'Thank you, next' kennen die meisten eher aus dem Dating-Kontext – aber gilt das inzwischen auch für Freundschaften? Unsere Autorin schildert hier ihre Erfahrungen mit einer Freundschaftshopperin. Eine Psychologin ordnet ein.
"Thank you, next" kennen die meisten eher aus dem Dating-Kontext – aber gilt das inzwischen auch für Freundschaften? Unsere Autorin schildert hier ihre Erfahrungen mit einer Freundschaftshopperin.
Eine Psychologin ordnet ein.
"Das mit uns passt nicht mehr, sorry", steht da. Eine kleine Nachricht, die große Fassungslosigkeit auslöst. Wie kann das sein? Wir kennen uns doch gerade mal drei Monate?
Genau diese Nachricht habe ich vor einiger Zeit bekommen– und zwar nicht von einer Person, die ich gedatet habe.
"Beziehungshopper" haben vermutlich die meisten von uns schon mal kennengelernt, wenn nicht am eigenen Leib erfahren, dann zumindest aus dem Bekanntenkreis. Menschen, die das Alleinsein meiden und daher häufig von einer festen Partnerschaft in die nächste wechseln. Die, wenn die ersten Verliebtheitsgefühle schwinden, Alltag ansteht oder erste Probleme gelöst werden müssen, plötzlich weg sind: Auf zur nächsten Person, mit der sie wieder von vorne anfangen. Ich war auf der Hochzeit von einer alten Schulfreundin eingeladen – ohne Partner.
Ich würde vermutlich kaum jemanden kennen, entschied mich aber dann doch, hinzugehen. Was soll schon passieren. Am Ende hatte ich einen wirklich tollen Abend – Lena sei Dank. Lena war eine Ex-Studienkollegin der Braut, die mit den meisten Gästen vertraut wirkte.
Lena hatte mir den ersten Sekt des Tages in die Hand gedrückt, und ist mir danach nicht mehr von der Seite gewichen. Im ersten Moment war ich verwirrt, dass sie sich ausgerechnet mich als ihr Hochzeitsdate ausgesucht hatte, doch hinterfragte das nicht weiter. Lena war, nett, lustig und sie schien mich zu mögen. Wir tauschten Nummern.
Ich vermutete noch, dass sich unser Kontakt verlaufen wird, wie das eben so ist. Aber nein. Nicht mit Lena. Bereits am Montag meldete sie sich bei mir.
Am Mittwoch trafen wir uns auf einen Kaffee. Und dann entwickelte sich eine Freundschaft, die sehr schnell sehr intensiv wurde. In der Anfangszeit haben wir viel telefoniert, uns mindestens einmal in der Woche getroffen, oft geschrieben. Irgendwann musste ich eines unserer wöchentlichen Treffen kurzfristig absagen.
Lena reagierte alles andere als begeistert, warf mir vor, ich würde unsere Freundschaft nicht priorisieren, und machte mir ein schlechtes Gewissen. Das war der erste Riss. Von da an schienen ihre Erwartungen so hoch, dass ich ihnen kaum gerecht werden konnte. Sie beobachtete genau, ob ich mir in ihren Augen einen Fehltritt erlaubte.
Einmal dachte ich mir sogar eine Notlüge aus, weil ich keine Zeit hatte – und wurde prompt von ihr durchschaut. Rückblickend frage ich mich, warum ich mich so klein gemacht habe. Vielleicht fühlte ich mich ihr gegenüber schuldig. Hatte sie mich auf der Hochzeit doch so selbstverständlich unter ihre Fittiche genommen...
Kurze Zeit später kam dann die Nachricht.
"Sorry, das mit uns passt nicht mehr. " Zuerst war ich schockiert, wir waren uns so schnell so nah gekommen. Nach dem ersten Anflug von Trauer übermannte mich Erleichterung. Zu sehr hatte ich den Druck verspürt, als Freundin performen zu müssen.
Obwohl ich Lena nicht lange kannte, hat es dennoch etwas mit mir gemacht, einfach so fallen gelassen zu werden. Ich begab mich auf die Suche nach Antworten und stieß dabei auf einen Reddit-Thread mit dem Titel "ständig wechselnde Freunde" – von Menschen, die fortlaufend Freundschaften beenden und neue beginnen.
"Bei fast jeder engen Freundschaft komme ich irgendwann an den Punkt, an dem ich sie cutte", schreibt ein User. Eine andere ergänzt: "Irgendwann verläuft sich der Kontakt einfach – bis mich etwas an sie erinnert und ich mich frage: Was ist eigentlich aus ihnen geworden?
" Wieder jemand schreibt: "Ich komme mit allen gut aus, aber es fällt mir schwer, Freundschaften langfristig aufrechtzuerhalten. "Es scheint, als würde hinter dem Verhalten von Freundschaftshoppern mehr stecken. Diplom-Psychologin Ulrike Scheuermann bestätigt das gegenüber BRIGITTE.
"Dahinter liegen oft erlernte Bindungsmuster: Wenn jemand – meist früh in der Kindheit oder auch später im Leben – gelernt hat, dass Nähe gefährlich ist, dann fühlt sich Weggehen sicherer an als Bleiben", erklärt sie. "Wir können das also als erlernte Schutzstrategie einordnen. " Ulrike Scheuermann ist Diplompsychologin und Autorin. Sie baute den Berliner Krisendienst mit auf.
Nach zehnjähriger Tätigkeit arbeitet sie seither selbstständig als Coach und Seminarleiterin. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.
"Menschen mit vermeidendem Bindungsstil erzeugen Distanz, sobald eine Freundschaft enger und damit für die Person oft als schwieriger erlebt wird. Dann steigt die innere Anspannung, und der Rückzug fühlt sich wie Erleichterung an.
" Durch das vorzeitige Weggehen sei ihnen aber auch nicht möglich, neue vertrauensfördernde Erfahrungen zu erleben, mit denen sich ein Bindungsmuster im Erwachsenenalter noch verändern ließe, so Scheuermann. Wenn Menschen immer gehen, bevor es schwierig wird, dann haben sie nie gelernt, wie man mit Konflikten umgeht, und auch nicht, dass es sich ziemlich gut anfühlen und sogar zusammenschweißen kann, wenn sie gelöst werden.
"Konflikt-Kompetenz, also beispielsweisekönnen wir glücklicherweise jederzeit nachlernen und trainieren", sagt die Psychologin. Ich frage mich, ob ich nicht schon vorher hätte merken können, dass Lena eine Freundschaftshopperin war und ich die Zeichen einfach nicht wahrhaben wollte. Eine Freundschaft auf Augenhöhe führten wir nicht, ich fühlte mich bei ihr stets, als stünde ich in ihrer Schuld. Ein typisches Warnsignal sei laut Ulrike Scheuermann eine schnelle Intensivierung der Freundschaft ganz zu Beginn: Die neue Freundin wird sofort zur besten Freundin.
"Psychologisch ist das eine Idealisierung, und sie ist oft die Vorstufe zur Enttäuschung", erklärt sie. Dazu komme eine geringe Toleranz für Unstimmigkeiten: Kleine Missverständnisse werden sofort als Beweise gewertet, dass die Freundschaft nicht passt, ohne das Gespräch zu suchen. Auch durch Social Media wird Druck auf unsere Freundschaften ausgeübt. Dadurch, dass dort meist die Highlights einer Freundschaft gepostet werden, können sich unsere eigenen Freundschaften defizitär anfühlen.
"Wer teilt schon ein Foto von einem Konfliktgespräch? ", fragt Ulrike Scheuermann. Fast niemand.
"Wenn wir immer nur innige Freundinnentreffen mit strahlenden Gesichtern sehen, dann erzeugt das einen Vergleichsdruck, dem reale Beziehungen kaum standhalten können. "Dabei sind Konflikte kein Scheitern, sondern ein normaler Teil von Nähe. Jede tiefe Freundschaft hat schwierige Phasen – und kann gerade daran wachsen. Bevor man eine Freundschaft vorschnell innerlich abschreibe, lohne es sich laut Psychologin, kurz innezuhalten und sich zu fragen: Was brauche ich gerade eigentlich?
Hinter dem Impuls zum Rückzug stecke oft ein unausgesprochenes Bedürfnis. Hilfreich ist es, eine gemeinsame Konfliktsprache zu entwickeln: "Über eigene Gefühle sprechen, statt Vorwürfe zu machen", sagt Ulrike Scheuermann.
"Also eher "Ich habe mich übergangen gefühlt" als "Du hörst mir nie zu". Das ermögliche dem Gegenüber, offen zu bleiben, statt mit der Verteidigung zu starten. Und: nachfragen. Wie hat die andere Person die Situation erlebt?
Was waren ihre Beweggründe? Am Ende geht es weniger darum, perfekte Freundschaften zu führen, als darum, echte auszuhalten. Nicht jede Beziehung ist dafür gemacht, zu bleiben – aber die, die es sind, brauchen die Bereitschaft, auch dann zu bleiben, wenn es unbequem wird.
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