Buchauszug aus „Rauhnächte“ - Als ich zur Chemo gehe, frage ich mich: Hat Olaf Scholz ein Herz aus Stein?
In meinem Körper arbeiten offenbar starke Kräfte, „passen Sie auf“, hatte Schwester Judith beim Abschied gesagt, dass Ihre Kinder nicht mit Ihrem Urin in Berührung kommen … Kinder habe ich nicht. Bei diesem Sechs-Stunden-am-Tropf-Hängen hatte ich viel Zeit zum Lesen, ich habe mir leichte Lektüre gesucht, erst ein verblüffend unterhaltsames, außergewöhnlich erwachsenes Kinderbuch: „Die Insel der Pferde“ von Eilis Dillon.
Es spielt Anfang des 20. Jahrhunderts an Irlands Westküste, und es gibt – so en passant – einen berührenden Einblick in eine verschwundene, eine harte Welt, eine wegsterbende Kultur, geprägt durch Armut und Religiosität – Themen und Stimmungen, die sich auch in Heinrich Bölls schwermütigem Irlandtagebuch finden. Dann, bei der Zeitungslektüre, erfahre ich, dass „die Tennis-Legende Boris Becker“ noch vor Weihnachten aus dem Gefängnis entlassen und „als freier Mann nach Deutschland abgeschoben werde“, um „Großbritanniens Haftanstalten zu entlasten“.Vor vielen Jahren, Ende 1989, hatte ich ein langes und intensives Gespräch, es zog sich über eine Woche hin, mit Boris Becker geführt, das mein Leben verändert, mich journalistisch auf eine andere Umlaufbahn geschossen hat; ein Gespräch, das beim Erscheinen einen medialen Großaufschrei provozierte – in Deutschland, aber auch im Ausland. Unter anderem, weil der damals als deutscher Jungheld hemmungslos Gefeierte völlig Unerwartetes, überaus Ungehöriges von sich gab, zum Beispiel so etwas: Bundeswehr? Nein, danke. „Ich würde kein Gewehr in die Hand nehmen.“ Hafenstraße? Mein Gott, diese zu RAF-Terroristen hochgejazzten Hausbesetzer in Hamburg „sind mir sympathischer als manche Menschen in meiner Umgebung“. Deutschland? „Dieses nationalistische Gerede habe ich satt.“Herr Becker, Sportler, heißt es allenthalben, sind Vorbilder. Sind Sie eines? Aus Sportlern werden Vorbilder gemacht. Ich könnte ein Buch darüber schreiben. Wenn du Olympia- oder Wimbledonsieger bist, hast du ein Vorbild zu sein für Kinder und Erwachsene, weil du ein Ziel erreicht hast, von dem so viele träumen. Sie sehen dich als Idol. Dass du das gar nicht willst, ist allen egal. Du wirst nicht danach gefragt, du bist es einfach. Nochmals: Wir leben im Jahr 1990, und es geht im Sport nur ums Geld. Das ist traurig, aber wahr. Das ist traurig, weil der Mensch in diesem Zirkus auf der Strecke bleibt.Nein, überhaupt nicht. Wir haben über die Werte in dieser Gesellschaft geredet, und ich habe gesagt, dass die Werte falsch sind: Geld und Ruhm machen nicht glücklich.Ein Mensch, der sehr früh extreme Situationen erfahren hat und der es gelernt oder geschafft hat, sie für sich als Vorteile zu nutzen. Ein Mensch, der im Augenblick noch ein bisschen Schwierigkeiten hat, wirklich Mensch zu sein, da er noch an viele Verpflichtungen gebunden ist, der aber glaubt, dass sie ihn in ein paar Jahren nicht mehr binden und er dann nur noch Mensch sein kann. Ohne Logo auf den Schuhen, ohne Logo auf der Kleidung – wirklich frei, absolut frei. Ein paar Monate nach diesem Gespräch: Die Stadt brodelt wegen der Hafenstraße, Straßenbarrikaden, Demonstrationen, Bürgerkriegsszenen, die Hausbesetzer wehren sich gegen die angedrohte Räumung, ein jahrelanger heftiger Kampf, angespannte Aufregung allenthalben; beim Tennisturnier am Rothenbaum hingegen freudige Aufregung. Boris Becker hat gute Chancen, das Turnier erstmals zu gewinnen – was dann doch nicht klappt. Er steht auf dem Platz, plötzlich dringen Rufe von draußen vor der Tür stehenden Hafenstraßen-Sympathisanten ins Stadion: „Boris, komm zum Hafenrand, wir brauchen deine Vorderhand!“ Einige dieser Demonstranten hatten schon damals das, was Boris Becker jetzt auch hat: Knasterfahrung.Buchauszug aus „Rauhnächte“ - Ich habe Krebs - und noch nie so direkt erlebt, wie ersetzbar ich binNachher bringe ich die kleine „Pumpe“, die ich nach der Chemositzung bekam, zurück in die Praxis. Es ist ein kleines Fläschchen, aus dem irgendwelche Stoffe durch den Port in meinen Körper fließen, und das ich nun nach jeder Chemositzung zwei Tage/Nächte am Körper rumtragen muss. “Mein Opossum“, sagt Barbara jetzt zu mir. Nachteil des in der Wildnis lebenden Opossums: Es hat eine Lebenserwartung von nur zwei bis vier Jahren.„Gestern war ich noch mitten im Leben, heute bin ich draußen und mit dem konfrontiert, was wir alle wissen, die meisten irgendwie verdrängen. Doch für mich nicht mehr möglich ist, dieses Wissen auszublenden: dass wir alle sterben müssen. Das Mistviech in meinem Körper hämmert mir dieses Wissen ja ohne Unterlass in den Kopf: Ich hab' Dich im Griff! Und ich würde es gerne anbrüllen: Komm raus, Du blödes Viech! Aber das böse Tier denkt nicht daran. Ob Bestrahlung, Chemo es zermürben, erwürgen?“ Nach seiner Krebsdiagnose, die Bestseller-Autor Arno Luik im vergangenen Spätsommer bekam, macht er das, was er noch nie tat: Er schreibt ein Tagebuch. Er notiert seine Innenansichten, den Schrecken, die Albträume, seine Sehnsucht nach Leben - aber plötzlich geht es um viel mehr als das persönliche Drama: um diese zerrissene, malträtierte Welt. Die so schön sein könnte, wenn, zum Beispiel, die Regierenden nicht ...
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