Vier Jahre nach dem Brand steht der Spitzturm wieder auf der Kathedrale Notre-Dame in Paris. Die Einweihung ist für Dezember 2024 geplant.
Vier Jahre nach dem Brand steht der Spitzturm wieder auf der Kathedrale Notre-Dame in Paris. Die Einweihung ist für Dezember 2024 geplant.Laurent Ulrich, Erzbischof von Paris, segnet die Nachbildung des goldenen Hahns, bevor er im Rahmen der Restaurierungsarbeiten an der Kathedrale Notre Dame auf die Turmspitze gehievt wird.
Von unten sind seine goldenen Flügel hinter dem Gerüst nicht zu erkennen. Doch seit Mitte Dezember thront ein neuer Hahn in 96 Metern Höhe auf dem Vierungsturm der Kathedrale. Auf jenem Turm also, der beim Brand des Gotteshauses am 15. April 2019 wie ein Feuerpfeil herabgestürzt war. Viereinhalb Jahre später ragt die Spitze wieder in den Pariser Himmel. Nachdem der alte Hahn durch das Flammeninferno in Mitleidenschaft gezogen worden war, entwarf Chefarchitekt Philippe Villeneuve eine neue Figur. Die Flügel des Symboltiers erinnern an Flammen. Und daran, dass der Kirchenbau aus der Brandkatastrophe wieder aufersteht „wie der Phönix aus der Asche“, wie Villeneuve selbst sagt. Dass der Vierungsturm, den Architekt Eugène Viollet-le-Duc im 19. Jahrhundert schuf, so schnell fertig wurde, ist ein starkes Symbol. Zeigt es doch, dass die Wiedereröffnung von Notre-Dame in einem Jahr möglich ist. „Die Vorgaben wurden eingehalten“, lobte Staatschefbeim Besuch der Baustelle Anfang Dezember. Er selbst hatte unmittelbar nach der Feuersbrunst, die den weltbekannten gotischen Kirchenbau fast völlig zerstörte, den strengen Zeitplan von fünf Jahren für den Wiederaufbau aufgestellt. Seither arbeiteten insgesamt 2000 Menschen auf der wichtigsten Baustelle Frankreichs.Das historische Bauwerk wurde bei einem Brand am 15. und 16. April 2019 teilweise zerstört. Große Teile der gotischen Kirche wurden nicht durch das Feuer selbst, sondern durch Rauch, Ruß und Löschwasser beschädigt.Vier Fenster der Kathedrale wurden in der Kölner Dombauhütte restauriert. Dort wurden die Fenster erst behutsam vom Bleistaub gereinigt. Danach wurden Schäden dokumentiert und die Fenster geklebt, gelötet und verkittet. Doch die Umsetzung seines ehrgeizigen Projekts hat Macron vor allem einem Mann zu verdanken: dem pensionierten General Jean-Louis Georgelin, der die Arbeiten als Sonderbeauftragter mit viel Elan vorangetrieben hatte. Der gläubige Katholik hatte von der Messe zur Wiedereröffnung am 8. Dezember 2024 geträumt. Doch die Erfüllung seines Traums konnte Georgelin nicht mehr miterleben: Der 74-Jährige verunglückte im Sommer beim Wandern tödlich. Nun wurde sein Name in das Holz des Spitzturms eingraviert. „Ohne ihn wären wir nicht hier“, sagte Macron. Der Staatschef hatte nach der Katastrophe all jenen eine Absage erteilt, die eine modernere Rekonstruktion der Kathedrale gefordert hatten. Von einem bepflanzten Dach und sogar einem Schwimmbad war die Rede gewesen. Doch Macron, im Namen des Staates für die Kathedrale verantwortlich, sprach sich für den originalgetreuen Wiederaufbau aus. Mit einem Dachstuhl, für den 2000 Eichen gefällt wurden. Und einem Nachbau des Spitzturms, den Architekt Eugène Viollet-le-Duc im 19. Jahrhundert auf den Kirchenbau gesetzt hatte., Laurent Ulrich, sollen sechs von Viollet-le-Duc geschaffene Glasfenster in den seitlichen Kapellen durch zeitgenössische Glaskreationen ersetzt werden. Die Pläne der beiden Männer sind hoch umstritten. Eine erst am 10. Dezember lancierte Petition des Online-Magazins „La tribune de l’art“ gegen die neuen Fenster bekam bereits mehr als 100.000 Unterschriften. „Zeitgenössische Fenster haben ihren Platz in der alten Architektur, wenn die Originale nicht mehr vorhanden sind. Aber sie sind nicht dazu da, Werke zu ersetzen, die bereits existieren“, heißt es darin. Die Fenster von Viollet-le-Duc hatten den Brand überlebt. Sie sollen nun laut Macron im neuen Notre-Dame-Museum ausgestellt werden, das in einem Flügel des benachbarten Krankenhauses Hôtel-Dieu entstehen soll. Auch eine zweite Entscheidung des Staatschefs sorgte für Unmut: Der 46-Jährige hatte beschlossen, Dach und Spitzturm der Kathedrale wieder wie vorher mit Blei verkleiden zu lassen. Dabei waren durch das Feuer 460 Tonnen Blei in Flammen aufgegangen und hatten sich als giftiger Staub auf die Straßen, Parks und Schulhöfe ringsherum gelegt. Familien und mehrere Verbände klagten seither über die gesundheitliche Belastung; die Staatsanwaltschaft nahm im Frühjahr Vorermittlungen wegen „Gefährdung anderer“ auf. Die Grünen-Senatorin und einstige Pariser Vize-Bürgermeisterin Anne Souyris forderte nun, die Bauarbeiten auszusetzen. „Rund 500 Tonnen Blei mitten in Paris zu verbauen bedeutet, die Stadt zu verschmutzen und die Bevölkerung zu vergiften“, erklärte Souyris. Die Bauherren verweisen dagegen darauf, dass das Material ja in 40 Metern Höhe benutzt werde und so keine Gefahr darstelle. Sogar das Wasser, das über die Bleidächer fließt, solle aufgefangen und aufbereitet werden. „Alle Vorsichtsmaßnahmen wurden getroffen“, versicherte Macron. Die umstrittene Bleiverkleidung soll zum Jahresanfang beginnen. Wenn das Dach einmal dicht ist, bleibt nur noch, im Innern des Kirchenbaus die Heizung, das neue Mobiliar und einen modernen Brandschutz zu installieren. Auch wenn die letzten Bauarbeiten noch bis 2029 oder 2030 dauern dürften, hat Macron zur Eröffnung bereits Dass die bekannteste Kirche Frankreichs ein Publikumsmagnet werden wird, ist schon jetzt klar. 14 Millionen Menschen werden pro Jahr erwartet – zwei Millionen mehr als vor dem Brand. „Natürlich werden schon aus Neugier mehr Leute kommen“, sagt Helgard Zahlen, die seit 17 Jahren für die Organisation CASA ehrenamtlich Führungen in und um Notre-Dame auf Deutsch anbietet. Sie freut sich, dass sie den Besucherinnen und Besuchern in einem Jahr auch wieder das Kircheninnere zeigen kann. Der Zugang zur Kathedrale dürfte dann allerdings anders geregelt sein als vorher. Denn Notre-Dame wird wohl ein modernes Online-Reservierungssystem bekommen. Wie die anderen Pariser Sehenswürdigkeiten auch.




