Was Rodri für Spanien, ist Khedira für Union: die Macht des modernen Sechsers

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Ballverteiler, Zerstörer, Torschütze: Die Rolle des Sechsers wird immer wichtiger. Bei Union Berlin heißt der Mann für alles Rani Khedira.

Ballverteiler, Zerstörer, Torschütze: Die Rolle des Sechsers wird immer wichtiger. Bei Union Berlin heißt der Mann für alles Rani Khedira. Darüber, welche Position im Fußball die wichtigste ist, streiten sich die Geister.

Es hängt auch immer davon ab, welches System bevorzugt wird und wer mit welchen Mitteln das Spiel der eigenen Mannschaft prägt. Das kann, je nach Lesart, der spielende Abwehrchef sein wie einst in den beiden deutschen Nationalteams Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner vonhier und Franz Beckenbauer von Bayern München da. Noch öfter sind das die zentralen Mittelfeldspieler wie einst Fritz Walter und Lothar Matthäus, Matthias Sammer und Toni Kroos. International gehören Johan Cruyff, Michel Platini und Zinedine Zidane in diese Kategorie.

Von den ganz Großen wie Pelé, Diego Armando Maradona, Ganz häufig ist es auch eine Mischung aus mehreren Komponenten wie Spielintelligenz und Torgefährlichkeit, Zweikampfhärte und der Fähigkeit, Strategien umzusetzen und im besten Fall selbst welche zu entwickeln. Idealerweise, sollte die anfängliche Idee nicht aufgehen, sogar während des Spiels. Im modernen Fußball aber gewinnt eine Position immer größere Bedeutung: die des Sechsers oder wahlweise des Achters.

Des Mannes, der vor der Abwehr als Zerstörer des gegnerischen Spiels gefragt ist, besser noch dem Gegner den Ball abluchst und dann das Spiel des eigenen Teams ankurbelt. Und das, wie es modern heißt, im möglichst schnellen Umkehrspiel. Überfallartig. Ohne dass der Gegner Gelegenheit hatte, sich neu zu sortieren und von Angriffs- auf Abwehrmodus zu schalten.

Ein Sechser wie ein Sechser im Lotto. , der nach einem miesen Saisonbeginn nun schnell die Kurve kriegen sollte, ist das in erster Linie ein Fall für Rani Khedira. Seit seinem ersten Tag in Köpenick, wo der inzwischen 32-Jährige seit Sommer 2021 spielt. Wobei er im Berliner Südosten in die Fußstapfen eines Sechsers getreten ist, der das Spiel auf jener Position deutlich anders geprägt hat.

Nicht unbedingt griffiger, aber rustikaler, giftiger, in manchen Phasen sogar deutlich dreckiger: Robert Andrich. Manches davon bringt die Spielweise als Abfangjäger und Ballverteiler in Personalunion zwar mit, nur hängt es von der jeweiligen Klasse ab, wie jemand diese Rolle interpretiert. War Andrich noch in jeder Partie ein Kandidat für eine Verwarnung oder gar einen Feldverweis, schwand die Gefahr bei Khedira ganz beträchtlich. Dabei ist auch er keiner, der mit Samthandschuhen in die Duelle Mann gegen Mann geht.

Auch bei ihm summieren sich Verwarnungen ziemlich regelmäßig zu Sperren. Smarter ist seine Spielweise aber durchaus, auch was die Kommunikation mit den Gegenspielern und Unparteiischen angeht.ausgestreckt hatte. Einen Sechser mit dessen Fähigkeiten und mit der geballten Bundesligaerfahrung findet man nicht überall. Die Irritationen, die es kurzzeitig um einen möglichen Wechsel gegeben hatte, waren aber nicht mehr als ein Störfeuer.

Zumal dem 1. FC Union von Khediras Seite kein Wechselwunsch vorlag und auch die Kölner in Köpenick nicht vorstellig geworden waren. Es gab eine Zeit, da verbot es die Etikette, Spieler bereits ein Jahr vor Vertragsende – Khediras Arbeitspapier ist bis 30. Juni 2027 datiert – zu kontaktieren, um sie zu einem Vereinswechsel zu bewegen.

Opportun war es, dies frühestens ab dem 1. Januar zu versuchen, sofern der Vertrag nicht vorzeitig verlängert worden war. Wohl auch diesbezüglich, so immer mehr der Eindruck, ist es mit dem Respekt nicht mehr gar so weit her, von Befindlichkeiten manchen Beraters oder einer Berateragentur ganz und gar abgesehen. Dieses Geschäft scheint sich immer mehr zu verselbstständigen.

Dass die Eisernen froh sind, weiterhin auf Khedira zu bauen, ist kein Geheimnis und an etlichen Details zu merken. Weil er bereits in seiner ersten Saison in Köpenick in wettbewerbsübergreifend 45 Spielen zum Einsatz gekommen war, gehörte er danach nicht nur zum Mannschaftsrat, sondern ist seitdem als Vertreter von Urgestein Christopher Trimmel Vize-Kapitän. Das schaffte so schnell kaum jemand. Und fehlte Khedira mal, ging die Partie unweigerlich verloren.

Zumindest auffällig oft. In 21 Bundesligaspielen war er über die Jahre nicht dabei, ob wegen einer Sperre, einer einst langwierigen Wadenverletzung oder da er, was überaus selten vorkam, ohne Einsatz auf der Bank blieb. Aus diesen Spielen resultieren ganze vier Siege, aber bei zwei Unentschieden erschreckende 15 Niederlagen. Ein besseres Barometer für die Wichtigkeit eines Spielers kann es kaum geben.

Manager Horst Heldt wird nicht müde, zu betonen, Khedira sei „ein zentraler Teil der Mannschaft“ und als solcher kaum wegzudenken. Zumindest möchte man sich diese Gedanken nicht machen. Jedenfalls noch nicht. Zuletzt, besonders auffällig im vorigen Spieljahr, kam hinzu, dass der Mann, der ursprünglich für die Dinge in der vorgezogenen Defensive zuständig ist, auch nach vorn explodierte.

Fünf Saisontore, darunter hochwichtige wie zu den 1:0-Siegen beim FC St. Pauli und gegen Leverkusen, als er einen kapitalen Bock seines Union-Vorgängers Andrich eiskalt nutzte, sind historisch seine beste Ausbeute. Sie bedeuteten mit Danilho Doekhi, Ilyas Ansah undRodri, der Spanien als Kapitän zum WM-Titel führt e, spielt auf eben jener Position. Er ist mit seiner Konstanz, seiner taktischen Klugheit und seiner Torgefährlichkeit die Perfektion des modernen Spielmachers, der eigentliche Kopf der roten Furien.

An ihm ging bei der Wahl des besten Spielers beim WM-Turnier dieses Sommers kein Weg vorbei. Vorher spielte sein Landsmann Sergio Busquets mit seinem einzigartigen Raumverständnis diese Rolle. Ebenso der Franzose Claude Makélélé, wobei der Vizeweltmeister von 2006 noch mehr als alle anderen die Rolle als Staubsauger vor der Abwehr bevorzugte. Beim 1.

FC Union gibt es sozusagen einen Urvater für diese Rolle. Den zauberte Trainerlegende Werner Schwenzfeier einst aus dem Hut, wie es Magier mit den weißen Hasen machen. Unmittelbar vor dem Finale um den FDGB-Pokal 1968, er hatte zuvor noch nie für die Eisernen gespielt, war plötzlich Reinhard Lauck der Mann auf dieser Position.

Die wurde seinerzeit noch auf andere Art interpretiert, weil die Taktik längst nicht derart bis ins letzte Detail ausgeklügelt war wie heute, doch als Zerstörer wie Angreifer verstand sich auch „Mecky“. Und das wie kaum ein Zweiter, was auch Nationalcoach Georg Buschner aufgefallen war. So kam Lauck ins DDR-A-Team, war Teil des WM-Kaders 1974 und gehörte zu den Olympiasiegern von 1976. Ganz nebenbei, das unterstreicht die Genialität des unvergessenen Pokalhelden, erzielte er auch vergleichsweise viele Tore.

Wohl waren unter seinen 17 Treffern in 104 Spielen auch einige Elfmeter, doch in der Erstligabilanz aus DDR-Zeiten liegen als Torschützen mit Meinhard Uentz , Olaf Seier , Günter „Wibbel“ Wirth, Ralf Sträßer und Rainer Rohde nur fünf Spieler vor ihm. Viele haben sich danach in dieser Rolle versucht. Stephan Fürstner, über Jahre einer der besten Sechser der 2. Bundesliga, führte die Köpenicker nahe an die Schwelle zur Bundesliga, brach dann aber ein.

Damir Kreilach schaffte das ebenso mehr als nur in Ansätzen. Dem Kroaten, zu dessen Abschiedsspiel die Eisern-Profis in der Länderspielpause am 26. September nach Rijeka reisten, wurde indes seine Vielseitigkeit zum Verhängnis. Auch er führte sein Team als Kapitän ganz nah an die Erstklassigkeit, wurde dann aber hier und da gebraucht, zugleich aber dort und anderswo vermisst.

Gleichzeitig an allen Brennpunkten konnte nicht einmal er sein. Das lag nicht an ihm, das lag am Gefüge. Das passte noch nicht ganz für das große Ding. Mit etwas gutem Willen könnte man auch Grischa Prömel in diese Kategorie verorten, auch wenn seine Spezialität, die langgezogenen Läufe in die Tiefe der gegnerischen Hälfte und dort bis in den Strafraum, nicht ganz dazu passt.

Eines ist dabei klar: Die Rolle des Sechsers entwickelt sich immer weiter, wird teils enger, teils großzügiger interpretiert. Auch das macht den Reiz aus. Sollte Rani Khedira mal ausscheiden – sein Vertrag und sein Alter, er ist 32, lassen solch einen Gedanken durchaus zu –, könnte ein Nachfolger bereits in den Startlöchern stehen. Zumal er sich auf dieser Position versuchsweise schon gezeigt hat: Aljoscha Kemlein.

Um seine etwas veränderte Rolleweiß das Eigengewächs, das seit der D-Jugend das Union-Trikot trägt, längst. Sein Plan: „Ich soll und muss vor der Abwehr viele Bälle wegnehmen. Auch muss ich viel dirigieren und meine Mitspieler coachen. Das bedeutet, dass ich, ob in der Bundesliga, der DDR-Oberliga oder zwischendurch, hinterlassen haben oder hinterlassen werden, sind groß.

Aber nicht so groß, dass sie von einem wie ihm, der für die verschiedenen DFB-Nachwuchsteams 27 Länderspiele bestritten hat, nicht ausgefüllt werden könnten.

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