Wer wird Junckers Nachfolger? Auf offener Bühne debattieren die Kandidaten für das Amt des EU-Kommissionspräsidenten. Die Bewerber im Überblick:
In Brüssel trägt der Mann aus Niederbayern keine Krawatte und sein Sakko offen. Manfred Weber, 46, Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei , präsentiert sich an diesem Abend als der gute Freund von nebenan.
Er ist längst nicht so wortgewaltig und angriffslustig wie sein Kontrahent Timmermans. Der CSU-Politiker zeigt sich eher verständnisvoll und appelliert an die Kompromissfähigkeit der anderen. Die wird Weber auch brauchen, wenn es nach derdarum geht, eine Mehrheit hinter sich zu versammeln. Er hat gute Chancen, dass die EVP erneut die stärkste Fraktion im Parlament stellen wird. Doch diesmal muss er eine Koalition mit drei oder gar vier Parteifamilien schmieden, die ihn zum Kommissionspräsidenten wählen würden. Sein Programm ist bekannt: ein stärkerer Schutz der EU-Außengrenzen; eine Wirtschafts- und Finanzpolitik, die sich an die europäischen Defizitregeln hält; und eine Klimapolitik, die auf Innovation statt neue Steuern setzt.Eigentlich ist sie gar keine Spitzenkandidatin. Die 51-jährige Dänin ist vielmehr Teil eines siebenköpfigen Spitzenteams, das ihre Partei Alde aufgestellt hat. Die Liberalen lehnen das Spitzenkandidatensystem vor allem deshalb ab, weil sie sich mit Emmanuel Macron verbündet haben. Frankreichs Präsident gilt als Vestager-Fan, ist aber gegen den Automatismus, dass der Spitzenkandidat der siegreichen Partei - also wohl der EVP - Anspruch erhebt, Kommissionspräsident zu werden. Doch abgesehen von den machttaktischen Winkelzügen ist ziemlich klar, wen die Liberalen aus ihrem Kreis am liebsten an der Kommissionsspitze sehen würden: Vestager. Deshalb tritt sie nun auch bei der Brüsseler Debatte auf. Doch richtig punkten kann sie nur bei den ihr vertrauten Politikfeldern: Wettbewerb und Steuern. Da ist sie als EU-Wettbewerbskommissarin nicht nur am glaubwürdigsten, sondern auch am kämpferischsten. Auf die Frage, was für sie eine Steueroase sei, antwortet sie: Orte,"an denen jeder Steuern zahlt". Beifall.Der Tscheche nimmt eine besondere Rolle im Wettbewerberfeld ein: Er ist der einzige Osteuropäer und als Vertreter der"Europäischen Konservativen und Reformer" will er den Mitgliedsstaaten viel mehr Rechte geben. Die immer gleichen Rezepte einer"ever closer union", also einer immer enger werdenden Integration in möglichst vielen Bereichen, sind in seinen Augen ungeeignet, damit Europa die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bewältigen kann. Er beschreibt sich als"Europa-Realist" und verweist etwa darauf, dass die Tschechen gerne EU-Mitglied sind, aber eben nicht den Euro einführen wollten. Mehr Pragmatismus, weniger schwärmerische Visionen, das ist die Devise des erfahrenen Europaabgeordneten, der die Favoriten Weber und Timmermans schon mal mit"Cola light" und"Coke Zero" vergleicht - die Unterschiede seien in Wahrheit minimal. Zu Zahradils EKR-Gruppe gehören etwa die britischen Tories und die polnische Regierungspartei PiS, die deutlich polemischer und aggressiver gegen Brüsseler Bürokraten wettern als der freundliche 56-Jährige. Und dessen milde EU-Kritik ist nichts im Vergleich zu dem, was die Populisten aus den Reihen der FPÖ, Matteo Salvinis Lega oder dem Rassemblement national von Marine Le Pen künftig im Parlament verbreiten dürften.Ska Keller ist die einzige, die den ganzen Spitzenkandidatenreigen schon zum zweiten Mal macht. Bereits 2014 ging sie als Frontfrau der europäischen Grünen ins Rennen. Dabei ist Keller mit 37 Jahren auch die jüngste der Kandidaten, seit 2009 sitzt die Deutsche schon im Europaparlament. Sie tritt dementsprechend souverän auf, zeigt klare Kante, wirkt aber in ihren Statements manchmal etwas einstudiert. Am emotionalsten wird Keller beim Thema Klimawandel."Wir dürfen nicht länger warten", appelliert sie an die Runde. Die Instrumente, um die Wirtschaft umweltfreundlicher zu machen, seien da - sie müssten nur eingesetzt werden. Besonders Weber nimmt sie dabei ins Visier: Seine EVP würde viele Vorhaben blockieren. Das sei auch der Unterschied zu ihren Grünen:"Manche reden nur, wir wollen wirklich handeln."Am emotionalsten wird Nico Cué, der wohl unbekannteste aller Kandidaten, wenn er über seine eigene Lebensgeschichte spricht. Geboren in Spanien floh der 63-jährige Spitzenkandidat der europäischen Linken mit seiner Familie vor dem Franco-Regime und lebt seither in Belgien. In Migrationsfragen ist der Linke daher äußerst liberal, Zuwanderung sei eine Chance, so Cué, er selbst dafür doch das beste Beispiel. Als einziger spricht der Gewerkschafter hier auch nicht englisch, sondern französisch, was erklären könnte, warum er meist ein bisschen abseits der Diskussionen wirkte. Auf das Amt des Kommissionschefs hat er freilich keine Chance, wenn es um Mehrheiten für die anderen Kandidaten geht, könnte er aber eine Rolle spielen. So müht sich Timmermans schon auf der Brüsseler Bühne, die Grünen und die Linke ins Boot zu holen, als er einen gemeinsamen Block gegen den Klimawandel ins Spiel bringt. Ob das gelingen kann, wird sich nach Schließung der Wahllokale am 26. Mai zeigen. Dann findet der Wettstreit hinter den Kulissen statt, und nicht mehr im Scheinwerferlicht.
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