Fußball als Auszeit vom Alltag: Ronald Reng erinnert sich im Interview an die Magie der WM 2006 und erklärt, warum das 'Sommermärchen' bis heute nachwirkt.
Am 11. Juni ist es wieder so weit: Fußball fans sind elektrisiert, freuen sich auf die Weltmeisterschaft und fiebern den Wochen gebannter Fußball leidenschaft entgegen. Bevor das Eröffnungsspiel in Mexiko -Stadt angepfiffen wird, ist der Fußball -Experte Ronald Reng zu Gast in NDR Kultur à la carte.
Wichtige Bücher über Fußball, Fußball-Karrieren und Fußball-Schicksale hat er geschrieben. Für sein Buch"Spieltage. Die andere Geschichte der Bundesliga" wurde Reng mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem" In seinem gerade erschienenen Buch"Der deutsche Sommer" erinnert Reng sich an die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, an das sogenannte deutsche"Sommermärchen". Die Stimmung im Land war damals magisch entkrampft, eine Leichtigkeit, an die sich viele gut und gerne zurückerinnern.
Was war damals passiert? Lässt sich das"Sommermärchen" 20 Jahre später wiederholen? Fragen, über die Alexander Solloch mit Ronald Reng in20 Jahre später erinnern sich Marcell Jansen, Kevin Kühnert und Lena Cassel an diesen besonderen Sommer in Deutschland und die Zeit des Erwachsenwerdens.
Die Zustände im Ausrichterland USA, der FIFA-Wahnsinn um die Ticketpreise und ein Wettbewerbsmodus, der dazu führt, dass inzwischen nahezu alle Länder - bis auf Italien - teilnehmen dürfen, wie auch der eher fragwürdige Zustand der deutschen Nationalmannschaft scheinen die Vorfreude auf dieses Turnier ein wenig einzudämmen. Wie hoch ist denn Ihr WM-Fieber schon, Herr Reng? Ich fühle mich ganz jugendlich, weil Erinnerungen an 1986 wach werden, als die Weltmeisterschaft in Mexiko stattfand und ich 16 Jahre jung war.
Das war ein Ereignis, bei dem meine Freunde und ich nachts aufbleiben konnten, um zeitversetzt diese Spiele zu sehen. Die Eltern waren schon im Bett und wir waren um ein Uhr nachts vor dem Fernseher und schauten Deutschland gegen Marokko. Am nächsten Morgen tapste man halbschwindelig und halbverschlafen durch die Welt und hatte das Gefühl, etwas ganz Außergewöhnliches zu tun. Das war ein wunderschönes Gefühl.
Auf dieses Gefühl hoffe ich auch noch 30, 40 Jahre später, wenn ich um drei Uhr nachts das Spiel Iran gegen Ägypten schauen werde. Sie haben im Buch geschrieben:"Fußball ist das Heraustreten aus dem versklavten Ernst des Alltags in den freien Ernst dessen, was nicht sein muss und deshalb schön ist.
" Also anders gesagt, ohne Fußball-WM wäre ein schönes Leben gar nicht denkbar, oder? Ja, wir brauchen diese Pausen vom Alltag und diesen Vorwand, mal vier Wochen nichts Sinnvolles zu tun, sondern sinnfrei nachts Fußball zu schauen. Einfach mal einreden, dass es nichts Wichtigeres gibt, als das Spiel Elfenbeinküste gegen Curaçao zu gucken und die Frage, wie eigentlich dieser rechte Mittelfeldläufer von Ecuador spielt, ob er nicht vielleicht sogar einer für Bayer Leverkusen wäre.
Dass man stundenlang solche Fragen erörtert und im Internet alle Informationen über diesen Spieler sammelt. Ich glaube, diese Pause brauchen wir Menschen. Deswegen bin ich Fußballjournalist geworden, um mir die ganze Zeit einzureden, dass diese sinnfreien Dinge, die ich tue, zu meiner Arbeit gehören. Was hat Sie dazu verleitet, dieses Buch zu schreiben und dadurch sich selbst, Ihre Umgebung und auch Ihr Publikum in schlimmste Nostalgieattacken zu treiben?
Die Nostalgie-Attacken sind bei meinen Freunden und Bekannten in den vergangenen Jahren, auch ohne mein Buch, immer zum Vorschein gekommen. Wenn wir im Gespräch waren - und man konnte ja gar nicht anders, als auf die Krisen dieser Welt zu kommen - dann kam immer irgendwer mit dem Satz:"Weißt du noch, wo wir vor 20 Jahren waren? Wie schön es 2006 vor 20 Jahren war?
" Da kam irgendwann bei mir der Gedanke, ob die Welt damals tatsächlich eine andere, möglicherweise sogar eine bessere war? Ich habe angefangen zu recherchieren und wollte das in diesem Buch analysieren. Zum einen erinnern wir alle diesen Sommer mit unentwegtem Sonnenschein als eine Gesellschaft im Ausnahmezustand. Aber ich wollte herausfinden, war das tatsächlich Ausdruck eines Zeitgefühls, dass alle so leicht beschwingt und so unbeschwert waren?
Oder war das einfach nur eine große Party, wie es sie auch in diesem Sommer wieder geben könnte? Das Lebensgefühl war vielleicht gar nicht so viel besser. Das war die Startfrage vor diesem Buch. Ich habe versucht, beiläufig ein Fußballbuch zu schreiben.
In erster Linie sollte es ein Gesellschaftsporträt sein. Allerdings habe ich jetzt immer wieder von Lesern oder Kritikern gehört, dass ich daran gescheitert sei. Dass es für die Leute doch ein wunderbares Fußballbuch sei. Aber eigentlich ist es ein Gesellschaftsporträt.
Zum einen habe ich sie thematisch ausgesucht und zum anderen, weil sie fesselnde und starke Figuren waren. Thematisch will heißen, ich habe Zeitungen gelesen, und zwar 20 Jahre alte Zeitungen aus dem Jahr 2006. Der Sommer 2006, über den Sie schreiben, ist im öffentlichen Bewusstsein als"Sommermärchen" verankert. Trotzdem haben Sie Ihr Buch nicht das Sommermärchen genannt, was Sie hätten tun können.
Sie haben Ihr Buch"Der deutsche Sommer" genannt. Warum diese Entscheidung? Zum einen bin ich ein Sturkopf. Ich möchte keine abgedroschenen Worte wiederverwenden.
Ich möchte eigene Ausdrücke erfinden und in die Welt setzen. Ich finde, das Sommermärchen wäre zu einfach gewesen, zu wenig kreativ. Ich fand, der deutsche Sommer im doppelten Sinne einen schönen Ausdruck. Zum einen als Kontrapunkt zum deutschen Herbst 1977, als die RAF mit einer Mordserie durch Deutschland zog.
Aber zum anderen, weil die nationale Frage 2006 groß verhandelt wurde, weil plötzlich überall deutsche Fahnen waren. Die Frage:"Ist das noch patriotisch, beginnt hier schon Nationalismus?
" wurde damals heftig in den Medien geführt. Deswegen war dieser Sommer sehr deutsch. Es ging um das Nationalgefühl und um die Nationalsymbole. Gleichzeitig finde ich, war es der Sommer, den wir alle zusammen in Deutschland erlebt haben.
Schlecht ist die Laune in diesem Land, und auch Manuel Neuer wird sie nicht heben können. Was läuft schief, was fehlt, fragt Kolumnist Alexander Solloch. Wodurch wurde die WM 2006 so magisch? In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die Menschen zunächst einmal nicht so übermäßig erwartungsfroh waren.
Das ist natürlich die unwiderstehliche Kraft des Fußballs, dass Fußball diese Momente schafft, die alles auf den Kopf stellt. Da gab es bei dieser Weltmeisterschaft aus deutscher Sicht drei Momente, die ein ganzes Volk mitgerissen haben. Das Eröffnungsspiel lief, glaube ich, nur sechs Minuten und dann schoss Philipp Lahm ein zauberhaftes Tor. Der Ball bog sich bis in den Torwinkel hinein, es war ein Weitschuss.
Dann gab es im Vorrundenspiel dieses Tor in der allerletzten Minute gegen Polen. David Odonkor flankt, Oliver Neuville rutscht rein und als Jens Lehmann im Elfmeterschießen gegen Argentinien einen Zettel aus dem Stutzen zog und las, hielt er zwei Elfmeter. Das waren Momente, die uns überwältigt haben. Dann geht alles sehr schnell.
Was eben noch verzagt war, wird plötzlich wunderschön. Zu den Protagonisten Ihres neuen Buchs gehört auch ein 18-jähriger Fußballspieler namens Julian. Er spielt in der Jugend von 1860 München und sieht sich auf dem Sprung in die Profimannschaft. 2007 wird dieser Traum aufgrund hartnäckiger Verletzungen platzen. Statt Fußballprofi wird er Trainer.
Ist Bundestrainer Julian Nagelsmann der Richtige für diesen Job? Er ist ein fachlich sehr kreativer und innovativer Trainer, der diese Mannschaft sehr gut und mit großer Begeisterung und Zuneigung für Menschen führt. Er bringt sehr viel mit, hat gute Ideen und eine sehr gute Einschätzung von Spielern. Meiner Meinung nach gibt es nicht viele bessere Trainer in Deutschland.
Am 14. Juni 2026 startet die WM für die deutsche Nationalmannschaft mit dem ersten Gruppenspiel gegen Curacao. Alle Termine bis dahin in der Übersicht. Tendenziell würde ich eher zu Märchen neigen.
Die deutsche Mannschaft ist eine wahnsinnig kreative Mannschaft. Wenn wir sie zum Beispiel mit der von 2006 vergleichen, gibt es viel bessere Einzelspieler. Das Potenzial für eine Mannschaft, die uns sehr positiv überraschen kann, ist da. Alle paar Jahre treffen sich die Fußball-Helden von 1990, um sich an die WM in Italien zu erinnern - dieser Film lässt einen dabei sein.
Vor 50 Jahren: Als die DDR die Bundesrepublik bei der WM 1974 besiegte Am 22. Juni 1974 treffen Ost und West in Hamburg in der WM-Vorrunde aufeinander. Für die Spieler geht es um Fußball, drum herum auch um den Kampf der Systeme. NDR Kultur informiert alle Kulturinteressierten mit einem E-Mail-Newsletter über herausragende Sendungen, Veranstaltungen und die Angebote der Kulturpartner.
Melden Sie sich hier an! NDR Kultur können Sie jetzt immer bei sich haben - Livestream, exklusive Gewinnspiele und der direkte Draht ins Studio mit dem Messenger.2006 war mehr als die Fußball WM. Autor Ronald Reng erklärt, warum uns dieser Sommer seit zehn Jahren bis heute bewegt - und wie er die aktuelle deutsche Mannschaft einschätzt.60 Jahre Jazz Club Hannover mit großem Jubiläumsprogramm Count Basie, Duke Ellington, Lionel Hampton haben hier gespielt.
Unter den nächsten Jubiläumskonzerten ist eines im Zoo geplant: zwischen Eisbären und Pinguinen. Im Rahmen des Hamburger Theaterfestivals war das Stück mit Joachim Meyerhoff in der Hauptrolle im Schauspielhaus zu sehen - konnte aber nicht überzeugen.
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