Die CDU diskutiert über ihre Zukunft. Der Bundestagsabgeordnete Matthias Hiller schreibt in seinem Gastbeitrag: Konservativ zu sein bedeutet auch, zu verändern, was nicht mehr funktioniert.
Die CDU diskutiert über ihre Zukunft. Der Bundestagsabgeordnete Matthias Hiller schreibt in seinem Gastbeitrag: Konservativ zu sein bedeutet auch, zu verändern, was nicht mehr funktioniert.
Eine Volkspartei zu sein war und ist Anspruch der CDU. Eine breite Mitte zu vertreten, bedeutet dabei jedoch nicht, zwischen zwei Positionen den mathematischen Mittelwert zu bilden. Die Mitte ist keine politische Unentschlossenheit. Die Mitte, an die wir als Partei glauben, verbindet Freiheit mit Verantwortung, wirtschaftliche Stärke mit sozialem Zusammenhalt, Weltoffenheit mit Heimat und steht für einen starken Rechtsstaat, der persönliche und unternehmerische Freiheit schützt.
Das sind die Grundprinzipien unserer politischen Entscheidungen, und das macht das Konservative in der Union aus. Matthias Hiller ist seit 2025 direkt gewählter Abgeordneter für den Wahlkreis Nürtingen im Bundestag. Der CDU-Politiker sitzt dort im Finanz- und Gesundheitsausschuss. Zuvor arbeitete Hiller als Steuerberater und Hochschullehrer.
Konservativ zu sein bedeutet dabei für mich nicht, an Altem festzuhalten und Veränderungen aufzuhalten. Wer bewahren will, was unser Land stark macht, der muss auch verändern, was nicht mehr funktioniert. Zu dieser Politik gehört Ehrlichkeit. Eine Partei verliert Vertrauen nicht dadurch, dass sie unangenehme Wahrheiten ausspricht.
Sie verliert Vertrauen, wenn die Menschen merken, dass sie bei drohendem Widerstand Wahrheiten ausweicht. Die Wahrheit ist, dass unser Wirtschafts- und Sozialmodell unter erheblichem Druck steht. Eine alternde Gesellschaft, der Fachkräftemangel und die veränderten internationalen Rahmenbedingungen setzen Grenzen für das, was der Staat auf Dauer finanziell leisten kann. Es ist wichtig, dass der Staat hilft, wo Menschen Hilfe brauchen, aber er wird nicht mehr alles ausgleichen und absichern können.
Zu dieser Politik gehört es deswegen auch, Prioritäten zu setzen. Ein Staat, der es allen recht machen möchte, macht am Ende alle unzufrieden. Politik muss sagen, was zuerst kommt und auch, was nicht finanziert, subventioniert oder geregelt werden kann oder sollte. Der Staat muss den Menschen Chancen eröffnen, aber Chancengerechtigkeit darf nicht zu Verteilungsgleichheit werden.
Wer mehr leistet, mehr Verantwortung übernimmt oder mehr wagt, muss auch mehr davon haben. Im konkreten bedeutet es für mich beispielsweise, dass derjenige, der über Jahrzehnte arbeitet und Sozialbeiträge zahlt, darauf vertrauen können muss, dass sich dies auch in seinen Ansprüchen widerspiegelt. Gerechtigkeit bedeutet nicht, jedem das Gleiche zu geben, sondern Unterschiede auch zu berücksichtigen. Zu dieser Politik gehört der Mut, den Bürgerinnen und Bürgern die richtige Wahl zuzutrauen.
Dazu gehört aber auch Entschlossenheit, Gefahren und Manipulationen aktiv und transparent zu begegnen. Und nicht zuletzt gehört zu dieser Politik, den Menschen mehr Eigenverantwortung zuzutrauen. Ein moderner Staat darf nicht überall wachsen. Er muss dort stark sein, wo wir ihn brauchen und an anderer Stelle die Eigenverantwortung zulassen.
Rechtsstaatlichkeit und Ordnung sind für uns eine Voraussetzung für Freiheit. So wie Arbeit, Leistung und Eigeninitiative kein neoliberaler Werbeslogan sind, sondern einen Wert haben – für die Menschen und für die Gemeinschaft. Respekt gebührt jedem Menschen, jedem ehrlichen Beruf und unterschiedlichen Lebensentwürfen, aber Respekt bedeutet nicht Beliebigkeit. Zu einem selbstbewussten Land gehört ein gesundes Verhältnis zu sich selbst.
Nichts ist falsch daran, sein Land zu lieben. Entscheidend ist, was daraus folgt. Der Patriotismus der CDU definiert Menschen nicht über Hautfarbe oder Herkunft. Wer mit Recht hier lebt, unsere Gesetze achtet, Verantwortung übernimmt, im Großen oder im Kleinen, der gehört dazu.
Heimat und Weltoffenheit sind keine Gegensätze. Eine Gesellschaft kann offen sein und muss trotzdem erwarten, dass gemeinsame Regeln gelten. Sie kann Vielfalt ermöglichen und trotzdem wissen, was sie verbindet. Eine Gesellschaft braucht mehr als individuelle Rechte.
Sie braucht gemeinsame Regeln, Sprache, Institutionen und das Bewusstsein, dass Freiheit Verpflichtungen mit sich bringt. Deutschland ist Zukunftsland. Ein Land mit Potential. Es ist ein Land, das nicht entscheiden muss, ob es Produktionsstandort oder Denkfabrik sein möchte, weil seine besondere Stärke gerade darin besteht, beides zu sein.
Auch dafür brauchen wir Zuverlässigkeit, Aufrichtigkeit, Pünktlichkeit, Ordnung, Tatkraft, Neugier, Leistungsbereitschaft, Engagement und Selbstbewusstsein. Das sind keine angeborenen deutschen Eigenschaften. Sie gehören keiner Nation. Aber es sind Tugenden, die Gesellschaften erfolgreich machen.
Es sind Eigenschaften, die zum Selbstverständnis der CDU gehören müssen. Die Zukunft der CDU entscheidet sich nicht daran, ob wir lauter sind als andere. Sie entscheidet sich daran, ob wir wieder glaubwürdig vermitteln können, was wir bewahren werden, was wir verändern müssen und wohin wir steuern. Der Starke muss nicht schrill sein, sondern entschlossen.
In einer Welt, die unübersichtlicher und lauter wird, kann Deutschland etwas beweisen: dass ausgewogenen Reformen Verbesserungen bringen. Dass ein demokratischer Staat freiheitlich und durchsetzungsfähig sein kann. Dass wirtschaftliche Stärke und sozialer Zusammenhalt keine Gegensätze sind. Und dass Maß und Vernunft Extremismus überlegen sind.
Die politischen Ränder leben von der Behauptung, unser Land sei gescheitert. Niemand sollte ihnen den Gefallen tun, das zu glauben. Das Radikale, für das diese Ränder mindestens in Teilen eintreten, das hat Deutschland doch bereits hinter sich. Unsere Geschichte des 20.
Jahrhunderts war furchtbar schmerzhaft, mit Krieg und Menschheitsverbrechen. In der Reaktion darauf haben wir bisweilen das Vertrauen in das Eigene verloren. Nach der verheerenden Wendung zum Totalitären sind wir politisch weit nach links gerückt und sind dort verharrt, während die Bevölkerung bereits selbst in die Mitte zurückgekehrt war. Deutschland steht vor großen Herausforderungen.
Doch keine davon ist unüberwindbar. Deutschland ist kein Land im Niedergang. Es ist ein Land, das sich für die Zukunft rüstet. Ein Land, welches drei Viertel seiner Bürgerinnen und Bürger in seiner jetzigen Form bewahren wollen und in dem sich rund 60 Prozent der politischen Mitte zuordnen.
Wer weiß, was er bewahren möchte und seine Stärken kennt, kann Veränderung mit Selbstvertrauen gestalten. Verändern, um zu bewahren, das heißt für mich konservativ sein. Die CDU kann als konservative Partei der Mitte die Unterstützung weiter Teile der Bevölkerung zurückgewinnen.
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