Der Durchschnittsdeutsche besitzt rund zwanzig Paar Schuhe, doch oft wird die Frage gestellt, ob diese Vielzahl wirklich nötig ist. Aktuelle Forschungen und historische Einordnungen zeigen, dass Schuhe weit mehr sind als nur Modeartikel. Sie fungieren als soziale Kommunikationsmittel, durch die Dritte Personen unbewusst Informationen wie Alter, Einkommen und politische Einstellung ableiten können. Der Text beleuchtet diese psychologischen Mechanismen sowie berühmte Beispiele für exzessive Schuhsammlungen und erklärt, wie das Schuhwerk den ersten Eindruck und die Wahrnehmung des Charakters prägt.
von Swolke KarbergWir lieben Schuhe! Das würden wohl die meisten von uns unterschreiben. Aber warum ist das eigentlich so? Na, wie viele Paare hast du denn?
Sollten es um die 20 sein, liegst du damit voll im deutschen Durchschnitt. Tendenz steigend, sagt die Statistik. Aber: Brauchen wir die überhaupt alle? Etwas Luftiges für den Sommer, was Warmes im Winter, bequeme Sneaker und schicke Pumps, Sport kommt vielleicht auch mal vor: wären fünf.
Die Antwort auf die Frage, warum so viele Frauen deutlich mehr im Schrank, im Regal, unterm Bett haben, ist ziemlich interessant und vielschichtig. Denn tatsächlich geht es dabei um mehr als verschiedene Kombi-Möglichkeiten fürs Outfit und den puren Spaß an Mode.1825 stellte der große französische Schriftsteller, Dandy und Seelenkenner Honoré de Balzac in seinem "Gesetzbuch für anständige Menschen" fest: "Ein scharfsinniger Beobachter braucht nur die Schuhe zu betrachten, um den wahren Charakter eines Menschen zu entschlüsseln.
" Mag steil klingen, ist aber heute wissenschaftlich belegt: In einer Studie zur Persönlichkeitspsychologie fanden Forschende der University of Kansas heraus, dass die Probandinnen und Probanden allein am Schuhwerk Alter, Einkommen, sogar die politische Einstellung und den Bindungsstil einer fremden Person erkennen konnten – mit einer Trefferquote von 90 Prozent. Die Sammlerin:"Sex and the City"-Protagonistin Carrie Bradshaw beschreibt den Kauf von Designer-Schuhen in der Serie als"religiöse Erfahrung".
Sängerin Mariah Carey bräuchte ganze 27 Jahre, um jedes ihrer etwa 10.000 Paar Schuhe tatsächlich einmal zu tragen. Die genaue Anzahl ihrer Schuhe hält Victoria Beckham geheim. Sicher ist: Die Modedesignerin spendete einst 100 Paar Luxusexemplare für wohltätige Zwecke. Unsere Schuhe sprechen also quasi zu unseren Mitmenschen.
Sie sind ein Code, den die meisten – unbewusst – verstehen. Ein Effekt, mit dem sich bewusst arbeiten lässt: In rebellischen Schnürboots ahnt niemand, wie schüchtern man tatsächlich ist. Oder wie es Schuhpapst Christian Louboutin mal formulierte: "Schuhe geben einer Frau eine andere Stimme.
" Welche das sein soll, können wir jeden Morgen selbst entscheiden. Das Selbstwertgefühl, und man möchte sagen: leider, ist für viele von uns noch immer an ein bestimmtes Schönheitsideal geknüpft, das wir spätestens seit unserer Jugend inhaliert haben und oft nicht mehr vollständig aus dem System bekommen.
Ob Twiggy, Kate Moss oder Kim Kardashian: Sie zeigen uns, wie wir eben nicht sind, dass die Klamotte eben nicht passt oder einfach nicht so aussieht, wie sie aussehen sollte, wenn wir auch so wären wie diese vermeintlich so perfekten Frauen. Der Schuh hingegen ist deutlich demokratischer, der geht bei vielem mit – unabhängig von der aktuellen Konfektionsgröße.
Zwar kann sich auch das Fußformat im Laufe des Lebens verändern, zum Beispiel durch eine Schwangerschaft, durch Krankheit oder wenn man schlicht älter wird, an sich aber ist die Schuhgröße eine der wenigen Konstanten, auf die sich Frau blind verlassen kann. © Alina Schürfeld Zeitgemäßes Design und traditionelles Handwerk: Was im Hamburger Atelier von Alina Schürfeld entsteht, ist beides.
Hier werden Schuhe, Taschen und Kleinlederwaren aus vegetabil, chrom- und metallfrei gegerbtem Leder deutscher und italienischer Gerbereien von Hand gefertigt – darauf legt sie größten Wert. Alina Schürfelds Liebe zu Schuhen zeigt sich nämlich auch in ihrem Credo:"Wahre Schönheit trägt Verantwortung – für die Menschen, die Umwelt und jeden Schritt dazwischen.
"Wenn wir Schuhe kaufen, schüttet das Gehirn Dopamin aus – den magischen Stoff also, der zuständig für Motivation und Belohnung ist. Was sich entsprechend gut anfühlt. Und weil es sich so gut anfühlt, wollen wir mehr davon.
"Mehr davon! ", ruft unsere oberste Schaltzentrale. "Mehr Schuhe! " Klingt nach Sucht-Potenzial.
Der Hamburger Psychologe Alfredo Ferreira Weis kennt sich aus mit diesem "Ich will, ich brauche mehr" und sagt: "In unserer Konsumgesellschaft werden emotionale Grundbedürfnisse häufig unbewusst mit Produkten, beziehungsweise deren Image verknüpft.
" Beim Bier von der Nordseeküste trinkt also der Wunsch nach Freiheit mit, beim Stiefel der Stunde geht’s auch ein wenig um "Ich gehöre dazu". "Das Problem daran ist, dass sich das Gehirn nicht so einfach austricksen lässt", so Weis weiter, "die Ersatzbefriedigung von ganz existenziellen Bedürfnissen hält schlichtweg nicht lange an. Man muss das Verhalten also ständig wiederholen, weil das dahinterliegende Defizit bestehen bleibt. Wer sich einsam fühlt, braucht menschliche Zuwendung, kein neues Telefon.
" Trotzdem habe man durch Shopping kurzfristig das Gefühl, sein Problem ganz allein und vor allem herrlich einfach gelöst zu haben. Spannend, aber irgendwie auch harter Tobak, oder? Also zurück zum Schuh, unserem Begleiter in so vielen Lebenslagen. Diesem besonderen Ding, das – Dopamin hin, Psychologie her – diese wunderbare Gabe hat, uns glücklich zu machen, größer, stärker, wilder oder eleganter.
Dass uns unser Spiegelbild verliebt im Schaufenster ansehen lässt, und pure Freude bereitet, wenn wir sehen, wie toll der trendy Sneaker zu jedem unserer Outfits passt. Genießen wir’s!
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