Ein Feiertag erinnert an eine Grenze, die verschwunden ist – und an Unterschiede, die geblieben sind, meint unser Autor.
Heute ist der 3. Oktober. Der Tag der Deutschen Einheit. Für viele Menschen in Deutschland ist er vor allem eines: ein Feiertag.
Ein freier Tag, vielleicht ein langes Wochenende, Zeit für Familie, Freunde oder einen Ausflug. Und trotzdem erinnert dieses Datum jedes Jahr daran, dass Deutschland einmal geteilt war. Eine Grenze verlief mitten durch das Land. Lebenswege wurden durch die politische Teilung bestimmt und durch die Folgen, die damit verbunden waren. 36 Jahre nach der Wiedervereinigung ist diese Grenze verschwunden.
Wer heute von Bielefeld nach Leipzig fährt, muss über die deutsche Einheit nicht nachdenken. Man fährt einfach los. Und trotzdem sind die Unterschiede noch da. Deutlich wird das in Gesprächen, in denen es ums Gehalt geht.
Oder wenn es um die Frage geht, wie viel Eigentum eine Familie besitzt und was den Kindern einmal mitgegeben werden kann. Vielleicht auch, wenn Menschen aus OWL Freunde oder Verwandte im Osten haben und feststellen, dass dort manches anders funktioniert als in ihrer Heimat.36 Jahre nach der Wiedervereinigung zeigt sich die deutsche Einheit deshalb nicht nur auf der Landkarte, sondern auch auf dem Konto. Vollzeitbeschäftigte verdienen im Westen weiterhin mehr als im Osten. Noch größer ist der Unterschied beim Vermögen.
Und während Westdeutschland seit der Wiedervereinigung gewachsen ist, haben viele Regionen im Osten Einwohner verloren. Menschen, die sich fragen, ob sie sich eine Wohnung leisten können oder die wissen wollen, wo ihre Kinder später arbeiten sollen. Und genau hier wird die Ost-West-Frage auch für die Menschen in Ostwestfalen-Lippe interessant. Denn natürlich ist Bielefeld nicht Dresden und Paderborn nicht Erfurt.
Aber auch hier kennen viele Menschen das Gefühl, dass sich nicht alles gleich entwickelt. Dass manche Orte wachsen und andere kämpfen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse dieses 3. Oktober ist: Die Frage nach gleichwertigen Lebensverhältnissen ist längst keine reine Ost-West-Frage mehr.
Natürlich bestehen die Unterschiede zwischen Ost und West weiter. Aber gleichzeitig erleben Menschen im Osten und Westen zunehmend ähnliche Herausforderungen: steigende Kosten, Wohnungsmangel, Fachkräftemangel, eine älter werdende Gesellschaft und die Sorge, wie attraktiv die eigene Heimat für die nächste Generation bleibt. Gerade heute sollte nicht die Frage im Mittelpunkt stehen, ob die deutsche Einheit nun endlich „vollendet“ ist.
Sondern die Frage, ob die Menschen das Gefühl haben, in ihrem Deutschland gute Zukunftschancen zu haben – egal, auf welcher Seite der früheren Grenze sie leben.
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