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Von wegen sentimentale Erziehung: George Clooney hat aus J.R. Moehringers Bestseller „The Tender Bar“ ein Feelgood-Movie gemacht.

Kein Vater, kaum Freunde, kein Selbstwertgefühl, noch nicht mal ein richtiger Name – es gibt bessere Startvoraussetzungen ins Leben für einen Jungen namens „J.R.“. „J.R.? Was heißt das eigentlich? will ein Lehrer mal in der Schule wissen.

Achselzucken. Dann die leise Antwort: „Junior“. Und das scheint in George Clooneys Regiearbeit „The Tender Bar“ zu bedeuten: einmal „Junior“, immer „Junior“? Gezeichnet fürs Leben? Auf den ersten Blick ein klassischer Coming-of-Age-Film, wie es, siehe vor allem den „Club der toten Dichter“, das US-amerikanische Kino liebt . Als sein Vater die Familie verlässt, zieht der Junge J. R. mit seiner Mutter in ihre Heimatstadt Manhasset nahe New York. J.R.s Lieblingsbeschäftigung besteht darin, die Radiosender nach seinem Vater abzusuchen, der als Radio-DJ arbeitet und den er nur als „The Voice“ kennt. Wenn der Junge im Zimmer sitzt, spricht er mit dem Gerät wie mit einem Vater. Der abwesende Vater, die große Leerstelle als Ausgangslage. Clooney macht, vordergründig, einen launig-knurrigen Feelgood-Film draus. Im Mittelpunkt: die Bar „The Dickens“, in der J.R.s Onkel Charlie arbeitet. Die Männer dort werden J.R. zu seiner zweiten Familie und verbreiten recht krude Vorstellungen davon, wie ein Junge zu sein hat. J.R.s Mutter kämpft derweil darum, ihrem Sohn Möglichkeiten zu bieten, die ihr verwehrt blieben. Der steht mit einem Fuß immer fest in Charlies Bar. Dort hört er zum ersten Mal Sinatra, sieht, na klar, Baseballspiele im Fernsehen, trinkt sein erstes Bier, und kommt da tatsächlich irgendwann raus – mit einem Studium an der Eliteuni Yale. Er lernt Sydney kennen, eine Kommilitonin, die mit seinen Gefühlen spielt. Nach ersten journalistischen Misserfolgen bei der „New York Times“ beginnt J.R. die Geschichte seiner Kindheit aufzuschreiben. Und erzählt, wie wichtig eine Bar für sein Leben war. So weit, so gut. Das Ganze beruht auf dem 2005 erschienenen Roman „The Tender Bar“ des Journalisten und Schriftstellers J. R. Moehringer, die Memoiren des 1964 in New York geborenen Pulitzer-Preisträgers, Reporter bei der „Los Angeles Times“. Beide spielten ja mal „Batman“Ein Bestseller-Roman als Kino-Vorlage. Clooney und sein Hauptdarsteller Ben Affleck greifen in eine recht sichere Kiste. Beide spielten ja mal „Batman“. Beide denken sicher ungern an den schwarzen, engen Anzug zurück. Nun nehmen sie mit „The Tender Bar locker Kurs auf die Oscar-Saison. Solide inszeniert, untermalt vom Soundtrack der siebziger und achtziger Jahre, mit schicken Schlitten, gutem Gespür für sepia-farbene Interieurs und Whiskey im Glas. Der Film ist kurz vor der Premiere bei Amazon Prime in den USA in die Kinos kommen, um sich für die Oscars zu qualifizieren. Vor kurzem Tagen wurde Affleck für seine Rolle für einen Golden Globe nominiert. Etwas ambitionierter hätte es aber schon sein können. Ja, man lacht, man leidet mit und irgendwie freut man sich für diesen J. R., der unbeirrt den Traum vom Autor und Schriftstellersein verfolgt. Unbehaglich wird es, wenn man beispielsweise zuletzt die USA-Doku von Markus Lanz im Fernsehen gesehen hat , die zeigt, wie nachhaltig und andauernd vor allem das Thema Rassisismus in den Staaten ist. Am Ende werden klassische Männlichkeitsideale bedient Das dürfte vor 30, 40 Jahren nicht besser gewesen sein. Erstaunlich, dass sich Clooney, ungeachtet der autobiografischen Vorlage, offenbar nicht entscheiden kann, welches Narrativ er in seinem 100-Minüter bedient oder plausibel in den Vordergrund stellt. Das des amerikanisches Traumes, quasi vom Tellerwäscher zum Pulitzer-Preisträger, das der Klassen-Race-Problematik oder eben die Suche nach dem Vater, nach Anerkennung, mithin auch die Identitätsfrage und die Definition von Männlichkeit. [Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Krise live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können. Das alles will in dem Film nicht zusammen passen. Teilweise scheinen – siehe das Thema Rassismus– Realitäten ausgeblendet. Am Ende werden klassische Männlichkeitsideale bedient. Mehr zum Thema George Clooney in „Midnight Sky“ Der bärtige Grübler am Ende der Welt Andreas Busche Enttäuscht bei einem neuen Clooney? Ein bisschen. Man könnte der Arbeit eine ahistorische Haltung attestieren. Mittlerweile befindet sich der Schauspieler, Produzent und Regisseur in einer Phase seiner Karriere, in der er sich und anderen offenbar nichts mehr beweisen muss. Das macht Clooney vielleicht ein bisschen zu locker. Andererseits, nach „The Monuments Men“ und „The Midnight Sky“ zuletzt – warum sollte nicht mal ein Feelgood–Film drin sein? Was für einen regnerischen Sonntagnachmittag.

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