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Niedergang der Bundesbank: Wie aus der Hüterin der D-Mark ein Handlanger der EZB wurde

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Niedergang der Bundesbank: Wie aus der Hüterin der D-Mark ein Handlanger der EZB wurde
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Die Deutsche Bundesbank korrigierte einst Kanzler. Heute schreibt sie 27,8 Milliarden Euro Bilanzverlust und lässt sich von politischen Laien leiten

Die Deutsche Bundesbank korrigierte einst Kanzler. Heute schreibt sie 27,8 Milliarden Euro Bilanzverlust und lässt sich von politischen Laien leitenGeld ist geronnenes Vertrauen. Diesen Satz hat Jens Weidmann geprägt, von 2011 bis Ende 2021 Präsident der Deutschen Bundesbank, kurz bevor er sein Amt vorzeitig niederlegte.

Schöner lässt sich kaum erklären, was Geld eigentlich ist. Der Wert des Geldes hängt nicht an der Materie: Der Zwanzig-Euro-Schein, den Sie in der Brieftasche haben, ist ein bedrucktes Stück Baumwollpapier von etwa 70 mal 130 Millimetern Größe. Auf dem Schwarzmarkt für Druckpapier würden Sie für die zehn größten Banknoten Ihrer Brieftasche zusammen vielleicht 60 Cent erzielen. Wertvoll ist der Schein nur deshalb, weil eine ganze Volkswirtschaft sich darauf verständigt hat, ihn als Wertspeicher zu akzeptieren.

Diese Verständigung heißt Vertrauen. Bricht das Vertrauen weg, bricht das Geld weg. Wie 1923, als der Sturz in die Hyperinflation eine Generation enteignete. Oder wie 1948, als die Reichsmark im Wäschekorb mehr wert war als der Stempel auf ihr.

Aus diesen beiden Katastrophen hatte die junge Bundesrepublik eine Lehre gezogen, die in ihrer Strenge weltweit einzigartig war. Mit dem Gesetz über die Deutsche Bundesbank vom 26. Juli 1957 schuf der Gesetzgeber eine Notenbank, die nicht nur unabhängig war, sondern es bewusst gegen die Bundesregierung sein sollte. § 12 BBankG in der ursprünglichen Fassung sagte das nüchtern: Die Bundesbank ist bei der Ausübung ihrer währungspolitischen Befugnisse von Weisungen der Bundesregierung unabhängig.

Und § 3 fügte hinzu, dass sie den Geldumlauf und die Kreditversorgung „mit dem Ziel“ regele, „die Währung zu sichern“. Die Politik, so der Gedanke, neigt zur Inflation: weil sie kurzfristig sieht, billige Versprechen liebt und die Zeche jemandem überlassen will, der nicht mehr antreten kann. Also entzog man die Hüterin der Währung ihrem Zugriff. Wer Geld als Vertrauen versteht, muss das Vertrauen vor den Irrungen und Wirrungen einer Legislaturperiode schützen.

Wilhelm Vocke, der vom 20. Mai 1948 bis Ende 1957 zunächst die Bank deutscher Länder und für die letzten Monate als erster Präsident die neugegründete Bundesbank führte, hat das verkörpert. Der Spiegel schrieb 1957 zu seinem Ausscheiden: „Besonders BdL-Präsident Vocke hatte sich den Zorn des Kanzlers zugezogen, weil er die Währungspolitik ohne Rücksicht auf die laienhaften Vorstellungen und tagespolitischen Wünsche Konrad Adenauers führte.

Vocke fürchtete mehr als einmal mit gutem Grund, das deutsche Wirtschaftswunder drohe den Bonner Regierenden zu Kopf zu steigen, und demonstrierte bei solchen Anlässen, dass die Macht des Kanzlers vor den Toren der Notenbank endet.

“ Lesen Sie den letzten Satz ruhig zweimal. Die Macht des Kanzlers endet vor den Toren der Notenbank. Bundespräsident Theodor Heuss überreichte Vocke zum Abschied das Bundesverdienstkreuz. Sein Nachfolger Karl Blessing erhöhte zwischen 1958 und 1969 mehrfach Diskont- und Lombardsatz, um die Konjunktur abzukühlen und die D-Mark stabil zu halten – gegen den ausdrücklichen Willen Adenauers, der schon 1956 vor versammelter Industrie wegen einer Diskontsatzerhöhung getobt hatte.

Die Bundesbank machte trotzdem, was sie für richtig hielt. 1965 verlieh der mittlerweile als Kanzler amtierende Ludwig Erhard ihrem Präsidenten das Große Bundesverdienstkreuz. Banker hielten gegen, Kanzler ehrten sie dafür. Karl Otto Pöhl war von 1980 bis 1991 Präsident, SPD-Mitglied, von Helmut Schmidt geholt. Wer geglaubt hatte, ein Sozialdemokrat werde die Bundesbank weicher führen, sah sich getäuscht.

Pöhl betrieb die Politik „des teuren und knappen Geldes“ und zerstreute selbst die Sorgen der Unionsparteien, eine Politisierung der Notenbank stehe bevor. Als Helmut Kohl 1990 hinter Pöhls Rücken einen Umtauschkurs von 1:1 mit der DDR vereinbarte, statt der von der Bundesbank fachlich begründeten 2:1, war für Pöhl eine Grenze überschritten. Im Mai 1991 trat er zurück.

Sein Nachfolger Hans Tietmeyer, von 1993 bis 1999 im Amt, verkörperte die alte Linie ein letztes Mal in voller Reinheit: ein Volkswirt aus Westfalen, anerkannt über alle Parteigrenzen. Ab 1999 begann der Niedergang.

Ernst Welteke, Berufspolitiker der SPD und gelernter Landmaschinenmechaniker, kam an die Spitze, weil Hans Eichel ihn dort haben wollte. 2004 musste er gehen, nachdem öffentlich geworden war, dass er sich zur Euro-Bargeldeinführung 2001/02 viertägig im Adlon hatte einquartieren lassen, bezahlt von der Dresdner Bank – einer Geschäftsbank, die er als Notenbanker eigentlich beaufsichtigen sollte. Die Staatsanwaltschaft stellte gegen Geldbuße ein. Welteke ging – und mit ihm ein Stück Ansehen der Bundesbank.

Eine Ausnahme war noch Thilo Sarrazin, der, bevor er mit seiner nüchternen Analyse „Deutschland schafft sich ab“ berühmt wurde, ein hochqualifizierter Finanzbeamter war: Diplom-Volkswirt, lange Jahre im Bundesfinanzministerium, 1989/90 Mitwirkender an der Vorbereitung der deutsch-deutschen Währungsunion unter Theo Waigel und Staatssekretär Horst Köhler, Treuhand, Staatssekretär in Rheinland-Pfalz, Berliner Finanzsenator. Wer im Mai 2009 in den Bundesbankvorstand einzog, war ein Mann mit fünfunddreißig Jahren konsolidierter Erfahrung im öffentlichen Finanzwesen, der das tat, wofür die Bundesbanker vorgesehen waren: der ideologischen Tagespolitik sachlich zu widersprechen.

Und Axel Weber, Wirtschaftsprofessor und parteilos, ab 2004 Präsident. Als die EZB unter Trichet im Mai 2010 begann, Staatsanleihen kriselnder Eurostaaten aufzukaufen, sagte Weber öffentlich, das berge „erhebliche stabilitätspolitische Risiken“. Er blieb dabei, auch als ihm dafür die EZB-Präsidentschaft entglitt. Im Februar 2011 kündigte er seinen Rücktritt an: „Ich werde mich für diesen Job nicht verbiegen.

“ Weidmann, sein Nachfolger, Volkswirt der Bonner Schule, vorher Merkels Wirtschaftsabteilungsleiter im Kanzleramt, hielt zehn Jahre durch und warnte konsequent vor der Vermischung von Geld- und Fiskalpolitik, vor der Niedrigzinsspirale, vor den Target-Salden. Im Oktober 2021 bat er Steinmeier um seine Entlassung, dreieinhalb Jahre vor regulärem Vertragsende. Die offiziellen Worte lauteten: persönliche Gründe. Die inoffiziellen brauche ich Ihnen nicht zu nennen.

Was folgte, war eine Personalentscheidung der Berufspolitik. Frank-Walter Steinmeier ernannte zum 1. Januar 2022, auf Vorschlag des damaligen Kanzlers Olaf Scholz, Joachim Nagel. Volkswirt aus Karlsruhe, SPD-Mitglied, einst Referent beim SPD-Parteivorstand in Bonn.

Ein Eigengewächs der Bundesbank, der offenbar keinen einzigen Tag in der freien Wirtschaft gearbeitet hat. Wer Nagels öffentliche Auftritte verfolgt, hört keinen Falken, sondern einen Erklärbär: Die EZB beschließe, „die Belastungen seien vorübergehend“, „die Bilanz sei solide“, „Preisstabilität sei in Sichtweite“. Sätze, die immer dann fallen, wenn die Substanz weicht. Überhaupt, die EZB: In Frankfurt am Main sitzt seit November 2019 Christine Lagarde, Französin, Juristin, vor ihrem EZB-Antritt nacheinander Wirtschaftsministerin und IWF-Direktorin.

Die erste EZB-Präsidentin, die nie zuvor einer Notenbank vorgestanden hat, die erste Juristin in einem Amt, das von Ökonomen für Ökonomen geschaffen wurde. Während ihrer Zeit als französische Finanzministerin hielt ihr ein Sondergericht in der Affäre Tapie „Fahrlässigkeit im Amt“ vor und sah trotzdem von einer Strafe ab. Der Wirtschaftsweise Volker Wieland mahnte damals, an die EZB-Spitze gehörten Ökonomen mit Notenbankerfahrung. Niemand hörte zu.

Anfang März 2026 hat die Bundesbank ihren Geschäftsbericht 2025 vorgestellt.

„Als Erstes im Bankwesen lernt man den Respekt vor Nullen“, hat Carl Fürstenberg einmal gesagt. Nullen gibt es im Bericht reichlich, in beiderlei Bedeutung. Der Jahresfehlbetrag beträgt 8,6 Milliarden Euro, nach 19,8 Milliarden im Vorjahr und 21,6 Milliarden im Jahr davor. Der aufgelaufene Bilanzverlust steht bei 27,8 Milliarden Euro.

Die letzte Gewinnausschüttung an den Bund kam 2019, sie betrug 5,85 Milliarden Euro und ging an den damaligen Finanzminister Olaf Scholz. Seitdem: nichts. Ein Bund, der jahrelang 2,5 Milliarden Euro Bundesbank-Gewinn in den Haushalt einplante, muss anderswo nehmen, was er ausgibt. Künftig dürfe sich der Bund auf „längere Sicht“ keine Hoffnung auf Ausschüttungen machen, sagt Nagel.

Der Bundesrechnungshof hat eine Rekapitalisierung der Bundesbank durch den Bund ins Gespräch gebracht; Nagel weist das zurück, der Goldvorrat puffere alles ab. Auch die EZB selbst meldete 2024 einen Verlust von 7,9 Milliarden Euro, 2025 noch 1,25 Milliarden. Die Bank, die Stabilität herstellen soll, verliert an ihrer eigenen Politik. Die Ursache liegt im EZB-Anleihekaufprogramm seit 2015: niedrig verzinste Wertpapiere auf der Aktivseite gegen hoch verzinste Bankeinlagen auf der Passivseite.

Die Geschäftsbanken kassieren die Differenz, die Notenbank trägt sie. Geldpolitik, die zur stillen Subvention von Staatshaushalten geworden ist, landet am Ende dort, wo das Vertrauen sitzt. Noch ist die Bundesbank nicht zahlungsunfähig. Goldreserven von zuletzt 388 Milliarden Euro Bewertungsreserve, ein Nettoeigenkapital von 363 Milliarden – sie kann ihre Aufgaben erfüllen.

Was sie verloren hat, lässt sich in Bilanzen nicht abbilden: Wilhelm Vocke, Karl Blessing, Karl Otto Pöhl, Hans Tietmeyer, Axel Weber, Jens Weidmann haben Kanzler und Regierungen das Fürchten gelehrt. Joachim Nagel erklärt der Öffentlichkeit, warum es richtig sei, was die Dilettantin Christine Lagarde beschlossen hat. Und die Bundesregierung – Friedrich Merz im Kanzleramt, Lars Klingbeil im Finanzministerium – gestaltet währungsrelevante Politik mit der Selbstgewissheit von Laien, die sich nicht vorstellen können, dass eine Notenbank sie korrigieren würde.

Dafür bräuchte sie Vorstände mit Rückgrat. Geld ist geronnenes Vertrauen. Und dieses Vertrauen verfällt zusehends. Den Preis dafür zahlen wir alle. Über die Inflation.

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