Ökonom Clemens Fuest über Jobabbau, Fachkräftemangel und politische Fehler – und warum der Arbeitsmarkt unter Druck gerät.
Trotz Fachkräftemangel bauen deutsche Konzerne Tausende Stellen ab. Top-Ökonom Clemens Fuest erklärt, warum Jobs verschwinden und welche Fehler die Politik gemacht hat. Tausende Jobs stehen bei Deutschlands Großkonzernen auf der Kippe – vor allem in der Industrie.
Bei VW sollen 50.000 wegfallen, bis 2025 in der Autoindustrie weitere 225.000 Arbeitsplätze. Gleichzeitig bleibt der Fachkräftemangel ein Thema. Wie passt das zusammen? Im Interview mit FOCUS online erklärt Ifo-Präsident Clemens Fuest, warum Unternehmen Stellen streichen, welche strukturellen Probleme dahinterstehen – und warum er dennoch keine Rückkehr zu Massenarbeitslosigkeit wie Anfang der 2000er erwartet.
FOCUS online: Mehr als 160.000 Jobs stehen bei Deutschlands Großkonzernen auf der Streichliste. Ist der deutsche Arbeitsmarkt vollends vom Arbeitnehmer- zum Arbeitgebermarkt gekippt? Clemens Fuest: Die Bereitschaft der Unternehmen hat deutlich nachgelassen, neue Mitarbeiter einzustellen. Gleichzeitig ist die Zahl der Entlassungen gering.
Für Arbeitnehmer, die ihre Ausbildung absolviert haben und jetzt auf den Arbeitsmarkt kommen, wird es deshalb schwieriger, einen Arbeitsplatz zu finden. Wie besorgniserregend ist die aktuelle Entwicklung der Arbeitslosigkeit aus Ihrer Sicht wirklich? Fuest: Noch steigt die Arbeitslosigkeit vergleichsweise langsam an, aber dass sie steigt, ist ein Problem. Da die Zahl der Menschen im Erwerbsalter demographisch bedingt sinkt, sollten wir eigentlich eine sinkende Arbeitslosigkeit erreichen.
Problematisch ist außerdem, dass der Beschäftigungsaufbau primär im öffentlichen Sektor stattfindet, während in der Industrie Arbeitsplätze verschwinden. Dadurch sinkt die gesamtwirtschaftliche Produktivität, und die Steuer- und Abgabenlast steigt, mit negativen Folgen für das Wirtschaftswachstum. Wie lange wird diese, offenbar tiefergehenden Strukturkrise, anhalten? Fuest: Das hängt unter anderem davon ab, ob es geling, Deutschland durch Reformen für private Investoren wieder attraktiver zu machen.
Warum bauen derzeit so viele Unternehmen Stellen ab, obwohl jahrelang vor Fachkräftemangel gewarnt wurde? Fuest: Sie bauen Arbeitskräfte ab, weil sie nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Zwar haben deutsche Produkte nach wie vor hohe Qualität, aber andere Länder haben aufgeholt, und die Produktionskosten in Deutschland sind zu hoch. Wir müssen also entweder besser werden oder billiger.
Kann die Verrentung der Babyboomer den aktuellen Stellenabbau am Ende sogar auffangen – oder droht Deutschland trotzdem dauerhaft höhere Arbeitslosigkeit? Fuest: Das Ausscheiden der Babyboomer aus dem Arbeitsmarkt wird den Anstieg der Arbeitslosigkeit dämpfen. Er wird allerdings auch dazu führen, dass viele Unternehmer aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Die Arbeitsplätze, die sie geschaffen haben, werden teilweise verschwinden.
Ist der Fachkräftemangel überschätzt worden? Fuest: Beide Probleme existieren parallel. Man muss unterscheiden zwischen einer konjunkturbedingten, vorübergehend sinkenden Arbeitsnachfrage einerseits und der längerfristigen, von der Demographie geprägten Entwicklung andererseits. Hinzu kommt, dass die Qualifikationen stimmen müssen.
Es kann durchaus passieren, dass Unternehmen zwar Arbeitskräfte suchen, die vorhandenen Arbeitskräfte aber nicht richtig qualifiziert sind. Welche Branchen und Berufsgruppen dürften in den kommenden Jahren besonders unter Druck geraten? Fuest: Das hängt auch von wirtschaftspolitischen Entscheidungen ab. Wenn die Politik in Deutschland beispielsweise durch eine schlecht organisierte Energiewende die Energieversorgung weiter verteuert, werden energieintensive Unternehmen weiter unter Druck geraten.
Wenn das anders organisiert wird, können diese Unternehmen sich durchaus wieder besser entwickeln. Allein bei VW sollen 50.000 wegfallen. Wird der Abbau in der Autobranche anhalten? Fuest: Nach Einschätzung der Autoindustrie selbst sollen bis 2035 weitere 225.000 Arbeitsplätze wegfallen.
Solche Schätzungen sind mit hoher Unsicherheit behaftet, aber dass der Abbau weitergeht, ist leider plausibel. Welche Folgen hat die steigende Unsicherheit am Arbeitsmarkt für Löhne, Gehaltsverhandlungen und die Konsumlaune der Deutschen? Fuest: Wenn Menschen sich Sorgen über ihre Einkommensentwicklung und drohende Arbeitslosigkeit machen, legen sie Geld zurück und konsumieren weniger. Unsicherheit dämpft daher die Konjunktur.
Droht Deutschland eine Entwicklung hin zu dauerhaft höherer Arbeitslosigkeit wie Anfang der 2000er-Jahre? Fuest: Das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Dafür scheiden zu viele Menschen altersbedingt aus dem Arbeitsmarkt aus. Welche wirtschaftspolitischen Fehler wurden aus Ihrer Sicht in den vergangenen Jahren gemacht?
Fuest: Es wurden viele Fehler gemacht. Die Dekarbonisierung der Energieversorgung wurde größtenteils planwirtschaftlich und damit viel zu teuer organisiert. Der Ausstieg aus der Kernenergie hat die Energieverknappung und die Abhängigkeit von Öl und Gas verschärft. Wir haben zu viel unnötige Bürokratie aufgebaut.
Auf Krisen haben wir reagiert, indem wir Menschen in ihrer aktuellen Beschäftigung gehalten haben, obwohl es nötig gewesen wäre, dass ein Strukturwandel stattfindet und neue Unternehmen entstehen. Wir haben es zugelassen, dass der Staat immer mehr Ressourcen beansprucht und die Staatsquote im kommenden Jahr voraussichtlich 50 Prozent überschreitet. Das heißt, fast jeder zweite Euro wird vom Staat ausgegeben, unter anderem für den Beamtenapparat oder Sozialleistungen. Fuest: Dadurch steigen Steuer- und Abgabenlasten immer mehr an.
Und wir haben die Digitalisierung vernachlässigt und zu wenig für unser Bildungssystem getan. Wir haben unsere Infrastruktur verfallen lassen. Die Expansion des Sozialstaates hatte Priorität gegenüber der Sicherung von Wachstum und Produktivität. Seit einigen Jahren sehen wir die Folgen, aber bislang tun wir nichts dagegen.
Welche Maßnahmen müsste die Bundesregierung jetzt prioritär ergreifen, um den Arbeitsmarkt zu stabilisieren? Fuest: Wir brauchen eine umfassende Agenda für die Rückkehr zu dauerhaftem Wirtschaftswachstum. Dafür brauchen wir bessere Bedingungen für Arbeitsbereitschaft, für öffentliche und private Investitionen und für Innovationen und Bildung. Das lässt sich nur erreichen, wenn wir die expandierenden Staatsausgaben eindämmen und Bürokratie sowie unnötige Regulierungen abbauen.
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