufstellen, das DRK richtete einen Einsatzstab ein.
Das Klinikum überbrückte den Ausfall mit Notstrom. Bereits am Nachmittag waren große Teile der betroffenen Wohngebiete provisorisch wieder am Netz – unter der dringenden Bitte der FairNetz GmbH, den Verbrauch auf das Nötigste zu reduzieren. Das ist Resilienz im operativen Sinn. Aber nicht im strategischen.
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt seit Jahren, was eigentlich jedem Haushalt geläufig sein müsste: geladene Powerbanks, Bargeldreserven, Kurbelradio, haltbare Lebensmittel, Campingkocher. Umfragen zeigen jedoch, dass nur eine Minderheit der Deutschen diesen Empfehlungen folgt. In einer 60- oder 100-Stunden-Lage kann diese Lücke lebensgefährlich werden, besonders für ältere Menschen und Pflegebedürftige. Erstens, wie lässt sich der physische Schutz der rund 1.000 systemrelevanten Umspannwerke pragmatisch erhöhen – durch Sensorik, KI-gestützte Videoüberwachung, schnellere Alarmketten?
Zweitens, wie verzahnen sich Verfassungsschutz, BKA, MAD und BND besser, um die Schnittmenge zwischen extremistischen Milieus und ausländischen Diensten frühzeitig zu erkennen? Drittens, wann wird die strategische Bevorratung von Ersatztransformatoren – ein Großgerät hat Lieferzeiten von bis zu 24 Monaten – endlich europäisch koordiniert? Reutlingen wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht der letzte Fall dieser Art bleiben.
Ob die Täter aus der autonomen Szene Süddeutschlands stammen, ob sie aus St. Petersburg gesteuert werden oder ob beide Welten längst kommunizierende Röhren sind – die Antwort wird die Republik beschäftigen. Sicher ist nur: Die Brandstifter haben verstanden, dass moderne Gesellschaften nirgends so verletzlich sind wie an der Steckdose. Die Behörden müssen es ebenfalls verstehen – schneller als bisher.
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