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Viermal mehr Jugendliche vergiftet: Warum Pregabalin in Berlin zur gefährlichen Partydroge wird

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Viermal mehr Jugendliche vergiftet: Warum Pregabalin in Berlin zur gefährlichen Partydroge wird
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In Berlin landen immer mehr Jugendliche nach Pregabalin-Konsum beim Giftnotruf. Das Medikament kann im Mischkonsum mit Alkohol lebensgefährlich werden.

In Berlin landen immer mehr Jugendliche nach Pregabalin-Konsum beim Giftnotruf. Das Medikament kann im Mischkonsum mit Alkohol oder Opioiden lebensgefährlich werden. Es ist keine neue Designerdroge aus einem Hinterhoflabor, kein grell gefärbtes Pulver mit Fantasienamen.

Pregabalin kommt als Kapsel, ordentlich verpackt in Blistern, verschrieben von Ärzten, abgegeben in Apotheken. Genau das macht den Stoff so tückisch: Jugendliche schätzen vermeintliche Medikamente oft als weniger riskant ein als die bekannten klassischen Partydrogen. Ein gefährlicher Irrtum – der in Berlin inzwischen regelmäßig inPregabalin ist ein verschreibungspflichtiger Wirkstoff aus der Gruppe der Gabapentinoide.

Medizinisch eingesetzt wird es bei peripheren und zentralen Nervenschmerzen, bei bestimmten Formen der Epilepsie und beiWas das Mittel für den Freizeitkonsum attraktiv macht: Es kann beruhigen, enthemmen, angstlösend wirken – und bei manchen Konsumenten ein Gefühl von Euphorie auslösen. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie beschreibt diese euphorisierende und entspannende Wirkung ausdrücklich als Grund dafür, dass das Medikament zunehmend missbraucht wird. , die 2015 veröffentlicht wurde.

Unter 253 Patienten einer Drogenentzugsstation in Baden-Württemberg hatte mehr als die Hälfte Pregabalin mindestens einmal eingenommen – und die durchschnittliche selbst berichtete Tagesdosis lag bei 698 Milligramm, also über der medizinischen Höchstgrenze. Die maximale an einem einzigen Tag eingenommene Dosis lag im Median bei 900 Milligramm; Einzelfälle reichten bis 6.000 Milligramm. Wer Pregabalin missbräuchlich einsetzt, nimmt es nicht in therapeutischen Dosen. In der Partyszene geht es selten um einen einzelnen Stoff.

Tabletten werden kombiniert – um runterzukommen, Angst zu dämpfen, die Wirkung anderer Substanzen zu modulieren. Genau dieser Mischkonsum macht Pregabalin gefährlich.verstärken sich gegenseitig mit Pregabalin. Dann geht es nicht mehr um Schwindel oder Kontrollverlust, sondern um Atemprobleme, Bewusstlosigkeit, Koma – oder Tod. Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft verzeichnet Fälle von respiratorischer Insuffizienz und Todesfällen bei gleichzeitiger Einnahme mit Opioiden oder anderen zentral dämpfenden Substanzen.

DGN-Generalsekretär Peter Berlit formulierte es in der Pharmazeutischen Zeitung direkt: „Daraus kann schnell ein tödlicher Cocktail entstehen.

“ Die Ulmer Studie belegt, wie verbreitet dieser Mischkonsum tatsächlich ist: 42 Prozent der Pregabalin-Konsumierenden in der Stichprobe hatten es innerhalb von 12 Monaten wiederholt mit einer anderen psychoaktiven Substanz kombiniert. Am häufigsten mit Opioiden , gefolgt von Benzodiazepinen und anderen Sedativa sowie Alkohol . Für Rettungskräfte und Kliniken bedeutet das: Sie behandeln selten eine Überdosis Pregabalin. Sie behandeln ein Substanzgemisch, dessen Bestandteile sie oft nicht kennen.

Die Fachinformation warnt zudem vor Abhängigkeit – auch bei therapeutischen Dosen. Toleranzentwicklung, Dosissteigerung, wirkstoffsuchendes Verhalten: Das sind die Muster, auf die Ärztinnen und Ärzte achten sollen. In der Ulmer Studie erfüllten sieben Prozent aller Teilnehmer die Abhängigkeitskriterien nach DSM-IV für Pregabalin – 13 Prozent derjenigen, die es je eingenommen hatten. Jeder achte Konsument also.

Pregabalin ist verschreibungspflichtig – trotzdem kursiert es auf dem Schwarzmarkt. Ein bekanntes Muster ist sogenanntes Doctor Hopping: Mehrere Praxen werden nacheinander aufgesucht, ohne dass die Verordnungen abgeglichen werden. Daneben existieren illegale Onlineangebote, Telegram-Gruppen und grenzüberschreitende Einfuhren. Die Ulmer Studie macht das Ausmaß greifbar: Von den Teilnehmern mit Pregabalin-Erfahrung hatten 92 Prozent es zumindest teilweise über illegale Quellen bezogen, 44 Prozent kostenlos von Freunden oder Verwandten, 41 Prozent direkt von einem Drogendealer.

Nur acht Prozent hatten Pregabalin ausschließlich aufgrund ärztlicher Verordnung eingenommen. Das Medikament fließt in die Szene nicht durch Verschreibungsexzesse allein – es wird aktiv weitergegeben und gehandelt. Besonders aufschlussreich ist ein Befund zur Einnahmeform: 42 Prozent der Konsumierenden gaben an, Pregabalin zumindest zeitweise geschnupft zu haben – eine Applikationsform, die zum Zeitpunkt der Datenerhebung in der Fachliteratur noch nicht beschrieben war. Der Kapselinhalt wird also gezielt geöffnet und nasal konsumiert, um den Wirkungseintritt zu beschleunigen.

Das ist kein medizinischer Gebrauch. Das ist ein Drogenritual. Für Käufer auf der Straße oder im Netz kommt ein weiteres Risiko hinzu: Sie wissen nicht sicher, ob die Pille wirklich Pregabalin enthält, ob die Dosis stimmt oder ob die Tablette falsch deklariert wurde. Erfahrung mit Dosierung und Wechselwirkungen fehlt.

Gleichzeitig gilt: Eine Tablette wirkt im Kopf vieler weniger bedrohlich als ein Pulver oder eine Spritze. Dass etwas wie Medizin aussieht, ist kein Schutz – es ist eine Falle. Die Ulmer Daten liefern ein genaueres Risikoprofil: Der stärkste Prädiktor für Pregabalin-Konsum war regelmäßiger Opioidgebrauch – Menschen mit Opioid-Abhängigkeit hatten eine bis zu 17-fach erhöhte Wahrscheinlichkeit, Pregabalin einzunehmen.

Als Hauptmotive nannten die Befragten die Linderung von Opioid-Entzugssymptomen , die Wirkungsverstärkung anderer Substanzen und die berauschende Wirkung des Pregabalins selbst . Pregabalin fungiert in dieser Logik als „Lückendroge“: verfügbar, wenn Opioide fehlen; wirkungsverstärkend, wenn sie da sind. Junges Alter war ebenfalls ein signifikanter Prädiktor – mit jedem zusätzlichen Lebensjahr sank in der Studie die Wahrscheinlichkeit für riskanten Pregabalin-Konsum um bis zu acht Prozent. Wer jung, abhängig und ohne medizinische Begleitung ist, trägt das höchste Risiko.

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie diskutiert eine strengere Kontrolle von Pregabalin und Gabapentin bis hin zur Betäubungsmittelpflicht. Sie betont zugleich: Für viele Patientinnen und Patienten mit Nervenschmerzen oder Epilepsie bleibt das Mittel unverzichtbar. Ein pauschales Verbot wäre das falsche Instrument. Sinnvoller wäre Hinschauen: Praxen, die auffällige Verordnungsmuster erkennen.

Besondere Aufmerksamkeit bei Patienten mit Suchtvorgeschichte – die Ulmer Studie zeigt, dass gerade diese Gruppe Pregabalin vor der ersten Verschreibung bereits illegal bezogen hatte und den Arzt gezielt aufsuchte, um ein Rezept zu erhalten. Pregabalin in routinemäßige Urin-Screenings von Suchtambulanzen aufnehmen. Aufklärung für Jugendliche, die nicht wie Behördendeutsch klingt. Und das Wissen in Schulen, Clubs, bei Streetworkern und in der Suchthilfe, dass nicht nur illegale Drogen töten können – sondern auch Kapseln aus der Hausapotheke.

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