Nachruf Waltraud Klement: Immer ist sie herumgerannt

United States News News

Nachruf Waltraud Klement: Immer ist sie herumgerannt
United States Latest News,United States Headlines

Sie heiratete, sie ließ sich scheiden. Und hielt das für einen Defekt. Bis sie bei Rudi klingelte, und der sagte: „Na komm’se rein!“

Sie sitzt auf ihrem Sofa, sehr klein, sehr schmal. Es ist kalt draußen, unwirtlich, Anfang Februar 2025. Rudi ist nicht mehr da. Sie soll ein wenig aus ihrem Leben, aus ihrem schönen, langen Leben, gemeinsam mit Rudi, erzählen, für die Trauerfeier.

Aber die Schwäche lähmt sie. Nach einer Weile sagt sie doch einen ersten Satz, dann einen zweiten. Eine gewisse Bockigkeit mischt sich in ihren Tonfall. Und das ist der entscheidende Moment. Sie sitzt immer noch sehr klein und sehr schmal auf dem Sofa, aber etwas blitzt jetzt auf in ihren Augen. In ihre Haltung gelangt etwas Straffes, es ist deutlich zu spüren, sie ist da, präsent, man versteht, dass sie einmal nicht klein gewesen ist, sondern eine große Frau, größer einst als Rudi, was damals, als sie zusammengekommen sind, auch ein großes Thema gewesen ist, aber in den 70ern trugen Männer ja Absätze, und so konnte der Höhenunterschied ausgeglichen werden. Und so beginnt Traudchen doch noch zu erzählen, über die Liebe ihres Lebens: „Ich hab so einen tollen Mann gekriegt.“ Rumsitzen konnte sie eigentlich nie gut, immer ist sie herumgerannt. Als Bäckereiverkäuferin weiß man am Abend, was man den Tag über gemacht hat, immer auf Trab, von aller Herrgottsfrühe an. Zwischendurch ein Blick durch die Bäckereischaufensterscheibe, du meine Güte, die Schlange nahm eher zu als ab, real existierender Sozialismus. Hin und wieder tauchte eine Kundin auf, die sich nicht anstellte, sondern schnurstracks an der Schlange vorbeimarschierte, hinein in den Laden in der Linienstraße. Denn die Frau war Zeitungsverkäuferin. Schnelle Schrippen gegen das „Mosaik“ oder die „Wochenpost, die so schwer zu bekommen waren.Ursprünglich hatte Traudchen gar nicht Verkäuferin werden wollen, sondern Technische Zeichnerin. Vielleicht, weil Herbert, ihr älterer Halbbruder, Technischer Zeichner gewesen war. Ihn hatte sie früh verloren, weil seine Lunge zu schwach gewesen war. Auch ihr zweiter Halbbruder, Horst, lebte nur kurz, weil er mit 17 in diesen grauenhaften Krieg gezogen wurde. Das Schlimmste von allem jedoch: der Tod der Mutter, einer außerordentlich hübschen, rebellischen Frau, Frieda. Auf dem Sterbebett bat sie ihre Schwester Grete, das Kind aufzunehmen, denn Traudchens Vater zeigte wenig Interesse. Grete und ihr Mann stimmten zu. Einmal nahm der Onkel das Mädchen bei der Hand und zerrte es zum leiblichen Vater, um diesen auf seine Pflichten aufmerksam zu machen. Aber dem fiel nichts weiter ein, als mit der Hand durch die Luft zu wischen und ein einziges Wort zu sagen: „Nee!“ Mitten hinein in Traudchens Kindergesicht.Manchmal, nach dem Unterricht in der Berufsschule, ging sie mit Freundinnen ins Kino oder tanzen, sie war jung, die Zeit der Petticoats, die so schön aufwirbelten, hatte begonnen. Und möglicherweise, das ist nicht überliefert, lernte sie beim Tanzen Heinz-Karl kennen, denn Heinz-Karl liebte es wie sie, sich im Takt zu drehen. Eine Weile tanzten sie gemeinsam, heirateten, bekamen Bernd. Doch irgendwann wurde aus dem Tanz Trott, es ereignete sich viel Unschönes, was Traudchen tief verletzte. Sie ließen sich scheiden. Ein Makel, für den sie sich schämte. Wer wollte sie denn nun noch haben, mit diesem Defekt, so dachte sie. Doch dann kam der Tag, an dem sie sich um einen Nachmieter des Kleingartens in Johannisthal kümmerte. Dort hatte sie mit Onkel und Tante gewohnt. Jemand gab ihr den Tipp, es bei einem Mann namens Rudi Klement zu versuchen, Dekorationstischler beim Fernsehen der DDR. Nach der Arbeit machte sie sich auf den Weg zu ihm, klingelte, er öffnete und sagte fröhlich: „Na kommse rein!“ Traudchen konnte es nicht fassen: Trotz des Scheidungsmakels wollte sie jemand, der auch noch die wundervollsten Liebesbriefe schrieb. So ein toller Mann!Sie schipperten zu dritt mit dem Motorboot über Gewässer, Rudi am Steuer mit Pfeife im Mundwinkel. Sie fuhren nach Grünau, zum Wassersportverein. Sie schimpfte mit ihm, weil seine Eisenbahnanlage so viel Platz einnahm, dass sie nicht mehr mit dem Staubsauger ins Zimmer kam. Sie ging einmal in der Woche zum Friseur, waschen, föhnen, legen. Manchmal fragte Bernd an einem Haartag: „Was gibt’s denn heute zu essen?“ Bis es ihm wieder einfiel: „Ach ja, nichts, Mutti ist ja beim Friseur.“ Sie arbeitete jetzt als Kassiererin im „Ahornblatt“, einer Großgaststätte auf der Fischerinsel. Als sie zur stellvertretenden Restaurantleiterin aufstieg, wurde das Gelaufe zur regelrechten Rennerei, dagegen glichen die Wege in der Bäckerei einem sanften Frühsport. Sie mochte das Zusammensein im Kollektiv, wie man damals sagte. Nach der Wende fehlte ihr das sehr. Das „Ahornblatt“ schloss und wurde im Jahr 2000 abgerissen. Ihr Vorruhestand begann mit 55. In der DDR konnten Frauen mit 60 in Rente gehen, vermutlich hatte sie diesen Zeitpunkt schon ein wenig im Kopf, nur noch fünf Jahre, zumal sie ja bereits mit 15 mit dem Arbeiten angefangen hatte. Dafür kam etwas anderes in ihr Leben: ihre Enkeltöchter, halbe Französinnen. Aus Traudchen wurde „Mamie Kraut“. Mahnten die Eltern: „Lasst die beiden nicht zu viel Fernsehen gucken. Und Süßigkeiten bitte nur in Maßen“, hätten sie das auch in den Wind sagen können.Wir schreiben regelmäßig über nicht-prominente Berliner, die in jüngster Zeit verstorben sind. Wenn Sie vom Ableben eines Menschen erfahren, über den wir einen Nachruf schreiben sollten, melden Sie sich bitte bei uns. Telefon: 29021-14712 oder E-Mail:Die Welt wurde jetzt weiter. Traudchen und Rudi reisten nach Paris, schlenderten dort herum, wobei man Rudi ab und an für François Truffaut hielt. Sie wurden ausgesprochen herzlich von den französischen Schwiegereltern aufgenommen, fuhren in deren Haus nach Mers-les-Bains, oben am Ärmelkanal, wo sie der Schwiegervater durch den Ort führte: „C’est la boucherie et là c’est la boulangerie.“ Letztes Weihnachten saßen alle noch einmal beisammen, Bernd, die Enkeltöchter, die Urenkel. Traudchen blätterte in Fotoalben, Rudi in Paris, Rudi mit seiner Pfeife im Mundwinkel auf dem Wasser. Sie saßen bei ihr, um sie, mit ihr – alle, außer Rudi.

We have summarized this news so that you can read it quickly. If you are interested in the news, you can read the full text here. Read more:

Tagesspiegel /  🏆 42. in DE

 

United States Latest News, United States Headlines

Similar News:You can also read news stories similar to this one that we have collected from other news sources.

Neue Marvel-Diskussion beweist: MCU-Fans haben „Avengers: Endgame“ nach 7 Jahren immer noch nicht verstandenNeue Marvel-Diskussion beweist: MCU-Fans haben „Avengers: Endgame“ nach 7 Jahren immer noch nicht verstandenDer bisherige Höhepunkt der Reihe wartete mit einer Zeitreise-Regel auf, die etlichen populären Sci-Fi-Filmen widersprach. Etliche Zuschauende verwirrt das
Read more »

'Game of Thrones'-Star: Darum ist Kit Harington in seiner neuen Serienrolle fast immer nackt'Game of Thrones'-Star: Darum ist Kit Harington in seiner neuen Serienrolle fast immer nacktKit Harington ist in der neuen Staffel der HBO-Serie „Industry“ auffällig oft nackt zu sehen. In einer Talkshow erklärte der „Game of Thrones“-Star nun, warum die vielen freizügigen Szenen entstanden sind.
Read more »

Aktivistin über Doppeldiskriminierung: „Man steht da immer mit Boxhandschuhen“Aktivistin über Doppeldiskriminierung: „Man steht da immer mit Boxhandschuhen“Das Landesnetzwerk Mi­gran­t*in­nen-Or­ga­ni­sa­tio­nen lädt zum Dialog ein. Das Ziel: Gemeinsam sichere Räume für Frauen of Color schaffen.
Read more »

Immer mehr US-Forschende zieht es nach DeutschlandImmer mehr US-Forschende zieht es nach DeutschlandBERLIN (dpa-AFX) - Internationale Forscherinnen und Forscher zieht es zunehmend nach Deutschland - gerade aus den USA. Bei mehreren deutschen Forschungsgesellschaften gingen nach eigenen Angaben im vergangenen
Read more »

Besonderer Stellreflex: Warum fallende Katzen immer auf ihren Pfoten landenBesonderer Stellreflex: Warum fallende Katzen immer auf ihren Pfoten landenMöchten Sie wirklich alle Einträge aus Ihrer Merkliste löschen? Diese Aktion kann nicht rückgängig gemacht werden.
Read more »

Warum der Südkaukasus für die globale Luftfahrt immer wichtiger wirdWarum der Südkaukasus für die globale Luftfahrt immer wichtiger wirdDer Südkaukasus und insbesondere der aserbaidschanische Luftraum ist aktuell soetwas wie die Achillesferse der Luftfahrt zwischen Europa und Asien. Ein Ausfall dieses Korridors hätte unmittelbare Folgen, schreibt Linus Benjamin Bauer.
Read more »



Render Time: 2026-05-05 22:07:09