Ostdeutschland: Gleichwertige Lebensverhältnisse bleiben schwer erreichbar

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Ostdeutschland: Gleichwertige Lebensverhältnisse bleiben schwer erreichbar
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36 Jahre nach der Einheit sind gleichwertige Lebensverhältnisse in Deutschland noch nicht erreicht. Ostdeutschland bleibt benachteiligt, doch der Aufholprozess wird oft übersehen.

36 Jahre nach der Wiedervereinigung sind gleichwertige Lebensverhältnisse in Deutschland noch immer nicht erreicht. Besonders in Ostdeutschland fühlen sich viele Menschen trotz großer Fortschritte nicht vollständig angekommen. Die Vereinigung habe falsche Erwartungen geschürt, heißt es in einer aktuellen Analyse.

Wohlstand und Demokratie lassen sich nicht in wenigen Jahren herbeiführen. Das zweite Problem reicht tiefer und betrifft nicht nur Ost und West: Die im Grundgesetz versprochenen gleichwertigen Lebensverhältnisse scheinen immer schwerer erreichbar. Wird die Einheit womöglich nie vollendet?

Fortschritte in Ostdeutschland oft übersehen

Natürlich ist viel gelungen. Wer heute durch Leipzig, Rostock oder Berlin läuft, erlebt sanierte Städte, renaturierte Landschaften und eine modernisierte Infrastruktur. Windräder drehen sich in Richtung Zukunft. Dieser riesige Aufholprozess wird zu selten wertgeschätzt.

Doch in strukturschwachen, überalterten, ländlichen Regionen wächst die Sorge, das mühsam aufgebaute Lebensgerüst wieder über Nacht zu verlieren. Radikale Populisten befeuern diese Angst. Emotional fühlen sich viele Ostdeutsche noch nicht ganz angenommen im ganzen Land.

Strukturelle Unterschiede und Vermögensungleichheit

Inmitten der anhaltenden Wirtschafts-, Politik- und Sinnkrise fallen bestehende Unterschiede besonders ins Gewicht. Ostdeutschland ist in vielen Institutionen deutlich unterrepräsentiert. Laut dem neuen Einheitsbericht der Ostbeauftragten kommen 90 Prozent der Führungskräfte in oberen Bundesbehörden weiterhin aus dem alten Westen – Berlin nicht eingerechnet. Auch in Justiz, Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft fehlt es an Vielfalt, nicht nur an ostdeutschen Herkünften.

Fundamentale Unterschiede lassen sich auch nach 36 Jahren nicht ausgleichen. In der DDR konnten die Menschen kaum Privatvermögen aufbauen, was alle nachfolgenden Generationen bis heute spüren. Im alten Westen wird pro Einwohner neunmal so viel Vermögen vererbt wie im Osten. Deshalb sind viele Ostdeutsche auf die gesetzliche Rente, auf würdige Pflege ohne massive Zuzahlungen und auf bezahlbare Mietwohnungen angewiesen.

Soziale Spaltung und politische Verantwortung

Inzwischen wird diese soziale Spaltung im ganzen Land sichtbar – und dürfte in einem Jahr nach den Wahlen auch im ebenfalls nicht reichen Nordrhein-Westfalen grundsätzlich diskutiert werden. Viele Entwicklungen geraten erst ins Blickfeld der bundesdeutschen Politik, wenn sie im alten Westen ankommen.

Die wachsende Kluft zwischen Land und Städten – und erst recht zur Politik-, Medien- und Lobbyblase Berlin – hat nicht nur die Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern geprägt. Sie ist auch ein Weckruf, endlich stärker auf die Menschen zuzugehen, ihre Umbrüche wertzuschätzen und sie ernsthaft in den politischen Willensprozess einzubeziehen.

Gleiche Lebensverhältnisse bleiben utopisch, solange die Vermögen so ungleich verteilt bleiben und alle Sozialkosten vorrangig bei der arbeitenden Bevölkerung abgerechnet werden. Die Chancen aber sollten für alle gleich sein – auf einen guten Schulplatz, einen rechtzeitigen Arzttermin, eine bezahlbare Wohnung, eine angemessene Rente.

Erst wenn sich das vereinte Deutschland endlich ehrlich macht gegenüber sich selbst, wird es wirklich erwachsen sein. Und merken: Wir sind uns näher, als wir denken.

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