Ein freigegebenes Geheimdienst-Dossier zeigt, was Schweizer Behörden über den untergetauchten NS-Verbrecher Josef Mengele wussten. Historiker erhofften sich außerdem Informationen über eine Rückkehr in seine Heimatstadt Günzburg.
Josef Mengele gehörte zu den meistgesuchten NS‑Verbrechern. Im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz entschied der Lagerarzt über Leben und Tod.
Außerdem führte er grausame medizinische Experimente an Häftlingen durch. Nach dem Zweiten Weltkrieg floh Mengele nach Südamerika. Er wurde nie gefasst und starb 1979 in Brasilien. Nun hat der Schweizer Nachrichtendienst nach juristischem Druck von Historikern ein bislang gesperrtes Dossier über Mengele zugänglich gemacht.
Die Dokumente sollen zeigen, was die Behörden über seine Aufenthaltsorte und seine Kontakte wussten. Neue Belege dafür, dass sich Mengele nach seinem Untertauchen noch einmal in der Schweiz oder in seiner Geburtsstadt Günzburg aufhielt, liefern sie jedoch nicht. Hinweis auf einen Aufenthalt in der Schweiz Fest steht, dass Mengele 1956 für einen Skiurlaub in die Schweiz reiste. 1961 erhielt der Nachrichtendienst des Bundes zudem einen Hinweis, dass sich der gesuchte Kriegsverbrecher erneut im Land aufhalten könnte.
Das freigegebene Dossier enthält unter anderem Zeitungsberichte und teilweise geschwärzte Polizeiakten. Der Schweizer Historiker Jakob Tanner bewertet die damalige Arbeit des Nachrichtendienstes kritisch: "Der Nachrichtendienst war nicht sehr professionell, er war auf dem rechten Auge blind.
" Die Behörden hätten sich vor allem mit einer möglichen kommunistischen Bedrohung beschäftigt. Für die Verfolgung untergetauchter Nationalsozialisten habe es dagegen wenig Aufmerksamkeit gegeben. Auch Mengeles schwäbische Heimatstadt Günzburg rückte nach dem Krieg in den Fokus. Journalisten vermuteten, dass zahlreiche Einwohner seinen Aufenthaltsort kannten und schwiegen.
Belegt ist, dass Mengele von seiner Familie finanziell unterstützt wurde. Der Historiker Sven Keller von der NS-Dokumentation Obersalzberg widerspricht jedoch der Vorstellung einer breiten Mitwisserschaft. Nur ein kleiner Kreis sei eingeweiht gewesen.
"Dieser Josef Mengele wird deshalb nicht aufgespürt, weil es eben keine breite Mitwisserschaft gibt", sagt Keller. Mengele habe sich selbst als Wissenschaftler betrachtet und mit "maximaler Kälte und Empathielosigkeit" gehandelt. Seine Opfer habe er nicht mehr als Menschen, sondern als Material für seine Forschung gesehen. In Günzburg war der Familienname zugleich mit einem großen Landmaschinenhersteller verbunden.
Das Unternehmen beschäftigte zeitweise fast 2.000 Menschen. Viele Familien bestritten durch die Fabrik ihren Lebensunterhalt. Das habe den Umgang mit Josef Mengele erschwert, sagt die Günzburger Stadträtin Ruth Niemetz . Das Thema habe lange einen Tabustatus gehabt: "Die, die bei Mengele gearbeitet hatten, hatten ja auch ein gutes Leben.
Und deshalb war das so ein zwiegespaltenes Thema", erklärt sie. Zugleich sollte nach Ansicht von Niemetz niemand für die Verbrechen eines Familienmitglieds verantwortlich gemacht werden. Sie setzte sich für ein Mahnmal ein, das an Mengeles Opfer erinnert. Seine Verbrechen sollen nicht in Vergessenheit geraten.
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