„Old Economy“ im Schlepptau von KI | Börsen-Zeitung

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Die US-Konjunktur hängt weit stärker an der KI-Entwicklung, als neuere Erzählungen vorgaukeln, die von einer breiteren Abstützung der Wachstumskräfte berichten. Damit steigt auch die Krisengefahr durch Zweitrundeneffekte über Börsen, Kreditmärkte und Zuliefererketten.

Die US-Konjunktur hängt weit stärker an der KI-Entwicklung, als neuere Erzählungen vorgaukeln, die von einer breiteren Abstützung der Wachstumskräfte berichten. Damit steigt auch die Krisengefahr durch Zweitrundeneffekte über Börsen, Kreditmärkte und Zuliefererketten.

UBS-Studie: Renaissance der US-Industrie ist nur eine Fehlwahrnehmung – Systemrisiko nimmt zu Die US-Konjunktur hängt weit stärker an der KI-Entwicklung, als neuere Erzählungen vorgaukeln, die von einer breiteren Abstützung der Wachstumskräfte berichten. Damit steigt auch die Krisengefahr durch Zweitrundeneffekte über Börsen, Kreditmärkte und Zuliefererketten. Die aggregierten US-Wachstumszahlen der jüngsten Zeit vermitteln auf den ersten Blick das Bild robuster Gesundheit: Die Industrie gewinnt an Schwung, Investitionsbereitschaft und Kreditwachstum ziehen an. In Kommentaren wird bereits die „Renaissance der amerikanischen Industrie“ ausgerufen.

Ökonomen der UBS aber halten dagegen: Die vermeintliche Verbreiterung des Wachstums ist aus ihrer Sicht eine Illusion, weil ein Großteil der Dynamik auch außerhalb der Tech-Branche lediglich ein abgeleiteter Effekt des KI-Giga-Ausbaus sei, sagen Arend Kapteyn und Keith Parker sowie weitere Autoren einer aktuellen UBS-Studie zu den „Spill-over-Effekten von KI“. Nach Modellschätzungen der UBS zieht jeder Prozentpunkt Wachstumsbeitrag der KI-Investitionen weitere 0,5 Prozentpunkte an Nachfrage in anderen Investitionssparten nach sich.

Paradebeispiele sind danach etwa Konzerne wie Caterpillar mit einem Rekordauftragsbestand von 72 Mrd. Dollar oder Eaton mit einem Orderplus von 240% bei Rechenzentrumskomponenten. Die amtlichen Produktionsdaten stützen die ernüchternde Erkenntnis der UBS-Ökonomen: Die High-Tech-Produktion stieg laut Federal Reserve binnen zwölf Monaten um 12,5%, während die übrige Industrie magere 0,3% Plus verzeichnete. Die Ausrüstungsinvestitionen außerhalb des KI-Sektors schrumpften zuletzt sogar um 1,5%.

Fasst man IT-Hardware, Software, den Bau von Rechenzentren sowie den KI-getriebenen Ausbau der Energieinfrastruktur zusammen, steuerten diese Bereiche bis zu 40% zur gesamten Expansion bei. Noch deutlicher wird die historische Dimension in einem Aufsatz von Stijn Van Nieuwerburgh von der Columbia Business School zur Herbstkonferenz des Brookings-Thinktanks. Danach dürften die Vereinigten Staaten zwischen 2025 und 2032 rund 10,3 Bill. Dollar in Rechenzentren, Stromsysteme, Netze und Spezialchips investieren.

Das entspricht 3,6% des BIP je Jahr. Der Eisenbahnbau des späten 19. Jahrhunderts absorbierte nach seinen Vergleichsrechnungen rund 2,2 bis 2,4%, der Telekom- und Glasfaserboom Ende der 1990er-Jahre etwa 0,8 bis gut 1%. Von einem dreifachen Telekomboom zu sprechen, treffe die Größenordnung, schreibt er.

Damit hängt die US-Wirtschaft noch stärker am Tropf des KI-Booms als in der singulären technischen Betrachtung. Allerdings zeichnet diese Bruttozahl auch ein verzerrtes Bild, da ein erheblicher Teil der High-Tech-Hardware aus Importen kommt. Damit würde ein Abflachen der direkten KI-Investitionen das BIP weniger stark treffen, als vielfach unterstellt. Doch darf das nach der UBS-Studie „The underappreciated AI spillover“ nicht als Entwarnung verstanden werden.

Denn schwächt sich der KI-Impuls ab, verlieren auch Hersteller von Gasturbinen, Schaltanlagen, Spezialkühlung und Baustoffen ihre wichtigste Wachstumsstütze – in einem Industrieumfeld, das abseits der KI-Kette ohnehin stagniert. Und auf Konsumentenseite wird der private Verbrauch in den USA bislang vorwiegend vom Vermögenseffekt getragen, wie die Autoren darlegen. Eine scharfe Neubewertung an den Börsen würde die Konsumneigung somit härter treffen als jede Budgetkürzung in den IT-Abteilungen. Und die könnte aus Sicht der UBS wegen der undurchsichtigen KI-Finanzierungsstruktur schneller als gedacht erfolgen.

Denn die Hyperscaler bestreiten den Aufbau längst nicht mehr allein aus dem laufenden Cashflow, sondern zunehmend über den Kapitalmarkt und über Konstruktionen jenseits der eigenen Bilanz. J.P. Morgan schätzt den Emissionsbedarf an Investment-Grade-Anleihen für Rechenzentren und KI in den kommenden fünf Jahren auf rund 1,5 Bill. Dollar.

Stijn Van Nieuwerburgh von der Columbia Business School warnt vor Joint Ventures, Private Credit, Verbriefungen, Zweckgesellschaften und Mietverpflichtungen, deren Risiken erst in einer Abschwungphase sichtbar würden. Technologie- und Kreditzyklus verschränken sich. Hinzu kommt ein Verdrängungseffekt: Steigende Zinsen und ein knapper werdendes Kapitalangebot drücken andere Finanzierungen als KI an den Rand. Selbst innerhalb der Tech-Branche ersetzen Ausgaben für Software andere IT-Investitionen inzwischen teilweise, statt sie zu ergänzen, warnt die UBS.

Bei der KI-Infrastruktur selbst findet UBS dagegen positive Ausstrahleffekte. Beides kann gleichzeitig gelten. Der eine Impuls verdrängt, der andere zieht nach – und beide laufen über denselben schmalen Kanal. Die US-Wirtschaft steuert damit auf eine Monostruktur zu: Solange sich das Investitionstempo halten lässt, bleibt der Motor stark.

Die Verwundbarkeit liegt in einer Korrektur der Markterwartungen. Deren Schockwellen liefen über Vermögenspreise, Kreditmärkte und Zulieferketten in die Realwirtschaft. Eine Monostruktur ist das noch nicht. Eine Expansion, die ohne ihren einen Träger kaum noch steht, aber schon.

Andrew Bailey fürchtet Schocks an den Finanzmärkten, die eine Neubewertung von KI nach sich ziehen könnte. Den britischen Finanzstabilitätshütern macht die Schuldenfinanzierung der KI-Investitionen Sorgen. Die US-Regierung fordert von Deutschland und Frankreich laut Insidern die Freigabe ihrer Dieselreserven und stellt andernfalls einen Exportstopp in Aussicht. Präsident Donald Trump wolle so vor den Zwischenwahlen die Kraftstoffpreise senken.

Berlin mahnt koordinierte Lösungen an. In Japan hellt sich die Stimmung in der Großindustrie zum sechsten Mal in Folge auf. Trotz des Arbeitskräftemangels verschärft die Regierung jedoch die Anforderungen an Ausländer für dauerhafte Aufenthaltsgenehmigungen. Die SNB muss ihre Nullzinspolitik zunehmend rechtfertigen: Die steigende Teuerung und ein negativer Geldmarktsatz nähren Erwartungen an eine Wende im Dezember.

Lula oder Bolsonaro: Wer am 25. Oktober die Stichwahl gewinnt, muss sich Mehrheiten in einem stark fragmentierten Parlament teuer erkaufen. Das hemmt Reformen in einem Land, dessen Haushalt zu rund 90% aus Pflichtausgaben besteht und dessen Wachstum nachlässt. Nach langem Zögern konkretisiert Südkorea die vor knapp einem Jahr zugesagten „strategischen“ Investitionen in den USA. Seoul widerspricht jedoch Präsident Trump bei einem Erdgasprojekt in Alaska.

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