Thilo Mischke: „Die Welt wird nie mehr so sein, wie sie einmal war“

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Thilo Mischke: „Die Welt wird nie mehr so sein, wie sie einmal war“
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Unser Kolumnist Thilo Mischke trifft seinen Bruder und spürt Traurigkeit. Die Familie hat einen Brauch vergessen. Über neue Regeln in der Corona-Zeit.

„Ich bin wirklich sauer“, sagt mein Bruder Bertram. „Nein“, sagt er und atmet tief ein. „Ich bin richtiggehend traurig.“ Dann steckt er die Hände in die Jacke und wir spazieren die Prenzlauer entlang, auf dem Weg zum Sudanesen.

Wir wollen Mittag essen. Der Januar schlägt uns als eisiger Niesel ins Gesicht. Es gibt in Berlin kaum eine unangenehmere Straße, um den Winter zu erleben. Schlimmer ist nur noch die Karl-Marx-Allee. Aber trotzdem, wir laufen nebeneinander, als wäre es ein gewöhnlicher Frühlingstag. Mein Bruder ist eigentlich niemand, der sauer wird, er ist immer der Weiche, der Zarte, derjenige, der in unserer Familie die Konflikte scheut, aber trotzdem vermittelnd wirkt. Und deswegen erschrecke ich mich kurz. „Warum denn?“, will ich wissen, und mein Bruder sagt. „Wegen des 2. Advents.“ Und sofort weiß ich, was er meint. Wir, und das schließt meine Eltern und mich ein, also die Kernfamilie, haben den 2. Advent vergessen. Weggewischt, zur Seite geschoben, Stress vorgegeben. Und Berti hat fast anderthalb Monate gebraucht, um es zu formulieren. Sechs Wochen in seinem Kopf, bis hier, bis heute. Es lässt mich schaudern. Die Mutter in ihrer Buchhandlung, das Weihnachtsgeschäft am Sonntag verarbeitend, ich, slalomhaft, am Ende des Jahres der Überarbeitung ausweichend. Jede Verabredung kommt einem Termin gleich.„Wir haben es nicht vergessen“, sage ich an diesem grauen Januartag, wir dachten, es sei nicht so wichtig. Dann läuft der Bruder wieder still die Straße entlang und betont, wie viel schlimmer es sei, dass wir denken, dieser Tag könnte nicht wichtig sein.Seit meine Großmutter gestorben ist, haben sich die Familienfeste stark verschoben. Als Atheisten, als Familie, wie schon in der Vergangenheit hier betont, die keine Feste feiert, sind wir nur selten zusammen. Der 2. Advent hatte sich als Brauchtum eingerichtet, bei Oma, auf der Multipolster-Couch. Sie macht Fettgebäck, Krepel, das einzige, das sie, neben Käsekuchen, in ihrer Küche in der Andreasstraße zubereiten konnte. In dieser winzigen Neubauküche, mit dem Warmwasser-aus-der-Wand-Luxus, der 1990 plötzlich nicht mehr luxuriös war, sondern ostig. Die Wohnung roch tagelang nach Fritteuse, die Oma auch. Und dann saßen wir dort und hatten dieses kleine Familienfest. Der Bruder wollte es übernehmen, nachdem die Oma starb, damit es in der Familie blieb. Aber es ist ja nicht so wichtig, dachte ich.Da saß er am 2. Advent in seiner Wohnung, gemeinsam mit der Ehefrau und dem Hund, Rotkäppchen-Sekt gekauft, Fettgebäck in einer Küche gebacken, die das gleiche Versprechen hat wie die Küche meiner Oma: klein, aber warmwasserausderwand. Den Tisch gedeckt. Erst schrieb ich, dann meine Mutter, dass man nicht könne. Wir schrieben es lapidar, ohne es böse zu meinen. Aber Berti war verletzt. Und die Ehefrau schrieb dann meiner Mutter, mir, dass der Bruder sehr traurig sei. Es stach. Es sind die Brauchtümer, die verschwinden, die aus den Familien verschwinden, weil die Familien unsichtbar werden. Und daran muss ich denken, als mein kleiner Bruder mich daran erinnert. Es lässt sich hochrechnen, hochskalieren, dieses Verschwinden, und das nimmt der Abwesenheit von Gewohntem die Bedrohlichkeit. Seit zwei Jahren verändert sich unsere Welt radikal, und es scheint nicht aufzuhören. Diese Veränderungen haben die gleiche Radikalität wie der Tod eines Familienmitglieds. Die Welt danach ist eine andere, selten eine bessere. Corona, Inflation, der geschlossene Club, die geschlossene Bar, das bankrotte Geschäft, die arbeitslosen Freunde, die verwirrten Kinder, ohne Schule und eine Zukunft in einer heißen Welt. Wo ist da noch Platz für Brauchtümer?Es verändert, wie wir Dinge tun, wie wir sie wertschätzen. Während wir noch vor drei Jahren den 2. Advent als wichtigsten Moment der Weihnachtlichkeit empfunden haben, ist er jetzt einfach ein Tag. Weil Oma weg ist. Die Sommerfeste, die nicht mehr stattfinden, die Festivals, die ausfallen, die Freundestreffen, die erst immer weniger, dann unnötig wurden. „Danke“, sage ich zu meinem Bruder und nehme ihn in den Arm, und er legt seinen Kopf auf meine Schulter. Wenn er das macht, weiß ich, er ist besonders traurig. Ich danke ihm, weil ich durch sein Aufmerksammachen etwas verstanden habe. Etwas, das sich wieder hochskalieren lässt. Wir alle müssen jetzt etwas lernen, nämlich, dass die Welt niemals mehr so wird, wie sie einmal war, und der Weg, das zu verstehen, nicht etwa das Vergessen, Ignorieren oder Sehnsüchten ist. Die Sehnsucht nach früher bringt uns nicht ins Morgen. Wir müssen etwas Neues, etwas Verändertes, etwas anderes finden. Wir müssen neue Familienfeste, neue Brauchtümer für all diejenigen, die nach uns kommen, erzeugen. Und wir müssen uns dabei so viel Mühe geben wie jene, die es vor uns getan haben. Nach Kriegen, Revolutionen und Wirtschaftsblasen. Immer und immer wieder haben wir uns hingesetzt und gesagt: „Was machen wir jetzt, wo kommt die Normalität her?“ Wir müssen das lernen. „Wofür?“, fragt mich mein Bruder. Und ich sage: „Für neue Brauchtümer.“ Dann drücke ich ihn noch mal. „Ab jetzt jede Woche Mittagessen zusammen?“, sage ich. „Aber nicht immer Sudanese im Regen“, sagt er. Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder

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