In Oleschky am Dnipro herrscht unter russischer Besatzung eine Hungersnot. Rund 2000 Menschen sind eingeschlossen, Hilfslieferungen werden blockiert.
In der Kleinstadt Oleschky am linken Ufer des Dnipro, keine sechs Kilometer vom Stadtzentrum Cherson s entfernt, sind unter russischer Besatzung rund 2000 Menschen eingeschlossen. Seit Mai lassen russische Truppen nach Angaben ukrainischer Behörden und von NGOs keine Hilfslieferungen mehr in die Stadt. Die Vereinten Nationen beschrieben die Lage bereits im Juni als aussichtslos; seitdem hat sie sich Berichten zufolge drastisch verschlechtert. Oleschky liegt in einer sogenannten Todeszone, in der Dutzende ukrainische und russische Drohnen die Luft dominieren.
Maryana Kyrylenko, die in Wahrheit anders heißt und zu ihrer Sicherheit unter Pseudonym spricht, telefoniert zweimal pro Woche mit ihren Eltern. Sie leben, sie haben etwas zu essen, das Haus ist noch nicht zerbombt, das ist schon gut, sagt sie. Ihre Eltern gehören zu den letzten rund 2000 Menschen, die in Oleschky geblieben sind. Andere Einwohner beschrieben den Ort zuletzt als Hölle auf Erden.
Hungersnot und Blockade in Oleschky
Seit Mai hätten russische Truppen keine Hilfslieferungen mehr in die Stadt gelassen, berichtet Elvina Osmanova von der Chersoner Militärverwaltung. Moskaus Truppen verminten zunehmend Straßen, die in die Stadt führen. Das sei einer der Gründe, weshalb seither keine offizielle Hilfslieferung nach Oleschky gelangen konnte. Iryna-Esther Wratarowa, Sprecherin des Freiwilligenverbands Humanity, bestätigt diese Einschätzung und nennt die Minen neben der absichtlichen Blockadehaltung Russlands als eine der größten Gefahren.
Manche Menschen, die physisch dazu in der Lage sind, laufen für Stunden nach Radensk, 20 Kilometer von Oleschky entfernt, um Essen zu besorgen. Sie werden regelmäßig von Minen verletzt oder getötet, sagt Wratarowa. Sie berichtet von einem Rollstuhlfahrer, der auf dem Weg ins Krankenhaus über eine Mine fuhr, und von anderen, die im eigenen Hinterhof auf eine Mine traten. Die individuellen Fälle kann der Tagesspiegel nicht unabhängig nachprüfen.
Humanitäre Lage und internationale Appelle
Freiwillige und NGOs warnen: Wenn die Blockade weitergeht, werden die verbliebenen 2000 Menschen wohl am Hungertod sterben. Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha rief Ende September in der UN-Generalversammlung in New York die internationale Gemeinschaft auf, Druck auf Russland auszuüben, damit es einen humanitären Korridor für Evakuierungen und Hilfslieferungen zulässt. Auch die EU-Kommission forderte Russland am Dienstag auf, humanitäre Zugänge nach Oleschky zu ermöglichen.
Die Ukraine wirft Russland vor, Hilfslieferungen absichtlich zu blockieren, sowohl aus der Luft als auch über den Landweg. Die Regionale Militärverwaltung Chersons teilt mit, russische Streitkräfte würden Drohnen mit Hilfsgütern abschießen und Lebensmittel, die für Kinder und ältere Menschen bestimmt sind, beschlagnahmen oder verkaufen. Der Kreml gab zuletzt zu, dass die Situation vor Ort kritisch sei, machte aber Kyjiw für die Hungersnot verantwortlich.
Vorgeschichte seit der Besetzung 2022
Oleschky fiel ab Tag eins, dem 24. Februar 2022, an die russischen Besatzer. Damals lebten dort noch rund 24.000 Menschen. Nach der Sprengung des Nowa-Kachowka-Staudamms im Frühjahr 2023 verloren viele Menschen ihre Wohnung. Seither ist die Stadt von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten. Die Eltern der Sozialarbeiterin Maryana Kyrylenko können froh sein, einen Brunnen im Garten zu haben, erzählt sie. Aber bei Weitem nicht alle verbliebenen Einwohner haben dasselbe Glück.
Als Kyrylenko ins Ausland floh, wollte sie ihre Eltern mitnehmen. Das war rund ein halbes Jahr, nachdem russische Soldaten ihre Heimatstadt eingenommen hatten. Doch ihre Eltern sollen gesagt haben, sie gingen nirgendwohin. Es kommt, wie es kommt, habe ihr Vater gesagt, erinnert sich Kyrylenko am Telefon. Mittlerweile berichten sie, dass es normal sei, dass Leichen auf den Straßen liegen bleiben, weil es zu gefährlich ist, sie zu bergen und zu beerdigen.
Unabhängige Informationen aus den besetzten Gebieten sind nur sehr schwierig zu erlangen. Berichte können sich der Realität vor Ort daher nur annähern. Der Tagesspiegel sprach mit NGO-Mitarbeitern, Behördenvertretern der ukrainischen Seite und Angehörigen von Einwohnern, die in Oleschky geblieben sind. Unter ihnen gibt es auch solche, die das große Medieninteresse kritisch sehen und Vorwürfe gegen die ukrainische Öffentlichkeit erheben.
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